Vor mittlerweile bereits sieben Jahren schrieb ich für das profil ein Kurzporträt der damals neuen ORF-1-Chefin Lisa Totzauer. Mein Eindruck damals: eine Macherin. Jetzt steht fest: Totzauer wird sich zum zweiten Mal um den Job der ORF-Generaldirektorin bewerben. Der Text von damals gilt fast eins zu eins auch heute noch, daher leicht aktualisiert hier einfach noch einmal:
Jeder Treffer zählt, gnadenlos, überall. So ist Elisabeth Totzauer – das „Elisabeth“ ist im Laufe der Zeit dem weniger förmlichen „Lisa“ gewichen – es von klein auf gewohnt. Beim Degenfechten, das sie in ihrer Jugend mit Passion und Erfolg betrieben hat, spielt sich alles direkt und unmittelbar ab. Daneben ist daneben und getroffen ist getroffen. So etwas bleibt einem. Genau diese Eigenschaft wird Lisa Totzauer heute nachgesagt – direkt zu sein. Eine Tageszeitung nannte das seinerzeit „hemdsärmelig“.
Im Neudeutsch der Managementhandbücher heißt es wohl: Hands-on-Mentalität. Totzauer, die das Schicksal des ersten österreichischen Fernsehprogramms nun seit etwas mehr als acht Jahren in ihrer Hand hält, ist wohl tatsächlich ganz genau so. Sie kämpft einen schweren Kampf auf einem Schlachtfeld, das von Disruption und wild gewordenem Mitbewerb heftiger umfehdet nicht sein könnte. Vor allem der Nachmittag sowie der Vor- und Hauptabend im Fernsehen, den sie in den vergangenen Jahren umbaute, das ist schwieriges, verschlammtes Terrain. Man verliert schnell an Boden.
Auch in den elektronischen Medien, das ist uns allen längst klar, bleibt kaum mehr etwas beim Alten. Die Angriffe kommen von überall. Vor allem die Serienwelt ist aus den Fugen geraten. Hippe Streamingdienste, die Serien für Nischen en masse und einigermaßen kostengünstig produzieren können, weil ein weltweites Nischenpublikum zahlenmäßig immer noch eine gigantische Manövriermasse darstellt, laufen den lokal begrenzten TV-Sitcoms und -Shows längst den Rang ab. US-Serien, mit denen der ORF früher seinen Vorabend im ersten Kanal passabel bestreiten konnte, brechen total weg. Totzauer musste und muss noch immer umbauen.
Von heute auf morgen geht das nicht. Bei Amtsantritt als Channel-Managerin 2018 tönte sie noch, es müsse schnell gehen. Schon damals sagte sie jedoch: zügiges Tempo, aber dennoch Schritt für Schritt. Der erste Schritt ist natürlich längst, seit Jahren nämlich, abgeschlossen. Der erste heimische TV-Kanal hat damals eine neue Identity verpasst bekommen, die er hier und da minimal adaptiert auch heute noch vor sich her trägt. Das Design wurde seinerzeit sogar mit dem Red Dot Award, einem der angesehensten europäischen Desigpreise, ausgezeichnet. Totzauers Einstiegsarbeit war das quasi.
Ob Lisa Totzauer, die vielfach ausgezeichnete und angesehene Innenpolitikjournalistin der Vergangenheit, es bereut, sich aus dem Journalismus ins Medienmanagement verabschiedet zu haben? Nein, sagte sie 2019 im Brustton der Überzeugung. Und dieses Nein gilt heute, da sie sich zum zweiten Mal um den ORF Chefposten bewirbt, wohl immer noch in derselben Intensität. Doch zweifellos ist die Liebe von früher, zum Journalismus, immer noch ein wenig da. Fast schwingt zum Beispiel Stolz mit, wenn sie erzählt, wie sehr sich ihre vielen Redakteure nach ihrem Wechsel ins Channel-Management eine Zeit lang bei komplizierten Beiträgen immer noch um Rohschnittabnahmetermine mit ihr – und sonst niemandem – bemühten. Weil Totzauer mit ihrer langen journalistischen Erfahrung eben Dinge sieht, die andere nicht sehen.
Sollte sie gewählt werden, wird sie das wohl auch müssen – denn einen Weg für den ORF aus den Skandalen und hinein in die Zukunft zu finden, den derzeit kaum jemand ausmachen kann, das wird eine echte Heruasforderung. +++





