Start Editor's Blog Der Amoklauf, Drache moderner Gesellschaften

Der Amoklauf, Drache moderner Gesellschaften

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Natürlich überschlagen sich jetzt wieder alle, vor allem Politiker, mit Trauerbekundungen, Zusammenhalteappellen, Beileidsversicherungen und hauptsächlich Absichtserklärungen: Jetzt stehen wir zusammen, jetzt lassen wir niemanden allein, jetzt packen wir es an, sowas wird nicht mehr vorkommen, ab jetzt machen wir es anders, sagen sie. Nach dem Amoklauf in Graz zeigen sich vor allem jene, die an der Macht sind, demonstrativ bestürzt und versprechen, dass ab sofort alles besser wird.

Doch vergessen wir nicht, das sind alles nur Politiker. Politiker lügen wie gedruckt, um Stimmen zu gewinnen, um an der Macht zu bleiben. Politiker sind schamlos genug, selbst Amokläufe auszunützen, diese Drachen moderner Gesellschaften, um persönlich voran zu kommen. Ihnen ist nicht zu glauben, vor allem ist ihnen nicht zu trauen. Trauern wir, aber glauben wir diesem bigotten Gestammel nicht, mit dem unsere politischen Entscheidungsträger rund um den schrecklichen Amoklauf in Graz nun Bestürzung heucheln. Denken wir lieber gründlich über das Schlimme nach, dass da in Graz in der Dreierschützengasse passiert ist. An einem Ort, der früher ein Paradies für Kinder und Jugendliche war.

Denn dieser Platz, an dem heute das Gymnasium steht, war noch vor wenigen Jahrzehnten eine wilde Wiese, eine romantische „Gstättn“, eben ein Paradies für Kinder, die dort den ganzen Tag herumtollen und allerlei Abenteuer erleben konnten. Und für Jugendliche, die sich dort treffen und unbehelligt vom Müll des Erwachsenseins unbeschwert sein konnten. Früher, bevor die städtische Verbauung auch in Graz aus dem Ruder lief, war dort Natur. In der Mitte dieses riesigen Areals befand sich ein kleiner Hügel, das „Konsumbergerl“. Dort lernten die Kinder der 1970er-Jahre Skifahren. Im Winter tummelten sie sich zu Dutzenden auf dem kleinen Berg, stapften auf Skiern und mit Rodeln hinauf, johlten beim Runterfahren. Im Sommer saßen die Jugendlichen im hohen Gras, unterhielten sich, rauchten wohl auch ein wenig und tranken vielleicht auch ein wenig, machten aber keine Probleme, weil sie keine hatten. Ich war eines dieser Kinder, ich war einer dieser Jugendlichen, denn ich bin dort aufgewachsen, habe gerade einmal hundert Meter vom heutigen Amoklauf-Tatort entfernt gewohnt. Ich weiß noch, was für ein angenehmer, naturbelassener Ort kindlichen und jugendlichen Glücks dieser nunmehrige Platz des Horrors war. Bevor Immobilienspekulanten dieses kleine Paradies mit Mietskasernen und Eigentumswohnung-Schuhschachteln zupflasterten, kräftig Kasse machten. Aus dem beschaulichen Viertel ist in der Folge ein Tummelplatz von Asylsuchenden geworden, ein Multikulti-Hotspot, keine allzu gute Gegend mehr. Verhüllte Frauen, finstere Männer mit dunklen Bärten, arabisch sprechende Jugendliche – das ist heute Alltag im Straßenbild an diesem Platz exakt an der Grenze zwischen den beiden Grazer Stadtbezirken Lend und Eggenberg. Doch davon reden die Politiker, die das mit zu verantworten haben, nicht. Darüber schreiben die Grazer Medien, allen voran die erzkatholische Kleine Zeitung, nicht.

Dabei gäbe es viel zu sagen dazu, dass ein offensichtlich aus der Balance geratener junger Mann getan hat, was er getan hat. Unsere Gesellschaft steht nicht zusammen, da kann der Bundespräsident das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch so beschwören – sie driftet immer weiter auseinander. Wir sind längst gespalten, nicht in zwei, sondern in viele Lager. Wir leben in Bubbles, deren Bewohner sich bereits um die Nachbar-Gruppierung nicht mehr scheren. Wir achten immer weniger aufeinander, statt wie früher aufeinander aufzupassen. Wir fragmentieren uns. Das hat mit vielem zu tun. Ganz sicher einmal damit, dass überforderte Politiker Menschen ins Land gelassen haben, die sich nicht an mitteleuropäische Werte halten wollen, in gar nicht einmal so wenigen Fällen kriminelle Energie mitbrachten und die Schwächen eines Gott sei Dank demokratischen Systems wie jenem in Österreich ausnützen. Zuzug ins Sozialsystem nennt man das. Und es hat ganz sicher auch mit dem Totalversagen von Sebastian Kurz, Karl Nehammer und Werner Kogler als Regierungschefs während der Covid-Pandemie zu tun. Die sinnlosen, teilweise sogar rechtswidrigen Handlungen der damaligen schwarz-grünen Regierung haben Gräben aufgerissen, die uns nur noch weiter auseinander treiben und offensichtlich nicht mehr zuzuschütten sind. Sie haben Einsamkeiten entstehen lassen, die vor allem junge Menschen aus der gesicherten Bahn eines fürsorglichen gesellschaftlichen Zuhauses werfen. Sie haben den Boden aufbereitet, dass heute in Österreich immerhin ein knappes Drittel der Menschen bereit ist, eine Partei wie die FPÖ zu wählen – in der Steiermark sogar einen FPÖ-Politiker zum Landeshauptmann zu machen.

Das alles muss ganz einfach Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben haben. Parteien wie die FPÖ bei uns, die AfD in Deutschland, der Vlaams Blok in Belgien, die Partij vor de Vrijheid in den Niederlanden, das Rassemblement National in Frankreich und so weiter, die spalten statt zu einen, sollten in einer funktionierenden Gesellschaft nie und nimmer Regierungsverantwortung übernehmen dürfen. Nicht in einem Dorf, nicht in einer Stadt, nicht in einem Bundesland und schon gar nicht in einem Staat. Eine Gesellschaft, in der die Menschen aufeinander aufpassen, in der sie zusammenstehen, die benötigt genau solche Parteien nicht. In funktionierenden und prosperierenden Gesellschaften können Radikalismus sowie Hass gar nicht erst in ausreichendem Maß entstehen, dass er gefährlich wird. Und in solchen Gesellschaften geschehen vermutlich dann auch schreckliche Massaker wie jenes in Graz nicht.

Was es braucht? Ein Zaubermittel. Einerseits braucht es kurzfristig selbstverständlich ein totales und ausnahmsloses Waffenverbot für Private – auch für Sportschützen, denn Schießen ist kein Sport. Es gibt nicht den geringsten Grund, warum Privatpersonen – in Österreich sind mehr als eineinhalb Millionen Schusswaffen in registriertem privaten Besitz, die Dunkelziffer ist vermutlich weit höher – über Pistolen oder Gewehre verfügen sollten. Unter dieses Schusswaffenverbot sollten möglichst auch alle Jäger fallen, die keine behördliche Funktion ausüben – zumindest jene, die potenziell alkoholgefährdet sind. Andererseits braucht es langfristig endlich viele Milliarden Euro mehr pro Jahr für die Bildung, um die künftige Wiedereinführung der Vernunft zu ermöglichen. Alle Untersuchungen zeigen, dass mit sinkendem Bildungsgrad die Zustimmung zu rechtsradikalen Parteien steigt. Und umgekehrt: Je höher der Akademikeranteil in einer Gesellschaft, desto friedlicher, weltoffener, liberaler und entwickelter im positiven Sinn ist sie. Der Amokläufer von Graz war ein Schulabbrecher. Bildung ist das Zaubermittel gegen fast jede gesellschaftliche Erkrankung. Dieser Grazer Amoklauf war ein akutes Geschwür, das aufgebrochen ist – das Zaubermittel Bildung, rechtzeitig verabreicht, hätte dieses Geschwür womöglich gar nicht erst entstehen lassen. Doch dieses Zaubermittel ist teuer, schwer zu verabreichen, und es wirkt nur sehr langsam. Daher solle man sofort damit beginnen, es einzusetzen.

Die aktuellen Regierungsmitglieder, die jetzt so mediengerecht trauern und Bestürzung heucheln, könnten gleich einmal damit starten, Geld für die Bildung freizuschaufeln. Indem sie zum Beispiel die dümmliche Förderung allerlei Besäufnis- und Folklorevereine abschaffen, indem sie das klimaschädliche Dieselprivileg für Bauern abschaffen, indem sie die längst nicht mehr zeitgemäße Pendlerpauschale abschaffen. Das Funktionieren der Gesellschaft könnten sie unterstützen, indem sie endlich Psychotherapie auf Krankenschein flächendeckend, zu hundert Prozent und ohne Wenn und Aber einführen. Dem Amokläufer hätte das womöglich geholfen und ihn von seinem Vorhaben abgebracht, noch bevor die Pläne dazu entstanden sind. Die Regierung könnte mit weit in die Zukunft reichenden Maßnahmen zur Gesundung der Gesellschaft starten, indem sie endlich genug Schulpsychologen zur Verfügung stellt, damit Kindern und Jugendlichen in dieser so komplex und schwierig gewordenen Welt die längst überfällige ordentliche Betreuung zur Verfügung steht und sie damit Orientierung finden.

Und natürlich könnte die Regierung Amokläufen und einer Vergiftung unserer Gesellschaft gegensteuern sowie für eine mentale Befreiung sorgen, indem sie ins Land eingesickerte, destruktive bis kriminelle Elemente, die sich nicht und nicht an unsere Regeln des Zusammenlebens halten wollen, toleranzlos endlich wieder dorthin zurück schickt, woher sie gekommen sind. Indem sie Jugendliche und Erwachsene, die im Alltag mit Messern und was auch immer für Waffen herumlaufen, besser kontrolliert. Indem sie endlich die Fehlleistungen und Versäumnisse ihrer Vorgänger-Regierung aus der Corona-Zeit aufarbeitet und Konsequenzen daraus zieht. Indem sie den völlig verrückten Wohnbau nach Schuhschachtelmanier in den Städten und damit die Verghettoisierung ganzer Bezirke stoppt – und stattdessen die Voraussetzungen schafft, damit sinnvoller und dennoch leistbarer Wohnbau und damit menschenwürdiges Wohnen und menschengerechtes Leben in Städten wieder möglich wird.

Und so weiter.

Was Regierung und Politiker nicht tun sollten, ist allerdings: Skrupellos die Gunst der Stunde für Wählerstimmen bringende Medienauftritte voll geheuchelter Bestürzung nützen, leere Versprechen abgeben. Und dann, wenn die allgemeine Trauer sich langsam wieder gelegt hat, weitermachen wie bisher. +++