Start Business As Usual Warum der ÖGB die Wirtschaftskammer lobt

Warum der ÖGB die Wirtschaftskammer lobt

374
0

Ein ebenso seltenes wie seltsames Schauspiel flimmerte dieser Tage über die heimischen TV-Schirme: In den Abendnachrichten trat ein hoher Gewerkschaftsfunktionär vor die Kamera und lobte die Wirtschaftskammer. Die Mitarbeiter dort würden tolle Arbeit leisten und die vergleichsweise gute Lohnerhöhung, in deren Genuss sie nun kämen, auf jeden Fall verdienen, sagte der Mann sinngemäß. Zur Einordnung: ÖGB und WKÖ, das sind an sich so etwas wie beste Klassenfeinde. Die WKÖ vertritt die Wirtschaft, der ÖGB die Beschäftigten. Bei den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen treten sie jeweils gegeneinander an und streiten, was das Zeug hält. Gar nicht einmal selten wird aus dem Streit sogar Streik. Und jetzt das – der ÖGB lobt die WKÖ.

Was war geschehen? Die Wirtschaftskämmerer hatten ihren eigenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen – immerhin gut eineinhalbtausend – eine überproportional üppige jährliche Gehaltserhöhung gewährt. Um 4,2 Prozent steigen die Löhne nun, also um mehr als die Inflation ausmacht – und das in einer Zeit, in der es im ganzen Land kriselt. Zu einem Zeitpunkt, an dem die WKÖ zum Beispiel der Metaller-Gewerkschaft einen Lohnabschluss abgetrotzt hat, der weit unter der Inflation liegt. In einer Phase, in der alle Menschen im Land Federn lassen müssen, sogar die Beamtenschaft. Nur eben nicht die WKÖ-Angestellten.

Und was bedeutet das jetzt? Zum einen ist diese mehr als großzügige Gehaltserhöhung ein fatales Signal für die folgenden Kollektivvertragsverhandlungen aller Branchen. Genüsslich werden die Gewerkschafter den Kammerverhandlern dabei mit deren eigenem Lohnabschluss vor der Nase wedeln. Wasser predigen und Wein trinken, werden sie öffentlich monieren, das geht gar nicht. Der Kammer-Abschluss wird wie ein kleiner Turbo in Richtung höhere Abschlüsse wirken – und damit die Inflation weiter anheizen. Und natürlich stellt die überproportionale Lohnerhöhung ein unverantwortliches Umgehen der WKÖ mit den Zwangsbeiträgen ihrer Pflichtmitglieder dar.

Ja, die Wirtschaftskammer konnte im Prinzip kurzfristig gar nicht anders, weil ihr eigenes Regelwerk die Lohnabschlüsse hauptsächlich an den Durchschnitt aller Kollektivvertrags-Erhöhungen des vorangegangenen Jahres koppelt – und diese waren 2024 eben besonders hoch. Eine gute Ausrede für die Kammer-Chefs.

Doch in Wahrheit zeigt das alles nur, wie sehr die WKÖ als Organisation überholungsbedürftig ist. Eine moderne, schlanke und dennoch effiziente Vertretung der Wirtschaft sieht völlig anders aus. Die WKÖ ist in ihrer heutigen Form ein monolithischer Block, der längst aus der Zeit gefallen ist. Ein schwerfälliger Tanker, behäbig auf einem Kurs, der schon lange nicht mehr der bestmögliche ist. Eine Black Box, in der viel zu viel Bürokratie herrscht. Die WKÖ gehört dringend reformiert, und zwar umfassend.

Die Wirtschaftskammer Österreich ist schlicht und einfach ein Fall für Entbürokratisierung und Entflechtung. Genau dafür haben wir in Österreich inzwischen übrigens ein eigenes Staatssekretariat. Angesiedelt ist es kurioserweise im Außenministerium, wo es seit Amstantritt des Staatssekretärs zahnlos vor sich hin werkelt. Gehören würde dieses Staatssekretariat selbstverständlich ins Wirtschaftsministerium, von wo aus es den wuchernden WKÖ-Bürokratiedschungel viel wirksamer roden könnte. Doch im Wirtschaftsministerium herrscht – ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt – ausgerechnet ein Minister, der direkt aus dem WKÖ-Generalsekretariat in seinen neuen Job wechselte. +++