Ein Boykott der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in den USA aus Protest gegen deren amoralischen Präsidenten und das autokratische System, das er zu etablieren versucht? Natürlich, lautet selbstverständlich die Antwort, das ist allein schon eine Frage von Anstand und Rückgrat. Aber macht es wirklich Sinn?
Aus moralischer Sicht ist klar, dass die zivilisierte Welt alles tun müsste, um gegen den Rüpel Donald Trump und seine Versuche aufzustehen, die USA in eine Autokratie mit diktatorischen Zügen zu transformieren. Die Unterwürfigkeit, mit der sich europäische Repräsentanten als Stiefellecker Trumps gerieren, ist ein Grund zum Fremdschämen. Aber sind wir Bürgerinnen und Bürger wirklich soviel anders? Wer von uns kauft im Supermarkt gezielt keine amerikanischen Waren mehr? Wer verzichtet überhaupt auf US-Produkte? Nur zur Erinnerung – Facebook, Google, Apple, Microsoft, X, Instagram und so weiter – das sind alles US-Produkte. Wer verzichtet auf USA-Urlaub? Wer verschrottet seine Harley oder verramscht seinen Tesla? Und jetzt soll es stellvertretend unsere Fußballnationalmannschaft richten? Ein Zeichen setzen und die WM boykottieren? Die – nur nebenbei – auch in Mexiko und Kanada stattfindet, also in zwei von Trump drangsalierten Ländern. Eine bigotte Forderung.
Ein Boykott würde nichts bewirken außer ein paar Schlagzeilen ein paar Tage lang. Kaum anzunehmen, dass sich andere Staaten anschließen. Was bliebe, wären gebrochene Verträge mit Schadenersatzforderungen – zum Beispiel des Hotels, in dem die Österreicher wohnen werden. Vielleicht auch ein paar zornige Rundumschläge und viel Spott von Trump, für den Österreich sicher nicht wichtig genug ist, um sich ernsthaft aufzuregen. Wir wären ohne Frage die moralischen Sieger, aber in allen anderen Belangen wären wir Verlierer – ohne die USA in der öffentlichen Meinung weiter auf die Verliererstraße drängen zu können, auf der sie ohnehin längst unterwegs sind.
Das eigentliche Problem ist die Fifa mit ihrem Präsidenten Giovanni Infantino, der sich Trump auf verstörende Weise andient. Er führt die eigene Argumentation ad absurdum, nach der Politik und Sport nicht zu vermischen sind. Was anderes als eine Vermischung von Politik mit Sport ist es aber, wenn die Fifa in einer Firlefanz-Show einen „Friedenspreis“ an Trump verleiht? Was anderes als eine Vermischung ist das gesamte Verhalten von Infantino seit Jahren? Die Fifa gehört radikal von innen reformiert. Infantino und seine Truppe gehören aus ihren Ämtern entfernt. Sich hier zu engagieren, stünde jedem Fifa-Mitglied – also auch Österreich – gut an. Das wäre echter Protest mit der feinen Klinge, der nachhaltig wirken würde. Eine Fifa nach Infantino darf sich Diktatoren nicht mehr an den Hals werfen. Und danach vielleicht Trump den Friedenspreis medienwirksam wieder zu entziehen und zu verschrotten wäre ein netter Nadelstich. Der würde in der intellektuell limitierten Denkwelt des übereitlen US-Präsidenten mehr Kahlschlag hinterlassen als ein WM-Boykott Österreichs.
Bleibt wohl nur: Wir halten uns in diesem Fall an die verlogenen Fifa-Regularien, trennen Sport und Politik, spielen unsere drei, vier oder vielleicht sogar fünf Spiele in den USA, und protestieren auf andere Weise: Wer es einigermaßen ernst meint, verzichtet im Supermarkt auf US-Produkte. Wer es kompromisslos ernst meint, wirft sein MacBook, sein iPad oder sein iPhone auf den Müll. Ersetzt Nike-Sportkleidung durch europäische Konkurrenzprodukte, nur zum Beispiel. Und so weiter. +++





