Die jungen Leute wollen oft nur mehr Teilzeit arbeiten. Schon beim Einstellungsgespräch fragen sie nach der Work-Life-Balance. Richtig hackeln kennen die doch kaum noch, diese Weicheier. Das sind die gängigen Klischees über die sogenannte Gen Z, also die 1995 bis 2010 Geborenen.
Und es steckt sicher auch ein wahrer Kern in diesem Klischee. Diese Generation ist in relativem Wohlstand aufgewachsen. Gerne und reichlich Überstunden zu machen, um sich – wie einst in meinem Fall – nach einem halben Jahr einen VHS-Videorecorder leisten zu können, funktioniert heute nicht mehr. Für junge Menschen ist Materielles meist selbstverständlich geworden: Laptop und Smartphone, Flugreisen, das Bestellen von Essen aus dem Restaurant per Lieferservice. Das alles stellt keine ausreichende Motivation für Mehrarbeit dar. Okay, Boomer, wäre vermutlich die Antwort eines jungen Menschen darauf.
Aus unserer Sicht, also der Baby-Boomer, haben wir als Gesellschaft wohl einiges falsch gemacht. Zu viele Freiheiten für Kinder, die in ihrer Entwicklung noch nach Grenzen suchen, zu viele Sturzhelme, selbst wenn das Kind erst am Laufrad sitzt, und zu viele Helikopter-Eltern, die das Kind beschützen wollen, wenn es selbst seine – teilweise auch schmerzhaften Erfahrungen – machen sollte. Und zu früh das Smartphone mit seinen suchtbildenden Apps und den Risken für Cybermobbing auf einen kindlichen Geist losgelassen.
Und vor allem haben wir Boomer das lange gültige gesellschaftliche Versprechen gebrochen, dass es der nächsten Generation besser gehen soll als der vorigen. Es funktioniert gerade noch materiell, doch selbst das Versprechen auf eine ausreichende staatliche Pension wird von der jungen Generation verständlicherweise nicht mehr geglaubt. Vor allem aber wird das von berechtigten Ängsten über eine drohende Klimakatastrophe mit all ihren Auswirkungen überdeckt, und nun kommen auch noch Kriegsängste dazu.
Wir Boomer sollten in den letzten Jahren unserer Verantwortung darauf reagieren. Mit einer nachhaltigeren Wirtschaft und mit einem Heer, das tatsächlich – im europäischen Verbund – unsere Grenzen schützen kann. Aber auch mit einer besseren Schule, mit einer moderneren Ausbildung der Pädagogen, mit einem besseren Konzept, wie wir politisch und als Gesellschaft auf die nächste Pandemie reagieren wollen. Und vor allem mit Zurückhaltung, wenn es um die nächste Pensionsanpassung geht oder die nächsten Milliarden an Staatsschulden angehäuft werden sollen, die wir den Jungen noch in den bereits prallen Rucksack stecken.
Letztlich sollten wir Boomer auch damit reagieren, was wir selbst vor 30, 40, 50 Jahren eingefordert haben: das Recht jeder Generation, über ihre Prioritäten und Werte selbst bestimmen zu können. Eltern haben nicht immer recht, das haben wir als Jugendliche oft genug selbst erlebt. Nun sollten wir uns gelegentlich daran erinnern. Wer sagt denn, dass eine 50- bis 60-Stunden-Abeitswoche, die jahrzehntelang für mich die Norm war, wirklich das Ideal darstellt?
Ich möchte manchen jungen Menschen nur in einem einzigen Punkt widersprechen, aber darin dafür heftig: Falsch – und gefährlich – ist für mich allein die häufig gehörte Einstellung: Nein, ich will keine eigenen Kinder. Der Grund heißt dann entweder, das ist mir zu mühsam, oder – noch schlimmer – das ist ökologisch unverantwortlich. Da läuft dann wirklich etwas schief. Wenn Kinderkriegen als zu unbequem oder unverantwortlich angesehen wird, wenn das, was die meisten Menschen als das Sinnstiftendste ihres ganzen Lebens ansehen, nicht mehr gewollt wird, dann ist für unsere Gesellschaft Feuer am Dach.
Aussterben kann nicht die Lösung sein, sondern besser machen. Das ist meine Botschaft an die Gen Z. Zeigt uns Alten, wie man es besser macht, wie man Kinder besser auf das Leben vorbereitet, wie man ihnen besser Werte vermittelt, wenn Wohlstand als Ziel, an dem man das meiste misst, wegfällt. +++





