Start Siegls Senf Lieber nichts essen, wo Gene drinnen sind

Lieber nichts essen, wo Gene drinnen sind

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Das EU-Parlament hat also mehrheitlich für den Einsatz der neuen Gentechnik an Pflanzen gestimmt. Endlich. Befremdlich ist dabei allerdings, dass bis auf die Neos alle österreichischen Parteien gegen die Vorlage gestimmt haben.

“Die Wissenschaft wurde in der Coronakrise sehr ernst genommen – genau dasselbe brauchen wir in der Klimakrise”, sagte Umweltministerin Leonore Gewessler noch im Juni vorigen Jahres. Nun wäre die Chance dagewesen, denn die wissenschaftliche Haltung zur Gen-Schere in der Landwirtschaft ist eindeutig.

„Gen-Editierung schafft neue Möglichkeiten bei der Heilung von Krankheiten, aber auch bei der Züchtung von Pflanzen, die produktiver, widerstandsfähiger, gesünder, verträglicher und an eine veränderte Umwelt angepasst sind. In fast 700 erforschten Beispielen in über 40 Pflanzenarten konnten durch die Gen-Editierung größere Schädlingsresistenzen, verbesserte Eiweiß- oder Fettsäurezusammensetzungen oder weniger unverträgliche Inhaltsstoffe erzielt werden. Weitere Züchtungsziele sind trocken- und hitzeresistentere Pflanzen mit weniger Bodenverbrauch und höherer Resilienz. Die Grüne Gentechnik kann also einen bedeutsamen Beitrag bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels und für eine nachhaltigere Landwirtschaft leisten.“ Dies steht in einem gemeinsamen offenen Brief österreichischer Uni-Rektoren und Leiter von Forschungseinrichtungen. Sie folgen damit gleichlautenden wissenschaftlichen Empfehlungen auf EU-Ebene oder in anderen europäischen Staaten.

Außerhalb von Europa sind solche Empfehlungen nicht notwendig, denn von den USA bis China und Japan käme keine Regierung nur auf die Idee, auf die Chancen der neuen Gen-Technologie verzichten zu wollen. Aber gerade in Österreich sehen wir eine jahrzehntelang von Boulevard-Blättern und NGOs geschürte Hysterie vor Grüner Gentechnik, die auch durch gänzlich neue Methoden wie die Gen-Schere oder durch wissenschaftliche Empfehlungen nicht zu erschüttern ist. Oder durch die Aussage, dass es weltweit noch keinen einzigen dokumentierten Fall einer für den Menschen schädlichen Wirkung einer transgenen Pflanze gegeben hat.

„Die österreichische Bevölkerung isst nicht gerne was, wo Gene drinnen sind“ – ungefähr auf diesem Niveau bewegt sich die Diskussion. „Gen-frei“-Aufkleber auf Lebensmitteln unterstützen diese inhaltlich wie semantisch dumme Aussage. Und die heimische Politik passt sich diesem Niveau problemlos an. Wissenschaft wird verteidigt, wenn die Aussagen der eigenen politischen Linie dienen, aber man positioniert sich sofort gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wenn die eigenen Wählergruppen skeptisch bis ablehnend sind.

Nur als Beispiel stellt sich die heimische Politik mit ihrer Haltung gegen Hybrid-Papeln, die durch Gene von Kürbissen deutlich schneller wachsen und somit viel rascher CO2 binden. Oder gegen den Anbau von Erdäpfeln, die durch eingebaute Resistenz-Gene von Wildkartoffeln vor Knollenfäule sicher sind, was eine deutliche Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln erlaubt. Oder gegen synthetische Bakterien, die sich ausschließlich von Plastik ernähren und so die Plastikberge verringern könnten. Aber wenn Wissenschaftsfeindlichkeit Wählerstimmen bringt, zählt das alles nicht. „Die entstehenden Pflanzen sollen nach ihren Eigenschaften, nicht nach der Methode ihrer Erzeugung geprüft werden“, lautet der Appell der heimischen Wissenschaft. Tatsächlich werden sie von der Politik aber vor allem auf Wählertauglichkeit geprüft. +++