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Schrödingers Bilanz des Jahres

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Schrödinger beschließt heute sein erstes Kalenderjahr auf dieser Erde, aber nicht nur das: Er bewohnt nun seit etwas über sechs Monaten gemeinsam mit dem Mitbewohner dessen zwei Wohnungen in Mondsee und Graz, er blinzelt seit rund zehn Monaten hinaus in eine für ihn höchst erstaunliche Welt, er entwickelt seine Fähigkeiten und vor allem seine Neugierde konstant weiter. Da ist es, an diesem letzten Tag des Jahres 2023, durchaus einmal Zeit für den Jungkater, so etwas wie eine Bilanz seiner ersten zehn Lebensmonate zu ziehen.

Erstens: Gut getroffen. Schrödinger hat schon dreieinhalb Monate nach seiner Geburt, also ziemlich früh, beschlossen, Forscher zu sein und in die Welt hinaus zu ziehen: Er wanderte bereits im Babyalter aus. Vielleicht wurde er auch ausgesetzt, man weiß es nicht genau. Jedenfalls tappte er zwei oder drei Tage durch die Ufergärten im Örtchen Schwarziniden am Mondsee, bis er durch die Gitterstäbe des Garagentores das Gelände des dortigen Segelclubs enterte. Dort, im SCS Mondsee, halten sich größtenteils freundliche Menschen auf, deren kulinarische Bedürfnisse von Shiva betreut werden, einer persischen Österreicherin mit großem Herz.

Schrödinger war bis dahin von den wenigen Menschen, denen er auf seiner großen Tour begegnet war, hauptsächlich herumgekickt und weggejagt worden, die Welt erschien ihm daher grundsätzlich eher feindlich. Nicht aber die Welt im SCS. Denn Shiva war von jener Sekunde an, als sie den kleinen Kater entdeckte, nett zu ihm. Sie versorgte ihn mit Fressen und Wasser, streichelte ihn, kämmte ihm seine orangenbraunweißen langen Haare, weil Schrödi nach seinen Nächten im Freien bereits etwas zerzaust wirke. Jedenfalls: Schrödinger verlor sofort seine Angst. Er übernachtete behütet und umsorgt im SCS-Clubhaus. Am nächsten Tag kam dann der Mitbewohner. Shiva hatte eine WhatsApp-Nachricht an die Clubmitglieder abgesetzt, dass sich ein kleiner Kater im Club aufhalte, und fragte nach, was zu tun sei. Der Mitbewohner wusste, als er die Nachricht las: Auch wenn die SCS-Mitglieder freundlich sein mochten, Anweisungen wie “zurück über den Zaun” oder “ab ins Tierheim” würden nicht auf sich warten lassen. Er mochte den Kleinen vom ersten Augenblick an, als er das Foto sah. “Ich nehme ihn auf”, whatsappte er sofort zurück und von da an war die Wohngemeinschaft zwischen Jungkater Schrödinger und seinem Mitbewohner beschlossene Sache.

Schrödinger traf den Mitbewohner am Tag nach seiner Ankunft im Segelclub, einem Sonntag, und fühle sich sofort wohl. Umstandslos war ihm klar: Mit dem würde er zusammenwohnen wollen, bei dem würde er bleiben. Den hatte er, ohne es zu wissen, gesucht.

Und seit diesem Sonntag im Juni hat Schrödinger seinen Entschluss, den SCS zu betreten und am nächsten Tag mit dem Mitbewohner in dessen Zuhause zu übersiedeln, nie bereut. Es lebt sich wunderbar und in Sicherheit beim Mitbewohner, sowohl in dessen Grazer Winterwohnung wie auch in seinem Sommerzuhause am Mondsee. Schrödinger, der kleine Forscher, der unbändig neugierige Jungkater, der engagierte Polstermöbelzerstörer, der unglaublich liebe, zärtliche kleine Schnurrtraktor, der zwischendurch auch ordentlich ruppige Raufbold, der Besitzer des buschigsten Katzenschwanzes der Welt, ist der Ansicht: Er hat in Bezug auf den Menschen, mit dem er sein Leben verbringen wird, eine kluge, jedenfalls aber die richtige Wahl getroffen.

Zweitens: Man braucht eine Aufgabe. Natürlich hält das Leben als Wohnungkatze für einen jungen Kater ab und zu womöglich ein wenig zu spärliche Herausforderungen bereit. Der Mitbewohner weiß das und grämt sich, weil er nicht immer genügend Zeit zum Spielen mit seinem kleinen Kater aufwenden kann, daher räumt er Schrödinger durchaus einen gewissen Freiraum in Sachen Wohnungsverwüstung ein, bevor geschimpft wird. Der Jungkater nützt das aus. Damit ihm nicht zu langweilig wird, verfolgt er zwei Dauervorhaben: Zum einen legt er unter Kommoden, Sofas, Sesseln, dem Bett und so weiter Verstecke von Dingen an. Alles was auf den Boden fällt und geklaut werden kann, klaut er und lagert es ein. Der Mitbewohner benötigte ein wenig Zeit um draufzukommen, wohin die Sachen verschwanden, die soeben noch da waren und dann eben nicht mehr. Einmal im Monat durchsucht er nun die Wohnung nach Schrödingers Verstecken. Der Kater beobachtet es jeweils pikiert, unternimmt jedoch nichts. Er weiß: Ist die Durchsuchung vorbei, legt er einfach von vorne los. So bleibt man in Bewegung und es gibt immer was zu tun.

Zweites Großprojekt ist die vollständige Vernichtung der Katzengrasplantagen, die ihm sein Mitbewohner immer wieder anlegt – in der naiven Hoffnung, Schrödinger möge das Gras dann doch einmal wachsen lassen. Der Kater sieht die Sache jedoch eher als Möglichkeit, etwas auszugraben. Er missversteht sich dann immer als Erdbagger und erledigt seine Aufgabe als solcher ebenso gut wie gründlich. Die Katzengrasplantagen segnen dann jeweils nach vergleichsweise kurzer Frist das Zeitliche, Schrödinger ist zufrieden und der Mitbewohner, weil er seinen kleinen Kater ja gern hat und über dessen Unterforderung Bescheid weiß: schimpft nicht. Und beginnt stattdessen achselzuckend mit der nächsten Neuzüchtung.

Kratzen macht frei. Schrödinger nächste große Leidenschaft ist das Kratzen. Der Mitbewohner hat ihm deshalb extra zwei Naturkratzbäume mit Holz von der steirischen Hochführen-Alm gebaut, außerdem einen Wohnturm mit allen Schikanen samt begrünter Dachterrasse und neun (!) Kratzmöglichkeiten gekauft. Alle diese Chancen zum formidablen Kratzen nützt Schrödinger: nicht. Warum auch, es gibt ja das schöne Ledersofa und die beiden knallroten Lederfauteuils des Mitbewohners. Schnell hat der schlaue Schrödinger gelernt: Ist ihm langweilig und kratzt er dort, kommt der Mitbewohner sofort angetrabt, erweckt einen geschockten Eindruck, murmelt irgendwas, das wie … um Gottes Willen, nicht Schrödi, niiiiicht! … klingt und beschäftigt sich danach mit seinem Kater. Das funktioniert immer. Der Mitbewohner hat seine Möbel gedanklich aufgegeben und die Gegenwehr bald einmal eingestellt. Schrödinger ist mit den Kratzmöglichkeiten in seiner Grazer Winterwohnung daher sehr zufrieden. Wie sich die Sache 2024 in Mondsee entwickeln wird, man wird sehen …

Ansonsten ist Schrödinger mit seinem Jungkaterleben bisher glücklich. Ja, er würde gerne nach draußen können und bedauert es, wenn er den Mitbewohner leiden sieht, weil der ihm das nicht bieten kann. Um den armen Kerl etwas abzulenken, kratzt er dann stets am Ledersofa – und schon kommt der auf andere Gedanken. Doch sonst ist alles recht paletti für den jungen Schrödinger. Katzenparadies, sagen die Besucher zumeist, wenn sie Schrödingers Möglichkeiten sehen. Vor allem die Outdoor Chilling Area, die ihm der Mitbewohner gemeinsam mit einem Freund am Balkon gebaut hat und die er immer nur OCA nennt, liebt Schrödinger. Dort sitzt oder liegt er, beobachtet die Tauben aus der Nachbarschaft und legt sich Pläne zurecht, wie er sie killen wird, sobald sie unvorsichtig genug sind, sich einmal aufs Dach seiner OCA zu setzen. Nur die Raben, die auch ab und an vorbei schauen, sind ihm nicht ganz geheuer. Er weiß noch nicht genau, was er von diesem langen, schwarzen, nach vorne spitz zulaufenden Speer halten soll, den sie dort vor sich her tragen, wo er seine Schnauze hat. Der sieht gefährlich aus. Außerdem schreien die pechschwarzen Flieger dauernd, was sehr selbstbewusst klingt. Ganz anders als dieses lächerliche Gegurre der Tauben. Schrödinger hat nun, zum Jahresende 2023, beschlossen, erst einmal abzuwarten, bis er größer und stärker ist. Dann wird zu entscheiden sein, wie man mit den Raben zu verfahren hat. Er ist sich außerdem sicher, der Mitbewohner würde ihm den Rücken freihalten und an seiner Seite kämpfen, sollte er einmal in den Rabenkrieg ziehen.

Was Schrödinger in seinem ersten Jahr außerdem gelernt hat zu mögen:

In der Mondseer Wohnung oben am Holzboard zu liegen, das die Rückwand des Sofas darstellt, und auf den See hinaus zu schauen. Schwäne, Segelboote, Enten, Schwimmer – alles lässt sich dort beobachten. Da kann man wunderbar tagträumen – etwa davon, wie man die eine oder andere Ente eines Tages erwischen könnte, oder – ist man erst groß und stark geworden – vielleicht sogar einen Schwan. Das ist dann immer best of Realxen.

Fußball schauen und spielen. Schrödinger gefällt auch sehr, dass der Mitbewohner sich oft Fußball im Fernsehen ansieht. Er mag es, vor dem großen Bildschirm zu sitzen und mitzuspielen.  Wenn er groß ist, möchte er gerne Torwart werden. Fast täglich trainiert der Mitbewohner mit ihm unter Zuhilfenahme eigens für diesen Zweck zusammengerollter Staniolkugeln. Schrödinger liebt diese Sessions und wirft sich ohne Rücksicht auf Verluste den anfliegenden Kugeln entgegen. Du bist ein schwerer Stanioloholiker, sagt der Mitbewohner dann immer grinsend. Und obwohl Schrödinger null Ahnung hat, was das bedeuten könnte, freut er sich, dass sein Mitbewohner sich freut.

Und natürlich: Fressen. Der Mitbewohner offeriert zumeist ein Buffet aus gesundem Bio-Trockenfutter und speziell für junge Katzen zusammengestellten Nassfutter-Mischungen. Schrödinger schmeckt´s.

Er ist also mit seinem ersten Jahr auf Erden alles in allem sehr zufrieden. Ja, der Mitbewohner könnte mehr mit ihm spielen und weniger oft so still sein. Ist richtig ein schweres Jahr für mich, lieber Schrödi, sagt er dann immer kopfschüttelnd. Aber dafür bringt er ihm andererseits oft genug Hühnerfleisch vom Einkaufen mit, das wiegt den leisen Hauch der Traurigkeit wieder auf, der ab und zu durch die Grazer Wohnung des Mitbewohners weht. Und ja, natürlich, es könnte grundsätzlich mehr Action in der Wohnung geben. Doch umgekehrt liebt Schrödinger es, in der Stille neben dem Mitbewohner im Bett zu schlafen. Und am früheren Morgen, wenn der noch halb im Traumkoma am Rücken liegt, sich auf seine Brust zu legen, das lauteste Traktorschnurren in die Luft abzusetzen, das man sich nur vorstellen kann, den Mitbewohner damit aufzuwecken und sich dann für ein paar Minuten streicheln und kleine Geschichten erzählen zu lassen. In denen sehr oft der Satz … ich hab dich lieb, mein kleiner Schrödi … vorkommt.

Schrödingers denkt sich zwar dann immer, dass der Mitbewohner schon ein bissl ein Weichei ist – aber er weiß andererseits genau, was er an ihm hat und dass er den Mitbewohner umgekehrt genauso gern hat. Und vor allem dass er es super getroffen hat, als er sich noch als Babykater, angeweht vom rauen Lebenslüftlein, den SCS in Mondsee zum Ankern aussuchte, weil er zuversichtlich war, dort so einen wie seinen Mitbewohner zu treffen. Und jetzt ist er ein zufriedener, fast schon ein glücklicher kleiner Kater. Das neue Jahr kann kommen. +++

 

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