Nach ziemlich genau einem Jahr lässt sich über die Regierungsperformance gut Bilanz ziehen, zum Beispiel jene des kleinsten Partners in der Dreierkoalition – die Neos. Gestartet sind sie 2013 als der Hoffnungsträger schlechthin – aus dem Stand in den Nationalrat, das hatte was. Der pinke Zauber schrieb ich damals unmittelbar nach der Nationalratswahl in einer großen Neos-Coverstory im Nachrichtenmagazin „Format“. Und nun die Bilanz: Wie zuvor bereits die Grünen bei ihrer erstmaligen Regierungsbeteiligung haben sich auch die Neos zur ganz großen Enttäuschung entwickelt. Ihre Performance nach einem Jahr Regieren ist so gut wie nicht vorhanden, um nicht zu sagen: desaströs. Die drei pinken Mitregierenden haben kaum etwas zustande gebracht. Beate Meinl-Reisinger jettet als internationales Außenministeriums-Leichtgewicht um die Welt und hinterlässt dabei weniger Eindruck als sogar der unsägliche Sebastian Kurz vor Jahren. Sepp Schellhorn befeuerte eine unglückliche Dienstwagen-Diskussion und hat eine Website online gestellt, auf der er um Tipps der Bevölkerung bittet, was er machen soll. Und in der Folge einen hanebüchenen Entbürokratisierungsplan veröffentlicht, der inzwischen wieder in der Versenkung verschwunden zu sein scheint.
Und jetzt Christoph Wiederkehr, der Bildungsminister. Er schlägt vor, den Latein-Unterricht zu Gunsten eines neuen KI-Unterrichts abzuschaffen. Das ist womöglich der undurchdachteste Vorschlag, den ein Bildungsminister zum Thema Bildung nur machen kann. Fast mag man ja vermuten, Wiederkehr hat sich dieses Kuriosum von ChatGPT einflüstern lassen. Schulen, vor allem höher bildende Schulen, als Lieferanten praktischer Fertigkeiten für das Zurechtkommen im Berufsleben misszuverstehen, ist nicht nur eine Anbiederung an Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer, sondern eines Bildungsministers unwürdig. Abgesehen von den Berufsschulen natürlich, soll man an einer Schulen lernen, eigenständig zu denken – und nicht, wie man das Denken möglichst professionell an eine KI abgibt. Sprachunterricht – die Beherrschung von Latein-Kenntnissen ist die Grundlage des Erlernens vieler Sprachen – schafft das Fundament für weltoffenes Denken, die Basis für das Verständnis anderer Kulturen, für Freiheit in Geist und Charakter. KI schafft die Basis für Verdummung. Wenn man das Beherrschen von Fremdsprachen an einen KI-Dolmetsch zu delegieren lernt, ist das also genau das Gegenteil von Weltoffenheit.
Natürlich, KI ist längst in den Gesellschaften angekommen – und wird in deren intellektuellem Pouvoir fürchterlichen Kahlschlag anrichten. Das ist, wie es ist, und es ist irreversibel. Umso mehr muss in Bildungseinrichtungen versucht werden, jungen Menschen dennoch ein Mindestmaß an klassischer humanistischer Bildung zu vermitteln. Eigenständiges Denken muss ermutigt werden. Natürlich braucht es parallel eine Ethik-Ausbildung, wie man mit KI umzugehen, wie man sie zu hinterfragen hat, um auch ohne Einflüsterungen einer künstlichen, nach unten nivellierenden Intelligenz charakterlich erfolgreich durchs Leben gehen zu können. Also braucht es – abgesehen von der derzeit noch völlig ungeklärten Frage, was da eigentlich unterrichtet werden soll und vom wem – tatsächlich so etwas wie KI-Unterricht. Aber nicht statt eines Faches, das ein Fundament humanistischer Bildung darstellt. Wenn KI-Unterricht schon ein anderes Schulfach ersetzen soll, dann am besten den völlig aus der Zeit gefallenen und für die Entwicklung einer weltoffenen, zivilisierten Gesellschaft kontraproduktiven Religionsunterricht.
Doch darüber eine Partei wie die Neos entscheiden zu lassen, ist fahrlässig. Oder einen Bildungsminister wie Wiederkehr, der bisher in seinem Amt unter jedem Radar agiert und keine einzige der längst überfälligen tiefgreifenden Schulreformen in Österreich angegangen ist. Das wäre, als würde man Beate Meinl-Reisinger zutrauen, Donald Trump zu zähmen. Oder Sepp Schellhorn, echte Entbürokrastisierungsschritte zu setzen. +++





