Nehmen Sie an, man stellt Sie vor folgende Aufgabe: Suchen Sie sich aus allen Fotos, die ihnen zur Verfügung stehen, jenes aus, dass ihrer Ansicht nach das ganze Elend unserer Welt am besten illustriert. Denken Sie einmal nach, für welche Aufnahme würden Sie sich entscheiden?
Für mich ist das klar – ich würde jenes Gruppenfoto aus dem Jahr 1927 wählen, das Sie oben sehen. Es zeigt die Teilnehmer der Kopenhagener Konferenz der besten Physiker der Welt, Niels Bohr ist darauf zu sehen, Max Planck, Werner Heisenberg, Albert Einstein natürlich, Erwin Schrödinger, Marie Curie und viele mehr. Die abgelichteten Herrschaften beeinflussten in den 1920er-Jahren den Blick der Menschheit auf die Welt und wie sie funktioniert maßgeblich. Einstein revolutionierte mit seinen beiden Relativitätstheorien unser Verständnis von Raum und Zeit. Heisenberg mit seiner Unbestimmtheitsrelation das Wissen um die Welt im Allerkleinsten – nachdem Planck und Einstein das Grundprinzip der Quantenmechanik entdeckt hatten, dass nämlich Energie nicht als Welle abgegeben und aufgenommen wird, sondern quantisiert, also als Teilchen. Sie alle waren so etwas wie Popstars ihrer Zeit, heute würden wir wohl „Influencer“ sagen.
Und da zeigt sich unser ganzes Elend. Denn die Influencer von heute sind nicht Superstars aus der Wissenschaft, sondern, nur zum Beispiel, halblustige Mädchen mit aufgespritzten Lippen oder schwerst tätowierte Burschen, die in tendenziell belämmerter Sprache über Mode, aufgemotzte Autos oder sonst alles mögliche Belanglose auf YouTube plappern. Von denen bezieht die Menschheit heute ihre Informationen, die bewundert die Jugend, denen glaubt sie, denen folgt sie. Influencer wird und ist man heutzutage hauptsächlich, indem man Schwachsinniges für ein zunehmend schwachsinniger werdendes Publikum produziert, dem der gesunde Menschenverstand in Richtung Schwurblerei zu entgleiten scheint. Nachhaltige Neugierde auf die Welt wandelt sich langsam in dumme Dumpfheit, und das immer kulturunabhängiger, immer flächendeckender. Rattenfänger und Blender haben als Influencer via Internet Saison, wo früher Wissenschafter entdeckten und diskutierten, wobei ihnen die Menschen gebannt zusahen.
Dieser Prozess ist vermutlich – und vermutlich unglücklicherweise – irreversibel.
Also Vorsicht: Wenn Ihnen das Social-Media-Selfie einer tollpatschigen, aber eh voll total schicken Influencerin vor irgendeinem mehr oder weniger kuriosen Hintergrund besser gefällt als das Gruppenfoto der Kopenhagener Konferenz aus 1927 – dann könnten Sie gefährdet sein. Dann könnte es Zeit werden nachzudenken, worüber Sie so nachdenken. Was Sie tun und wie Sie es tun, was Sie mögen und was nicht. Dann ist es womöglich Zeit, umzuschwenken: Interessieren Sie sich weniger für Belanglosigkeiten und mehr für Neugierde, Forschung und Wissenschaft. Hören Sie auf, KI zu benutzen – und bemühen Sie sich stattdessen lieber selbst, denken Sie lieber selbst. Folgen Sie nicht dem Zug der Lemminge in Richtung Abgrund, sondern schwimmen Sie gegen den Strom, auch wenn es anstrengend ist. Und vor allem: Glauben Sie nicht dem Blahblah von Rattenfängern, nur fast so intelligenten modernen Influencern, sondern glauben Sie echten, professionell überprüften Informationen. Verlieren sie sich in den Seiten von Qualitätsmedien statt in Social-Media-Blasen. Und vor allem: Glauben Sie der Wissenschaft. Dann stehen Einstein, Bohr, Curie, Planck, Heisenberg, Hawking, Sagan, Feynman und so weiter auf ihrer Seite und stärken Ihnen den Rücken. Und nicht belanglose Mädchen mit überschminktem Hirn oder aufgemotzte Fitnessstudio-Typen mit zutätowiertem Verstand. +++





