Eine kleine Rundreise durch die südliche Hälfte der Grünen Insel – von Schloss zu Schloss, von landschaftlichem Wunder zu landschaftlichem Wunder, von Restaurant zu Restaurant. Zwölf der sehenswertesten irischen Caisleáns auf einen Blick.
Das County Meath im Westen von Dublin malt ein Bild Irlands, wie wir Mitteleuropäer es lieben: Pralle, tiefgrüne Wiesen und schwarz gefleckte Kühe, die mit Schafen um die Wette grasen. Baumkronen, die sich über Straßenmitten küssen. Stille Flüsse mit noch stilleren Ufern. Überall liegt eine zärtliche, nach Historie duftende Schwere über der Landschaft. Verwinkelte Straßen, unbefestigt, schmal und kurvenreich wie Feldwege, „Boithrín“ heißen sie auf Irisch, „Boriin“ ausgesprochen. Man biegt um eine fast beliebige Ecke und stets taucht wie aus dem Nichts ein imposantes Schloss auf oder zumindest eine Ruine, herrschaftlich, mitten in der Landschaft. Das ist Irland und genau das kann einem jederzeit und überall passieren, nicht nur im County Meath, wo sich im frühen Mittelalter am Hügel von Tara jedes Jahr die Versammlung der irischen Clanchefs traf, um ihren Highking zu wählen, also den König aller Könige. Im Mittelalter und davor wurde die gesamte Insel von diesen Clans beherrscht, Hunderte von ihnen gab es – und alle bauten sich ihr eigenes Schloss oder ihre Burg als Familiensitz. Als dann mit Oliver Cromwell die britischen Besatzer kamen, übernahmen diese als Landlords die Castles, zogen dort ein und bauten sie aus.
Was ist ein Schloss?
Castles, Burgen, Schlösser, Festungen, Ruinen? Ein kleiner Ausflug in die Terminologie, bevor es auf Schlösser-Tour geht: „Schloss“ bedeutet in Irland nicht dasselbe wie bei uns in Mitteluropa. Ein irisches „Castle“ ist weder ein Schloss in unserem Sinn noch das, was man hierzulande eine Burg nennt. Es ist eine Mischung aus beidem, manchmal in Richtung Palast tendierend, manchmal in Richtung Festung. Manchmal verfallen und mehr eine Ruine, manchmal auch perfekt restauriert oder überhaupt gleich im alten Stil komplett neu errichtet. Der korrekte irische Ausdruck für das englische Wort Castle lautet „Caisleán“ und spricht sich in etwa „Keschlaan“ aus. Je mehr ein solches Caisleán als Prachtbau ausgeführt ist, desto öfter wird es auch als „Abbey“ bezeichnet – weil nicht selten die Kirche alte Schlösser übernahm, prunkvoll neu einkleidete und in religiöse Orte umwandelte. Beispiel Kylemore Abbey, doch davon später. Und da gibt es auch noch die einfacheren Befestigungsanlagen, die kleinen Trutzburgen, für die mehr das Wort „Fort“ zutreffend wäre. Von ihnen ist in den meisten Fällen nichts mehr zu sehen, lediglich Ortsnamen mit dem vorangestellten Wörtchen „Dún“ zeugen davon, was sich hier in grauer Vorzeit befand. Schon beim Landeanflug auf Dublin überfliegt man zum Beispiel die Hafenanlage des Vorortes Dún Laoighaire (sprich: „Dun Liari“), von der aber nichts mehr da ist. Vorangestellte Duns finden sich überall auf der Grünen Insel, etwa das Dorf Dunsany, neben dem sich mit dem Killeen Castle ein ganz neues Schloss befindet. Aber auch davon später.
Machen wir uns auf den Weg – unsere irische Schloss-Tour führt uns von Dublin und dem County Meath weg im Uhrzeigersinn zuerst Richtung Süden in die Countys Waterford und Tipperary, dann in den Südwesten ins County Kerry und schließlich über das County Clare Richtung Norden ins wilde Connemara im County Galway an Irlands rauer Westküste.
Schloss 1: Dublin Castle
Früher war jener Platz im Stadtzentrum, an dem sich heute Dublin Castle befindet, eine Wikinger-Siedlung, später eine Normannenfestung. Heute steht hier ein Prunkbau im gregorianischen Stil, der sieben Jahrhunderte lang Sitz der britischen Besatzer war und als solcher erst 1922 aufgegeben wurde. Heute ist Dublin Castle die Repräsentanz der irischen Regierung für Staatsbesuche. Unter dem Schloss befinden sich Reste der alten Befestigungsanlagen der Wikinger und Normannen, natürlich gibt es Führungen. Das Beste an Dublin Castle ist aber zweifellos die pulsierende Hauptstadt der Republik Irland rundherum mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten und Pubs. www.dublincastle.ie
Restauranttipp: Das Chapter One, von dem Eingeweihte sagen, es sei schlicht und einfach das beste Restaurant in ganz Dublin
Schloss 2: Malahide Castle
Die Geschichte des Schlosses reicht über 800 Jahre zurück, die meiste Zeit stand es im Besitz der Talbot-Familie. Berühmt ist das Castle dafür, seit Jahrhunderten von gleich fünf Geistern heimgesucht zu werden, der bekannteste von ihnen nennt sich „Puck“. Heute ist das Schloss im Vorort Malahide vor den nördlichen Toren Dublins bekannt für seine schönen Gärten und sein Schmetterlingshaus. Hinter dem Schloss liegt der Strand mit einer vorgelagerten Halbinsel, auf der sich der Golfplatz „The Island“ befindet, einer der besten Linksgolfplätze Irlands. www.malahidecastleandgardens.ie
Restauranttipp: Das Bon Appétit, hierher pflegen viele wohlhabendere Dubliner am Wochenende zu pilgern, um sich ein sonntägliches Abendessen zu gönnen
Schloss 3: Trim Castle
Das County Meath ist das Heartland des alten Irlands, hier liegt überall Geschichte in der Luft. Hier wurden die Höchkönige gewählt, von hier aus marschierten die Freiheitskämpfer 1916 während des irischen „Easter Rising“ in Richtung Dublin, um sich gegen die britischen Besatzer zu erheben. Und hier liegt auch das imposante Castle von Trim, das größte und besterhaltene Normannenschloss Irlands. Viele Filme wurden hier schon gedreht, etwa das schottische Freiheits-Epos „Braveheart“ mit Mel Gibson in der Haupt- und dem Castle in einer Nebenrolle. Nach der Führung sei ein Spaziergang am beschaulichen Ufer des Flusses Boyne gleich nebenan empfohlen. www.meath.ie
Restauranttipp: Das The Stockhouse Restaurant in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss, von dem die Einheimischen sagen, es sei das beste Restaurant der Stadt Trim
Schloss 4: Killeen Castle
Auch wenn es wie ein altes Castle aussieht, das Schloss wurde erst Anfang dieses Jahrtausends neu errichtet, beherbergt ein Boutique-Hotel. Es dient als Blickfang und Zentrum des noblen Killeen Castle Estate, einem exklusiven Golfplatz. Sogar der Solheim Cup, das berühmteste Frauen-Golfturnier der Welt, ein Kontinentalvergleich zwischen Europa und Nordamerika, fand 2011 hier statt. Wer eine Runde Golf auf Fairways spielen möchte, auf denen bereits die besten Golferinnen der Welt abgeschlagen haben, ist hier richtig. Ohne vorherige Anmeldung ist es allerdings nicht möglich, auch nur einen Fuß auf das Gelände zu setzen. www.killeencastle.com
Restauranttipp: Das Sixteen at Killeen direkt am Gelände mit seiner internationalen Küche, angepasst an die Geschmäcker der Golfer und Golferinnen aus aller Herren Länder
Schloss 5: Kilkenny Castle
Der normannische Ritter William Marshal, angeblich einer der besten Kämpfer des Mittelalters, ließ das Schloss kurz vor Ende des 12. Jahrhunderts erbauen. Dann befand es sich 600 Jahre lang im Besitz der Familie Butler. Heute gehört es der Öffentlichkeit und ist Kultur-Hub inmitten einer ausladenden Parklandschaft, eine Heimstätte für die Kunst im besten Sinn. Kilkenny Castle ist eines der meistbesuchten Schlösser Irlands. www.kilkennycastle.ie
Restauranttipp: Das Zuni Restaurant & Townhouse im Zentrum des kleinen Städtchens, das traditionelle irische Küche bietet
Schloss 6: Gurteen Castle de la Poer
Aus österreichischer Sicht ist Gurteen Castle ein besonderes Schloss, denn es gehört dem Maler Gottfried Helnwein. Er kaufte es in den 1990er-Jahren, renovierte es und nutzt es nun als Wohnsitz für sich und seine Familie. Das Schloss stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde ursprünglich im neugotischen Stil für die anglo-normannische Familie de la Poer errichtet. Auch wenn Gurteen Castle für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, finden dort immer wieder Veranstaltungen für handverlesene Gäste statt. Rocker Marilyn Manson und Burlesque-Tänzerin Dita von Teese etwa haben auf Gurteen Castle geheiratet. www.castlegurteen.com
Restauranttipp: Das Befani´s im nahegelegenen Ort Clonmel, mit seiner auf mediterranen Geschmack und Tapas spezialisierten Küche
Schloss 7: Rock of Cashel
Der monolithische Hügel mit der alten Abtei ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Irlands. An der Stadtgrenze von Cashel im County Tipperary gelegen, führt kein Weg an einem Spaziergang auf den Hügel und der Besichtigung der Reste dieser seinerzeitigen Trutzburg vorbei. Im Altertum, besagt die Legende, sollen hier Feen und Geister gewohnt haben. Fest steht, dass der Hügel seinerzeit vom Clan der McCarthys erobert und zum befestigten Familiensitz ausgebaut wurde. www.cashel.ie
Restauranttipp: Das Chez Hans – ein paar Meter vom Rock entfernt, untergebracht in einer alten Kirche, bietet es ein reichlich pittoreskes Dinner-Erlebnis
Schloss 8: Ross Castle
Die Lakes of Killarney um die gleichnamige Stadt sind einer der schönsten Landstriche Irlands, wirken wie ein besserer Gegenentwurf zum englischen Lake District. Von hier startet der berühmte „Ring of Kerry“, eine 180 Kilometer lange Panoramastraße. Atemberaubende Ausblicke aufs Meer, Passagen entlang stiller Seen, Wasserfälle, Schafe ohne Ende – am Ring of Kerry zeigt sich Irland von seiner irischsten Seite. Auch die Atlantikinsel „Skellig Michael“ ist zu sehen, wo Teile der Episoden 7 und 8 der Star-Wars-Saga gedreht wurden. Am besten, man startet die Tour mit einem Besuch von Ross Castle in Killarney, einer Trutzburg direkt am Ufer des Lake Leane. Sie wurde im 15. Jahrhundert vom O´Donoghue Clan erbaut, früher eine der einflussreichsten gälischen Familien. www.heritageireland.ie/places-to-visit/ross-castle/
Restauranttipp: Das für seine Kulinarik und die vielseitige Küche oftmals ausgezeichnete Yew Tree Restaurant
Schloss 9: Ballycarbery Castle
Eigentlich ist das Schloss beim Dörfchen Cahersiveen nur eine Ruine aus dem 15. Jahrhundert, aber eine höchst dramatisch in der Landschaft stehende – und damit jeden Besuch wert. Ballycarbery Castle liegt direkt am Ring of Kerry. Das Castle befindet sich in privatem Besitz und ist Liebkind irischer Profi-Fotografen auf der Suche nach Motiven
Restauranttipp: Das Quinlan & Cooke Restaurant, das erst im vergangenen Jahr zum besten Fischlokal Irlands gewählt wurde
Schloss 10: Dromoland Castle
Dieses Schloss in Newmarket on Fergus vor den Toren Limericks ist Luxus pur. Das gediegene Fünfsternehotel erfüllt auch die hohen Ansprüche von Königen. Die US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush auf ihrem Weg zum Staatsbesuch in Irland verbachten hier jeweils die erste Nacht auf europäischem Boden. Dromoland Castle liegt in einem weitläufigen Park mit uralten Bäumen, ein Golfplatz umtänzelt das Schloss, ein See lädt zu Ruderboot-Fahrten ein. Selbstverständlich gibt es eine Falknerei, Gäste können mit zahmen Raubvögeln auf Hasenjagd gehen. Auch das Bogenschießen lässt sich hier erlernen. Ursprünglich stand an der Stelle des heutigen Schlosses die Familienburg des O´Brien-Clans, dessen berühmtestes Oberhaupt Brian Boru war, der letzte Hochkönig Irlands, also der König aller irischen Könige. www.dromoland.ie
Restauranttipp: Das The Earl of Thomond direkt im Schloss mit seiner Haubenküche, alle Gerichte werden mit Kräutern aus dem riesigen, schlosseigenen Kräutergarten veredelt
Schloss 11: Ashford Castle
Irlands drittes supernobles Schlosshotel neben dem Dromoland Castle und Adare Manor. Ashford Castle liegt, wunderschön eingebettet in die endlos grüne Landschaft an der Grenze der Countys Galway und Mayo, direkt am Ufer des Lough Corrib, des größten Sees der Republik Irland. Hier gibt es alles, was es im Dromoland Castle auch gibt. Wem der Sinn nach einem exklusiven Dinner steht, sollte unbedingt einen Tisch im Schloss-Restaurant „The George V Dining Room“ reservieren – aber Jackett nicht vergessen. www.ashfordcastle.com
Restauranttipp: Das The George V Dining Room im Schloss, hier speist man stilvoll wie vor hundert oder zweihundert Jahren
Schloss 12: Kylemore Abbey
Connemara im Westen Irlands ist ein besonderer Landstrich, wild und fast unbesiedelt. Mit Englisch kommt man hier nicht weit, in Connemara wird hauptsächlich das alte Irisch gesprochen, das hart und zart zugleich klingt. Am Ufer des Killary-Harbour-Fjords – des „An Caoláire Rua“, wie der Fjord auf Irisch heißt – liegt Kylemore Abbey mit seinen prunkvollen Gärten. Ursprünglich 1867 vom Großindustriellen Mitchell Henry für die Dame seines Herzens errichtet, wurde Kylemore Abbey in den 1940er-Jahren von den Benediktinern gekauft und zum Nonnenkloster. Die Absolvierung einer Führung und das Schlendern durch die Gärten ist ein Muss für jeden Irland-Besucher. www.kylemoreabbey.com
Restauranttipp: Das Mitchell´s Restaurant in Clifden, eines der besten Seafood-Restaurants des Landes
Abgesehen von diesen zwölf Empfehlungen: Irland ist wie eingangs erwähnt voll von Castles, Abbeys und Dúns aller Art, es gibt Hunderte von ihnen. Etwa das berühmte Dunluce Castle an der nordirischen Antrim Coast mit seinem vor Jahrhunderten ins Meer gestürzten Küchentrakt – Fremdenführer scherzen gerne von „der ersten Take-Away-Kitchen der Welt“. Oder das schrullige Castle Leslie im County Monaghan, in dessen Stiegenaufgang immer noch das blutgetränkte Wams eines ehemaligen, hingerichteten Schlossherrn hängt. Oder das Birr Castle in den irischen Midlands, das Blarney Castle bei Cork, und so weiter. Egal, wo man sich in Irland gerade befindet, ein Caisleán – oder zumindest eine sehenswerte Ruine – wartet immer gleich um die nächste Ecke. +++
Dieser Text ist im August 2025 auch im Magazin „Falstaff“ erschienen.





