Seit er denken konnte, liebte Schrödinger Katzen. Und weil er schon als Kind ungewöhnlich intelligent war, dachte er immer schon viel nach. Meistens natürlich über Katzen. Selbstverständlich schaffte er sich, je älter er wurde, mehr und mehr Katzen an, jedes Jahr kam eine neue dazu. Als 20-Jähriger besaß Schrödinger fünf Kater und sieben Katzen. Seinen Lieblingskater benannte er nach sich selbst, er hieß Schrödinger. Seiner hohen Intelligenz geschuldet entschied Schrödinger, der Mensch, sich nach der Matura für das Studium der Physik. Und wie er Physik studierte. An seine Phantasie, an seine Genialität, an seine Neugierde, an seine universitären Leistungen kam niemand heran. Und niemand wusste um Schrödingers Erfolgsgeheimnis, warum er sich in Sachen Physik so hervortat. Zuhause setzte Schrödinger sich nämlich jeden Abend zu seinen zwölf Katzen, kraulte sie hinter den Ohren, massierte ihnen die Bäuche und warf ihnen Bälle oder andere Spielsachen. Das war meistens der Punkt, an dem die Katzen dann begannen, sich selbst zu beschäftigen.
Bis auf den Kater Schrödinger. Der spielte nicht mit, sondern blieb bei Schrödinger. Und dann erzählte Schrödinger, der Physiker, Schrödinger, dem Kater, von seinen physikalischen Überlegungen. Da waren Gedanken darunter, von denen sich später herausstellen sollte, dass sie durchaus geeignet waren, die Welt aus den Angeln zu heben.
Nur manchmal, wenn die Sache Schrödinger, dem Kater, dann doch zu langweilig wurde, legte er sich auf die Seite und schlief ein. Der Kater schlief dann so tief und fest, dass Schrödinger, der Physiker, manchmal fürchtete, er wäre gestorben.
Ist er jetzt tot oder ist er noch lebendig?, fragte sich Schrödinger dann. Und genau so fiel ihm ein Experiment ein, das die gesamte Physik revolutionieren sollte.
Was wäre, überlegte Schrödinger, würde man eine Katze in eine Box stecken, mit kleinen Luftlöchern selbstverständlich, die Box dann schließen, zusammen mit einer Glasphiole mit Gift und einer kleinen Teufelsmaschine, in der ein Miniatur-Hammerwerk von einem radioaktiven Isotop angetrieben würde?
Der Physiker Schrödinger wusste, dass man von radioaktiven Isotopen nicht sagen konnte, wann sie zerfallen, weil das vom Zufall abhängig ist. Es kann jederzeit passieren, in den nächsten drei Minuten ebenso wie in fünf oder erst 25 Jahren. Die beim Zerfall freiwerdende Energie, würde jedenfalls, so dachte Schrödinger es sich aus, das Hammerwerk antreiben, der Hammer die Glasphiole zerschlagen und das Gift die Katze töten.
Das Problem war jetzt die Frage: War die Box einmal geschlossen, konnte man unmöglich wissen, ob das Isotop schon zerfallen war oder nicht, ob die Katze also noch lebendig oder bereits tot war. Das beschäftigte Schrödinger, den Physiker, und obwohl Schrödinger, der Kater, jedesmal aus seinen Schläfchen wieder erwachte, also lebendig war, kam Schrödinger, der Physiker, erst nach langer Zeit auf die Lösung:
Die Katze war beides gleichzeitig, tot und lebendig. Beide Wirklichkeiten existierten parallel – so lange, bis man den Deckel der Box öffnete, nachsah, und sich durch Beobachtung dafür entschied, in welcher Wirklichkeit man von da an lebte. In der mit einer toten oder in jener mit einer lebendigen Katze.
Genau das, diese parallelen Wirklichkeiten, ist eines der Grundprinzipien der Quantenphysik, als einer deren Entdecker Schrödinger, der Physiker, gilt, wofür er auch den Physik-Nobelpreis erhielt: Elementarteilchen, also zum Beispiel Elektronen, kreisen nicht um den Atomkern, sondern sie sind überall, wo sie theoretisch sein können, und zwar gleichzeitig. Sie sind ein Teilchen und eine Welle, gleichzeitig. Schrödinger gab diesem Quantenzustand den Namen „Superposition“. Erst wenn man das Elektron misst, also nachsieht, verliert es diese quantenphysikalische Eigenschaft, und ist plötzlich an einer bestimmten Position, kreist auf einer bestimmten Bahn, mit einer bestimmten Geschwindigkeit um den Atomkern. Warum das so ist, weiß bis heute kein Mensch. Aber inzwischen – Schrödinger, der Physiker, und Schrödinger, der Kater, sind längst tot – glauben die Physiker immer stärker an die Viele-Welten-Theorie: Jeden kleinsten Sekundenbruchteil teilt sich demnach die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, in fast unendlich viele parallele Wirklichkeiten auf, eine so real wie die andere. Alles, was theoretisch geschehen kann, geschieht auch.
Es gibt daher wohl sicher auch eine Wirklichkeit, in der Schrödinger, der Kater, und Schrödinger, der Physiker, aus welchem Grund auch immer, sich eines überüberlangen Lebens erfreuen. Und noch immer am Abend dasitzen. Der eine Schrödinger erzählt dem anderen von seinen Ideen. Inzwischen hat Schrödinger, der Physiker, in dieser Wirklichkeit die größten Geheimnisse des Universums entschlüsselt, weil er ja viel Zeit zum Nachdenken hatte. Er weiß, dass im Allerallerkleinsten alles nur aus gekörnter Raumzeit besteht, und hat das die Schleifenquantengravitation genannt. Er hat mit dieser Entdeckung, zumindest in dieser einen Realität, die Welt aus den Angeln gehoben. Nur Schrödinger, dem Kater, ist das völlig egal. In seinem biblischen Alter will er nur noch schlafen. Und auch in dieser Realität ist einmal Schluss, irgendwann werden Schrödinger, der Kater, und Schrödinger, der Physiker, sterben. Hoffentlich gleichzeitig, damit keiner um den anderen trauern muss. Beide können dann endlich zu dem werden, was sie vor ihrer Geburt bereits waren: Sternenstaub. Oder, wenn man ganz ins Detail blickt: gekörnte Raumzeit. +++
Das ist natürlich eine frei erfundene Geschichte. Vom echten Physiker Erwin Schrödinger ist nicht bekannt, ob er eine Katze besessen hat oder nicht. Das Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“ ist jedoch tatsächlich eines der berühmtesten Experimente der Menschheitsgeschichte und soll den quantenmechanischen Zustand der „Superposition“ von Elementarteilchen illustrieren.





