Ich bin dem Himmel nahe und höre die Stimme eines Engels. Sie singt vom Tod in mein Ohr, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, die mir aber vertraut ist.
Ich sehe Holyhead, das fahle Wasser unter mir, eine konturlose, mattblaue Decke ohne Ende. Kein Anfang, kein rechts und kein links. Dann diese sanfte Kurve, es drängt mich gegen das reduzierte Fenster, die Welt tauscht ihren Horizont, das Oben fließt ins Unten. Eine Halbinsel mit einem Dorf wie eine Puppenstube taucht auf, schwimmt durch meinen Blick nach hinten und wird Vergangenes.
Rütteln, ich muss das iPhone abschalten, sagt der Pilot über den Lautsprecher, bald darauf ein Stoß, verhalten wie ein zärtlicher Stromschlag, wir rempeln den Boden an, der Umkehrschub drängt mich gegen den Vordersitz.
Dann ausrollen über die Landepiste. Wie eine vollgefressene Katze umschleicht das Flugzeug das Glasgebäude des Terminals, pompös, immer noch neu, auch noch nach gut einem Jahrzehnt. Träge stoppt die Maschine, eine Rampe dockt an, aussteigen, gehen durch endlose Gänge zwischen bebildertem Kunststoff. Stufen überstolpern, bergauf- und bergabfließen auf gleitenden Treppen, später Gepäck an mich heranrollen lassen.
Ein Display mit der Aufschrift:
So good to see you!
So begrüßt mich nur Irland. Das war damals bei meiner Ankunft im Jahr 2013 so und so ist es auch jetzt noch. Als die Iren vor über einem Jahrzehnt ihr Diaspora-Treffen The Gathering feierten, hatte man dieses Transparent angebracht, und seither hatte niemand es abgenommen. Es ist geblieben, ein erster Gruß der freundlichen Menschen eines freundlichen Landes an seine Gäste.
Wie immer beginnt der Anflug mit dem Passieren von Holyhead, dem langsamen Hinuntersinken über die Irische See in Richtung Howth, dem Puppenstubendorf, dem Überfliegen des Linksgolfplatzes der Halbinsel Portmarnock, einem Finger gleich, der von Malahide nach Süden auf Dublin zeigt. Meine iPhone-Playlist Way to Ireland im hat sich da schon vom Funeral Song Sináad O´Connors aus dem Film Veronica Guerin durchgespielt bis zum fantastischen The Dublin Minstrel von den Dubliners. Ein Vorbote der grünen Insel ist diese Playlist. Eine Insel, touched by the rivers and kissed by the sea, wie nichts sonst auf der Welt. Nach Irland fliegen, ankommen in seiner Hauptstadt, das ist jedesmal der neue Beginn des Abenteuers Leben, das zum Beispiel in den Pubs abläuft, die wie ein Sonntag sind. Das Menschen miteinander verbindet wie ein Band aus Hoffnung, das nirgendwo mit solcher Zärtlichkeit geflochten wurde wie hier. Irland, das ist eine Geschichte ohne Anfang und Ende, man findet sich immer mitten in ihr, drinnen in ihrem Herz. Ein Märchen, in dem nur Prinzen und Prinzessinnen auftreten, gefallene ebenso wie gefeierte. Irland ist eine Liebeserklärung an alles, an alle, an den Rest der Welt. Menschen, die nach Irland kommen, kommen nach Hause – egal woher sie kommen, wo immer sie auch zuhause sein mögen.
Eine breite Glastüre fährt auseinander, ich trete nach draußen und bin in Dublin. +++





