Start Editor's Blog Die Zerbrechlichen, die sich schämen müssen

Die Zerbrechlichen, die sich schämen müssen

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Es gibt das Fermi-Paradoxon. Vereinfacht gesagt legt es folgendes nahe: Bedenkt man die enorm lange Zeit, die unser Universum, wie wir es kennen, bereits existiert (13,8 Milliarden Jahre) und die Schnelligkeit, mit der wir uns von komplexeren Lebensformen dorthin entwickelt haben, wo wir heute stehen, und was davon wir allein in den vergangenen tausend Jahren erreicht haben: Dann muss es ganz einfach auch noch andere Zivilisationen in unserer Galaxie, der Milchstraße, geben, die das nicht nur geschafft haben, sondern es viel besser geschafft haben. Die viel weiter entwickelt sind als wir. Aber gäbe es sie, dann hätten sie inzwischen den Großteil der Galaxie kolonialisieren müssen. Jedenfalls hätten sie Spuren hinterlassen, die wir sehen könnten. Also, und das ist die Conclusio: Es kann gut sein, dass wir – zumindest in der Milchstraße – tatsächlich die einzig existierende Zivilisation sind, das einzige Leben, das sich soweit entwickelt hat, dass es Forschung betreiben, über seine eigene Existenz nachdenken und Technik sowie Signale in All senden kann.

Und es gibt außerdem ja auch noch die Logik: Leben auf der Erde existiert alles in allem, das weiß die Wissenschaft inzwischen, seit beinahe vier Milliarden Jahren, also den großen Teil der Existenz unseres Planeten. Allerdings: einfachstes Leben, Mikroben, Bakterien und so weiter. Von deren Entwicklung zu uns (erstes Leben im Wasser bis zum Homo Sapiens Sapiens) sind gerade einmal 600 Millionen Jahre vergangen. Leben aus dem Nichts bis zu einer Entwicklungsstufe wie der unseren benötigt also rund 3,8 Milliarden Jahre – ein Drittel jener Zeitspanne, die unser Universum existiert. Höchstens dreimal hätte sich seit dem Urknall also irgendwo im All Leben, wie wir es kennen, entwickeln können, das Spuren hinterlassen hätte. Diese Spuren gibt es aber nicht, sonst hätten wir sie gesehen – immerhin forschen wir seit Jahrzehnten nach Hinweisen auf intelligentes außerirdisches Leben. Kann also sehr gut sein, dass wir tatsächlich alleine zumindest in unserer Galaxie sind: Wir mit unserem fragilen Leben, das nur kurz dauert, ein paar Jahrzehnte, und das auf so viele Arten so unglaublich leicht zerstört werden kann.

Daraus ergibt sich eine große Frage, die wir uns stellen sollten: Was bedeutet es, unser zerbrechliches, endliches Leben in einem wahrscheinlich unendlichen Universum geschenkt bekommen zu haben und damit vielleicht tatsächlich allein, also einzigartig zu sein.

Vielleicht bedeutet es das: Verantwortung.

Wir leben auf einem von womöglich vielen Billionen Planeten, die womöglich 400 Milliarden Sterne in unserer Galaxie umkreisen, die womöglich eine von zwei Billionen Galaxien allein im beobachtbaren Teil des Universums ist – und sind vielleicht die Einzigen. Das wäre eine ungeheure Verantwortung, die es zu tragen gilt. Für unseren Planeten, der ein Wunder zu sein scheint. Und für unsere Existenz, die, gut möglich, ein noch viel größeres Wunder sein könnte. Verschleudern wir sie, verschleudern wir alles, was es an komplexem Leben in unserer Galaxie gibt, vielleicht sogar im Universum.

Und wie dumm gehen wir mit dieser Verantwortung um? Statt in die Hände der Wissenschaft legen wir sie im Wesentlichen in die Hände eines orangen Trottels und eines frostigen Killers. Und unsere Welt behandeln wir wie Müll. Wir zerstören dieses unglaubliche blaue, runde Wunderding in dieser unglaublichen Unendlichkeit des Universums. Wir müssen uns schämen. +++