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Es braucht mehr Deutsch in den Kindergärten

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Auch ein Politiker kann einmal Recht haben. Wenn Bildungsminister Christoph Wiederkehr konstatiert, dass die mangelnden Deutschkenntnisse der Schulkinder das drängendste Problem im Bildungssystem sind, kann man ihm nur zustimmen. Selbst seine politische Reaktion mit verpflichtendem zweiten Kindergartenjahr geht in die richtige Richtung, fällt aber dennoch in die Kategorie: „Too little, too late.“

Das Problem ist mittlerweile dramatisch: In Wien kann jedes zweite Kind zu Schulbeginn dem Unterricht mangels Deutschkenntnissen nicht folgen, in Städten wie Linz oder Wels sieht es ähnlich düster aus. Doch es lohnt sich zusätzlich der Blick unter die Oberfläche: In Wien sind 60 Prozent der Kinder ohne ausreichendes Deutsch bereits hier geboren und haben zumindest ein Jahr Kindergarten absolviert. Ob ein Jahr mehr den entscheidenden Unterschied machen wird, ist alles andere als gesichert.

In Ergänzung könnte man überprüfen, ob in allen Kindergärten auch tatsächlich Deutsch gesprochen wird und ob die Deutschkenntnisse bei den Betreuungspersonen – vor allem den Assistenzkräften, die oft mehr als „Assistenz“ sind – ausreichend vorhanden sind. Die Förderung eines Kindergartens könnte künftig daran gekoppelt werden. Auch verpflichtende Deutschtests bei allen Dreijährigen mit anschließendem Förderunterricht erscheinen sinnvoll. Zumindest wenn, und da blinkt das nächste Fragezeichen in Wiederkehrs Plänen auf, ausreichend Pädagoginnen zur Verfügung stehen.

An den Finanzen darf das nicht scheitern: Das Bildungssystem ohne Abschluss zu verlassen und ohne ausreichend die Landessprache zu beherrschen, ist eine Katastrophe für die betroffenen Jugendlichen, die vermutlich ein Leben lang unter dieser Beeinträchtigung leiden müssen.

Aber es ist auch eine flächendeckende Gefahr für den gesamten Staat. Für die Wirtschaft eines wohlhabenden und verwöhnten Landes, das Fachkräfte und nicht sprachunkundige Hilfsarbeiter benötigt, ist das indiskutabel. Mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit steht und fällt auch die Finanzierung des Sozialstaates. Doch die Auswirkungen betreffen ebenso die Sicherheit im Land, denn die Kriminalitätsrate von frustrierten und perspektivlosen Arbeitslosen beträgt ein Vielfaches der Normalbevölkerung. Und letztlich ist auch die Demokratie selbst betroffen, denn wie soll man ohne Sprachkenntnisse ein mündiger und informierter Staatsbürger werden?

„Dafür muss einfach Geld da sein“ – diesen Satz hört man in der Politik zu oft. Aber um diesem Problem einer Generation der Sprachlosen und der schlecht bis kaum Ausgebildeten mit aller Macht entgegenzuwirken, dafür müssen Geld und politischer Wille in Hülle und Fülle vorhanden sein. +++