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La Musica

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Damals gab es einen Tag, an dem sprach ich mit verschiedenen Italienerinnen und alle klangen sie wie Musik in meinen Ohren.

Es ist einerseits diese Sprache, die tiriliert und sopraniert und sich in allen Oktaven durch Trommelfell und Innenohr schlängelt, vorbei an Amboss und Steigbügel und wie dieses dritte kleine Gehörknöchelchen schnell noch heißt, direkt in das Genusszentrum des Gehirns hinein, und dort breitet sie sich dann aus und lässt dein ganzes Ich vor lauter Freude schwingen. Italienisch ist einfach ganz große Oper, wenn du es hörst.

Es sind aber schon die banalen Dinge in diesem Land, die alles um mich klingen lassen. Zum Beispiel die Marketing-Managerin der Villa Condulmer, wo ich damals wohnte, ihr Name nämlich: Elisa Siciliano. ehrlich. Ich meine, so musst du erst einmal heißen. Erinnerte mich sofort an jene Schönheit vergangener Jahre aus dem seinerzeitigen Grazer Szene-Beisl „Kommod“, Tochter eines Florentiner Malers mit sizilianischen Wurzeln, die in Graz studierte und die ich eines Abends kennengelernt hatte. Sie hieß: Titiana Fortuna. Stellen Sie sich das einmal vor! Die sizilianische Tochter eines Malers, und dann heißt die auch noch Titiana Fortuna. Sagen Sie es sich laut vor. Titiana Fortuna. Haben Sie da nicht sofort das blaue Meer, sonnige Piazzas, feurig rote Lippen (welche Titiana übrigens wirklich hatte), roten Wein, die ganze Schwere des Mezziogiorno, die Leichtigkeit der Levante, die Amalfi-Küste, Palermos morbide Schönheit oder auch die schmalzig-prallen Capri-Fischer vor Augen und in den Ohren?

Aaah, Italien.

Mich macht das immer traurig. Mit Schmerz denke ich dann nämlich an jenen Stammbaum, den meine Mutter einst in grauer Vorzeit erheben hatte lassen und den ich als Bub einmal zu Gesicht bekam. Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Man sieht es mir zwar nicht an, aber mütterlicherseits tänzelt italienisches Vorfahrenblut durch meine Adern, mein Ururururururgroßvater oder so stammte aus dem Trentino, er hieß: Domenico Casagrande. Schon wieder: ehrlich. Muss wohl ein großes Haus besessen haben, das ein Nachfahre von ihm dann erbte, wofür er sich beim Herrgott wohl recht herzlich bedankt haben mag, denn der hieß tatsächlich: Giovanni Graziadei. Und ich? Puchleitner.

Da hast du Vorfahren, die sich Casagrande und Graziadei nannten, und dann heißt du Puchleitner. Kommt wohl von einer schrägen Wiese, einer „Leitn“ also, auf der Buchen standen. Vermutlich waren meine Altvorderen väterlicherseits Tagelöhner, die sich auf einem fremden Bauernhof verdingten, beschattet von auf Hängen stehenden Buchen. So wurde im Laufe der Jahrhhunderte aus Casagrande und Graziadei in Florenz über Senona in Meran und Göllner in Mondsee dann eben irgendwann einmal: Puchleitner in Graz. Das hätte wirklich besser laufen können. Vermutlich trage ich die schwere Karma-Schuld eines früheren Familienmitglieds ab, weil das Universum mich weder Ire werden hat lassen noch wohlklingender Italiener. So bleibt mir nichts, als ab und zu auf die grüne Insel hinüber zu fliegen oder gegen Süden zu fahren, Ceoil in den Pubs der Iren und Musica in der Sprache der schönen Italienerinnen zu konsumieren.

Genug der Schwafelei, kommen wir zur Villa Condulmer in Mogliano Veneto, im Hinterland der Lagune von Venedig. Weil wir über Musik sprachen: Verdi wohnte und komponierte hier, eines seiner Klaviere steht immer noch in der Lobby des heutigen Fünfsternehauses. Gordon Sumner war hier außerdem zu Gast, was Ihnen vermutlich nichts sagen wird, wenn Sie nicht Fan sind. Der Mann arbeitet nämlich unter einem Pseudonym: Sting. Ich sah auch jenes Zimmer, in dem einst Ronald Reagan übernachtete, jener leider nur fast so gute Politiker, der aber angesichts seines heutigen Nachfolgers als intellektuelle und moralische Lichtgestalt gelten darf. Auch er war schon Gast in der Villa Condulmer. Der Komplex liegt in einer Art Schlosspark, umsäumt von altem Bewuchs und einer vom Alter zerfurchten Mauer, wie das sonst nur die Britischen Inseln mit ihren Herrenhäusern und Schlössern in vergleichbarer Weise zustande bringen. Das Hotel ist superpittoresk, superitalienisch und superteuer. Sehr, sehr viel Patina. Man braucht schon eine wenig Grandezza, um die vielen kleinen Schwächen durchgehen zu lassen, für die man astronomische Preise bezahlt. „Zwischen 300 und 1000″ Euro pro Nacht“, stand auf einem Schild, das ich damals, vor gut einem Jahrzehnt, irgendwo gesehen hatte.

Doch die Villa Condulmer ist so richtig Italianità pur, wenn Sie wissen, was ich meine. Da muss man halt was hinblättern, schließlich bekommt man dafür auch das Lebensgefühl der mediterranen Renaissance vermittelt, die in Sachen Genuss und Pomp und verschwenderischer Opulenz ja ziemlich konkurrenzlos war.

Nicht dass Sie übrigens glauben, bei mir ist der Reichtum ausgebrochen, eher das Gegenteil ist der Fall. Doch Marketing-Managerin Siciliano, la donna e nobile: Sie war seinerzeit so freundlich, mich gratis wohnen zu lassen, weil sie wusste, dass ich damals über Hotel und Golfplätze schrieb, von denen die Villa Condulmehr in ihren Gärten einen hat.

Mille grazie im Nachhinein, bella Signorina!

Aber wo bleibt denn da die Compliance?, werden Sie jetzt fragen. Seien Sie versichert: Ich wohnte nicht in einem Zimmer, das jenem Reagans vergleichbar wäre, sondern in einer höchstens zehn Quadratmeter großen Besenkammer eines ausgemusterten Seitentraktes, in der man zahlende Kunden nie und nimmer unterbringen könnte. Aber das war selbstverständlich voll in Ordnung so. Immerhin konnte ich die mehrere Stock hohe alte Lobby der Villa genießen, saß in der großartigen Bar und konsumiere meinen Cappuccino (den ich natürlich bezahle) auf altem Satin, welches die Sofas großzügigst überspannt. Außerdem arbeitete ich hier und schrieb nicht nur Blogposts, sondern hatte auch das Auto Schnurrdiburr vor der Villa zu fotografieren und bei Adriano Veneri zu recherchieren, dem ehemaligen Kicker-Star von Inter Mailand und heutigen Consigliere des Golfclubs der Villa Condulmer.

Adriano Veneri! In Italien heißen einfach alle, als wären sie eine Sinfonia. Selbst die Männer. Auch die Golfclubmanagerin, die Amerikanerin ist. Sie hieß nicht Tracy Something oder Cathy Whatever, sondern: Gabriella De Girolamo. Merke: In Italien haben auch die US-Girls italienische Namen, als wären sie Charaktere aus einer tragischen Oper. Tutto la musica allüberall, tutto bene oggi an diesem Tag, ich konnte mit Fug und Recht sagen: Sono ausgesprochen beschwingt.

Weiter semantische Musica: Ich fuhr dann weiter Richtung Triest und wohnte in meinem Lieblingshotel, dem Rivièra e Maximilians. Es gehört auch heute noch der Benvenuti-Familie. Ich meine, auch das musst du einmal auf die Reihe kriegen – Hoteliers, die Benvenuti heißen, also sehr unscharf übersetzt in etwa: „Gute Ankunft“. Mit Mutter Hedy und Sohn Alex sprach ich bereits vor vielen Jahren, als ich mein Radioporträt über Triest und Veit Heinichen recherchierte, ganz liebe Menschen. Ich traf später beide wieder, wir haben uns neuerlich nett unterhalten. Frau Benvenuti ist so etwas wie eine Grande Dame, sie spricht wunderbar Deutsch und wenn sie in unserer Sprache redet, die ja immer ein bissl wie ein Trampeltier daher kommt, klingt selbst das hölzerne Germanische wie eine kleine Oper. Da wurde mir gleich ganz musikalisch und ich überlegte, ins nicht weit entfernte Venedig zu fahren, mich vor den Haupteingang von La Fenice stellen und die Einheimischen mit einem Ständchen zu schockieren. Ich, unmusikalischster aller unmusikalischen Menschen, beabsichtige zu trällern: das Nessun Dorma. Das hätte  ein Theater werden können, eine Tragödie. Man hätte mich vermutlich verhaftet und in die Bleikammern der Stadt geworfen, wo ich geschmort hätte wie einst der große Casanova, der zwar vermutlich auch nicht singen konnte, aber immerhin die zarten Saiten der Frauen zum Klingen brachte, was ich ebenfalls nicht so richtig im großen Stil drauf habe. La Musica ist halt mehr in meinen Ohren und nicht in meinen Stimmbändern oder in meinem Charme. +++