Start Business As Usual Ist Mercosur jetzt Fluch oder Chance für die Landwirtschaft?

Ist Mercosur jetzt Fluch oder Chance für die Landwirtschaft?

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Das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten wurde vor einer Woche unterzeichnet, seither schlagen die Wellen hoch. Der Landwirtschaftsminister, ein erbitterter Gegner von Mercosur, liegt mit seinem Parteifreund, dem Wirtschaftsminister, einem Befürworter, im Clinch. Auch international sorgt Mercosur für Aufregung, in Irland protestieren etwa Tausende Bauern gegen das Abkommen. Dabei gehen Argumente oft unter. Daher ein Blick auf die Fakten – was bedeutet Mercosur wirklich für Österreich?

Vereinfacht gesagt: Mercosur ist ein Abkommen zwischen der EU und den vier südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Unter anderem können dadurch festgelegte Mengen südamerikanischer Lebensmittel zu reduzierten Zöllen importiert werden. Das hat Auswirkungen auf die österreichische Landwirtschaft. Der Verein „Land schafft Leben“ kritisiert diese Folgen: Die hohen heimischen Produktionsstandards mit den vielen Auflagen für die Landwirtschaft erlauben keine Konkurrenz durch Billigimporte, daher fürchtet die österreichische Landwirtschaft einmal mehr um ihre Zukunft, heißt es. In Österreich wird etwa Rindfleisch unter vergleichsweise hohen Tierwohlstandards produziert, im Ackerbau ist der CO2-Fußabdruck in Relation gering.

Doch dass aus Südamerika nun zwangsweise Billigimporte nach Österreich kommen müssen, ist nicht gesagt. Zwar können vor allem Rindfleisch und Zucker aus Südamerika zu niedrigeren Preisen angeboten werden, weil dort günstiger produziert werden kann. Importeure sind de facto hauptsächlich die großen Handelsketten und die sind nun eben gefordert, verantwortungsvoll zu agieren und nur Qualitätsware ins Land zu holen, die heimischen Standards entspricht. Gefragt sind jedenfalls auch die Konsumenten. Sie sollten im Supermarkt nicht blind zu Billigware aus Übersee greifen, sondern auf Qualität aus der Nachbarschaft achten. Und im Restaurant nachfragen, woher Steak und Schnitzel kommen und darauf verzichten, wenn die Antwort lautet: aus Südamerika. Niemand wird gezwungen, günstiger angebotene Produkte aus Südamerika auch tatsächlich zu kaufen. Notwendig sind Fleischimporte ohnehin nicht, denn in Österreich liegt zum Beispiel der Selbstversorgungsgrad bei Rind- und Kalbfleisch Laut Land schafft Leben bei fast 150 Prozent.

Muss man also nun vor Mercosur Angst haben? Wenn man vernünftig ist: nein. Um den halben Globus transportiertes und damit wenig nachhaltig nach Österreich gelangtes Fleisch zu kaufen, das es in hoher Qualität aus der Region zur Genüge gäbe, ist ohnehin Unsinn. Statt zu jammern müssten die Bauern eben verstärkt Augenmerk darauf legen, die Vorzüge ihrer Produkte zu betonen und sie und sich selbst besser zu vermarkten statt wie üblich zu jammern und gleich wieder nach Förderungen und Ausgleichszulagen zu rufen. Ein wirklich kompetentes Landwirtschaftsministerium würde hier abseits von AMA-Gütesiegeln unterstützend zur Seite stehen. Auch der Handel könnte dazu beitragen, indem er auf die Praxis überproportionaler Margen auf günstigst eingekaufte Produkte, Stichwort Österreich-Aufschlag, endlich verzichtet.

Umgekehrt brächte unter diesen Aspekten das Mercosur-Abkommen Vorteile und Chancen für die heimische Agrarwirtschaft. Beispielsweise wird der der Export von Wein und anderen Spezialitäten in Mercosur-Staaten vereinfacht, das eröffnet Austro-Exporteuren von Qualitätsware neue Marktchancen in Übersee. Zudem werden durch Mercosur geografische Herkunftsbezeichnungen der EU vor Nachahmung geschützt, das betrifft auch in Südamerika vermarktbare Spezialitäten wie Tiroler Speck oder Steirisches Kürbiskernöl. Mercosur ist per se also weder ein Fluch noch ein Segen für Österreichs Landwirte und Konsumenten. Es kommt einfach darauf an, was wir daraus machen. Die Bauern sollten weniger jammern, sondern geschickter agieren. Die Konsumenten sollten weniger Schnäppchen jagen, sondern qualitätsbewusster zugreifen. Und der Handel sollte endlich damit aufhören, sich durch Österreich-Aufschläge Körberlgeld im großen Stil zu verdienen. Dann ist Mercosur das, was es ist: kein Fluch, sondern eine neue, zusätzliche Möglichkeit.

Und grundsätzlich gilt: Freihandel ist meistens gut, Protektionismus ist zumeist schlecht. Also sind Handelserleichterungen gut, modern und zukunftsorientiert – das gilt auch für das von allen Vertragspartnern sehr sorgfältig ausgehandelte Mercosur-Abkommen. +++