Haben Sie sich das, sehr verehrte gebildete Leserin, sehr geehrter mündiger Leser, noch nie überlegt? Abseits aller Esoterik, aller Scharlatanerie und aller Schwurbler und Schwurblerinnen dieser Welt – haben Sie sich noch nie die Frage gestellt, ob es so etwas wie Schicksal tatsächlich geben könnte? Ob ein feststehender Ablauf der Dinge unser Leben überdacht? Warum es manchen ohne ihr Zutun so gut geht und anderen so schlecht, ob Glück oder Pech simpel die Folge eines größeren Plans sind, kurz: Ob alles vorherbestimmt ist? Das führt uns direkt zu einer schon etwas weniger abgehobenen Frage: Gibt es den freien Willen? Sind wir wirklich Herr oder Herrin über unser Leben?
Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage, und die wird Sie überraschen: Nein, sind wir nicht. Freier Wille ist eine Illusion. Ihre, meine, unsere Zukunft steht fest und wir können nicht das Geringste daran ändern. Doch anders, als man vermuten möchte, ist das keine Frage des Glaubens, erst recht keine Frage der Religion. Auch mit Esoterik hat es nichts zu tun, sondern: mit Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie.
Das ist jene Theorie, die zu den meist und best überprüften der gesamten Physik zählt, und die sämtliche Überprüfungen mit Bravour bestanden hat – also mit größter Wahrscheinlichkeit richtig ist. Aus ihr folgert, dass Zeit nicht gleichförmig dahin fließt, wie wir das erleben. Zwar empfindet unser Bewusstsein Zeit als regelmäßige Aufeinanderfolge von Augenblicken – doch in Wahrheit ist sie eine in sich geschlossene Dimension. Zumindest, soweit wir glauben, Zeit verstanden zu haben – und wirklich verstanden haben wir sie noch nicht. Jedenfalls kann man theoretisch durch die durch die Zeit manövrieren, wenn auch in unserem Fall nur in eine Richtung. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit – oder das, was unser Bewusstsein als diese drei Zustände wahrnimmt – existieren gleichzeitig an bestimmten Punkten der Raumzeit. Anders gesagt: Alles, was passiert ist, ist noch vorhanden. Und alles, was unserer Wahrnehmung nach erst passieren wird, gibt es bereits. Es ist irgendwo da draußen in der Raumzeit, dem Stoff, aus dem unser Universum besteht. Das klingt für unsere Gehirne, die an das Vorüberziehen der Zeit gewohnt sind, verrückt. Aber es lässt sich sogar belegen. Ich will Ihnen das an dieser Stelle ersparen, es ist nämlich ziemlich kompliziert. Schauen Sie sich einfach die Podcasts der vielen Stars aus der Theoretischen Physik an, die mittlerweile publiziert werden – Brian Cox, Sabine Hossenfelder, Neil deGrasse Tyson, Sean Carroll, Harald Lesch und so weiter. Doch ich warne Sie – Ihnen werden sich danach mehr Fragen stellen als davor.
Daraus folgert jedenfalls: Wenn die Zukunft bereits existiert, gibt es aus ihr kein Entrinnen. Es ist also alles vorherbestimmt. Und wenn das so ist, kann es auch keinen freien Willen geben. Oder etwa doch?
Ein Ausweg für alle, die nicht an diese Vorherbestimmung glauben wollen, existiert tatsächlich. Er ist noch schwerer zu verstehen als die Folgen der Allgemeinen Relativitätstheorie: die Viele-Welten-Theorie, die von den Grundlagen der Quantenmechanik als Möglichkeit postuliert wird. Ihr zufolge teilt sich die Wirklichkeit jeden kleinsten Bruchteil einer Sekunde in alle möglichen Wirklichkeiten auf, die es theoretisch geben könnte. Stimmt das, hieße es: Unendlich viele viele Wirklichkeiten mit jeweils eigenen Zeitlinien existieren – und damit unendlich viele Zukünfte. In welcher von ihnen wir leben, entscheiden wir pausenlos selbst, was wiederum freien Willen bedeutete und die Möglichkeit des Schicksals und der Vorherbestimmung ausschlösse.
Die Viele-Welten-Theorie hat etwas mit der Kopenhagener Deutung vom Kollaps der Wellenfunktion der Wahrscheinlichkeiten zu tun, die alle Quantenzustände bestimmt. Dieser Kollaps soll – auch eine mögliche Deutung der Grundlagen der Quantenmechanik – beim Messen von Elementarteilchen passieren. Tatsächlich könnte hingegen stattdessen auch die Messung Teil dieser Wellenfunktion werden. Das hieße dann, es wird alles gemessen, was theoretisch gemessen werden kann. Doch ich will Sie damit nicht weiter belästigen, hochverehrte gebildete Leserin, sehr geehrter mündiger Leser. Eignen Sie sich dieses Wissen am besten selbst an. Nur noch eins: Bewiesen ist die Viele-Welten-Theorie ebensowenig wie der Kollaps der Wellenfunktion. Andererseits sind beide Theorien fester Bestandteil der Quantenmechanik, soweit wir sie bisher durchschaut haben. Und diese wiederum ist ihrerseits ebenfalls eine der best- und meistüberprüften Theorien der Physik. Dass sie stimmt, steht außer Frage – ebenso wie die Richtigkeit Einseteins beider Relativitätstheorien.
Beide mit der Quantenmechanik zu vereinen, ist bislang jedoch niemandem gelungen und die Möglichkeit steht imRaum, dass das für immer so bleiben könnte. Also hängt alles wieder an der Frage, ob es Schicksal und Vorherbestimmung doch gibt oder ob wir über unseren freien Willen die Zukunft selbst gestalten können. Ob wir an den Kollaps der Wellenfunktion glauben oder an die Einverleibung der Messung in diese. Ob unser Gehirn ein quantenmechanischer Apparat ist, in dem der Zufall herrscht, oder nicht. Also doch eine Glaubensfrage – abseits von Religion. Religion ist die Pest, die Quelle fast allen Übels auf der Welt. +++





