Start People Kollmann: „Die Oberflächlichkeit der gesellschaftlichen Kommunikation ist erschreckend“

Kollmann: „Die Oberflächlichkeit der gesellschaftlichen Kommunikation ist erschreckend“

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Nach 40 Jahren zieht sich Ex-PRVA-Präsident Christian Kollmann aus der Kommunikationsbranche zurück, übergibt seine Agentur „communication matters“ an Dagmar Hemmer. Ein Abschiedsinterview.

such*stuff: Vor rund 40 Jahren, als Sie in die Kommunikationsbranche eingestiegen sind, gab es weder Mobiltelefon noch Internet. Wie war das damals?

Kollmann: Es gab auch keine Computer. Wenn es schnell gehen musste, haben wir zuerst Telex und später dann Fax genutzt – aber in der Regel haben wir Briefe geschrieben. Das hieß: Reaktionszeiten von bis zu einer Woche waren normal, aus heutiger Sicht natürlich kaum mehr vorstellbar. Wenn man heute auf ein Mail nicht binnen Stundenfrist reagiert, löst das beim Gegenüber schon eine gewisse Irritation aus. Ich kann mich auch noch erinnern, dass wir damals Presseaussendungen kuvertiert, in Wäschekörben zum Versand zur Hauptpost getragen haben. Die halbe Agentur ist zuvor an einem Tisch gesessen und hat Bildtexte hinten auf die Fotos geklebt. Gut, dass das alles der Vergangenheit angehört. Die Geschwindigkeit hat sich also sehr verändert, während sich inhaltlich gar nicht so viel geändert hat und es immer noch um dieselben Anliegen geht.

Helfen die technischen Hilfsmittel von heute oder behindern sie eher?

Einerseits spielt uns die Technologie von vielen Dingen frei, andererseits erhöht sie den Zeitdruck. Weil früher alles langsamer ablief, hatte man mehr Zeit nachzudenken, Konzepte zu entwickeln, zu diskutieren, gute Texte zu schreiben, auf die Qualität der Arbeit zu achten. Die heutige Kultur der Schnelligkeit tut dem Geschäft nicht immer gut. Man ist ab und zu gezwungen, impulsgetrieben zu agieren. Da fehlt die Zeit, Dinge im besten Sinne des Wortes zu bedenken und die für den Kunden bestmögliche Kommunikation zu entwickeln. Heute muss alles sehr schnell, hektisch und unmittelbar sein. Dadurch besteht die Gefahr, dass eine gewisse Oberflächlichkeit entsteht.

Also Fluch oder Segen?

Wenn ich mir alle Entwicklungen der vergangenen Jahre und die Abläufe bei uns in der Agentur ansehe, dann ist die moderne Kommunikations-Technologie irgendwie Fluch und Segen gleichzeitig. Sie zwingt uns zwar einerseits dazu, schnell zu sein, beschleunigt gleichzeitig aber auch viele unserer Abläufe. Uns als Agentur befreit sie eher, weil sie uns viele manipulative Tätigkeiten abnimmt und mehr Zeit für inhaltliche Arbeit gibt.

Was ist heute beim inhaltlichen Arbeiten anders als früher?

Es existiert wie gesagt eine gewisse Oberflächlichkeit. Früher saßen wir beim Nachdenken zu Themen, Aufgaben und Herausforderungen oft tagelang zusammen, um über Konzepte diskutieren, sie auch lustvoll durchzustreiten, bis wir sicher waren, die beste Lösung gefunden zu haben. Das gibt es im New-Business-Bereich zum Teil auch heute noch, im Tagesgeschäft aber kaum mehr. Die zeitliche Erwartungshaltung der Kunden ist sehr hoch geworden. Da steht man als verantwortungsvoll agierende Agentur in einem Spannungsfeld.

Christian Kollmann, Jahrgang 1961, zieht sich mit Ende 2023 aus dem Agenturleben zurück. Der gebürtige Wiener begann seine Laufbahn als PR-Experte in der Agentur „Pubrel”, gründete 1995 seine eigene Agentur „CKC“ und 1999 die Agentur „communication matters”, die er mit wechselnden Partnern und Partnerinnen führte – aktuell mit Dagmar Hemmer. Kollmann war mehrere Jahre Vorstandsmitglied und zwei Jahre auch Präsident des Public Relations Verbandes Austria (PRVA), Lektor an den Universitäten Wien und Salzburg sowie an der Donau Universität in Krems, und ist Gründungsmitglied des PR-Ethik-Rates, dem er immer noch angehört. Kollmann war bis Mai 2023 Chairman des internationalen Agenturnetzwerks „ECCO”.

Das von gesellschaftlichen Entwicklungen befeuert wird, oder?

Natürlich betrifft das nicht nur die Agenturen, sondern die Kommunikation insgesamt, also auch die Medien. Die generelle Oberflächlichkeit der gesellschaftlichen Kommunikation ist mittlerweile erschreckend. Gedankenaustausch im besten Sinne des Wortes gibt es fast nicht mehr. Man kann den Eindruck gewinnen, jeder wähnt sich nur mehr im Besitz der absoluten Wahrheit, auf die Gedanken und Argumente der anderen Seite einzugehen, das passiert kaum mehr. Das macht viel mit den Menschen, das macht aber auch viel mit der Kommunikationsbranche. Es nimmt einiges von jener Reflexion, die man eigentlich brauchen würde.

Wie gehen Sie bei communication matters damit um?

Wir haben uns darauf verständigt, es uns im Sinne unserer Kunden leisten zu wollen, die eigenen Ideen auch anzuzweifeln und zu hinterfragen, bevor wir sie nach außen weitergeben. Wir sind überzeugt: Nur wenn wir unsere eigenen Zweifel – Zweifel im positiven Sinn – ausräumen, können wir unseren Kunden gute Arbeit liefern. Auch wenn ich mir selbst wünschen würde, immer ein wenig mehr Zeit zu haben, bin ich davon überzeugt, dass unsere Ideen in der Folge zumeist stimmig sind und unsere Projekte dann auch gut gelingen.

Sprechen wir über die Veränderungen in der Agenturlandschaft – eine Agentur wie communication matters ist nicht mehr typisch für die heutige Agenturszene …

Ich bin der Überzeugung, dass Kommunikation etwas zutiefst Gesellschaftspolitisches ist. Es ist kein Zufall, dass wir vor rund zehn Jahren die Gelegenheit genützt haben, eine Public Affairs Agentur zu kaufen und zu integrieren. Wir als Agentur verstehen Kommunikation vor einem gesellschaftspolitischen und politischen Hintergrund, und wir verstehen politische Kommunikation, also Public Affairs, als etwas, das mit den Aspekten der klassischen Kommunikation zu verknüpfen ist. Ich bin überzeugt: Agenturen wie wir kommen um Haltungen nicht herum. Ich mache allerdings die Erfahrung, dass ich inzwischen bis auf einige Ausnahmen von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus der Branche eher staunende Blicke ernte, wenn ich über dieses Verständnis von Kommunikation spreche.

Wie hat sich denn das Verhältnis zwischen PR-Leuten und Medien entwickelt?

Als Kommunikationsexperte trage ich wie gesagt Verantwortung für das, was ich mache. Ich löse damit etwas aus. Kommunikation löst immer etwas aus. Da kommt noch die heutige Schwäche der Medienlandschaft hinzu. Die Verlage stehen unter großem wirtschaftlichen Druck, die Redaktionen leiden unter Personalmangel und einem daraus resultierenden Zeitdruck. Das sind Entwicklungen, die unsere eigene Verantwortung erhöhen. Natürlich könnte man sich als PR-Experte freuen, wenn man seine Geschichten eins zu eins immer leichter in den Medien unterbringen kann, weil es dort immer weniger Menschen gibt, die sie prüfen, hinterfragen und vielleicht auch einmal nein sagen. Ich sehe das aber nicht unbedingt als Vorteil für uns alle. Kurzfristig mag es gut fürs eigene Geschäft sein, langfristig erhöht es unsere gesellschaftspolitische Verantwortung. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob diese Meinung heute quer durch die Branche geteilt wird.

Dagmar Hemmer (li.) und ihr Managementteam übernehmen die Agentur.

Wie fühlt es sich denn an, wenn man sich nach vier Jahrzehnten zurückzieht?

Mein Gefühl ist, ich mache das Richtige und es ist ein guter Zeitpunkt. Ich habe auch noch einmal das Bedürfnis, ein bisschen was Neues zu machen. Ich ziehe mich nun mit Jahresende aus der Agentur zurück und übergebe an meine Mitgesellschafterin und Nachfolgerin Dagmar Hemmer. Dagmar und ihr Management-Team sind eine ausgezeichnete Truppe und wie immer sie es machen werden, sie werden es gut und richtig machen. Ich verspüre da weder Trennungsschmerz noch Wehmut. Ich bleibe zwar noch Gesellschafter und Konsulent, aber die alleinige Geschäftsführung liegt in Zukunft bei Dagmar und ich werde mich da nicht einmischen – allenfalls zur Verfügung stehen, wenn sie mich etwas fragen will.

Persönliche Pläne für die Zukunft?

Es gibt den Plan, mit einigen Personen im Coaching-Bereich eine Plattform für Beratungsdienstleistungen zu gründen, aber sicher nicht in Form einer Gesellschaft und sicher nicht als Agentur. Mehr kann ich derzeit dazu nicht sagen. Ich werde auch mit meiner Frau künftig immer einige Wochen im Jahr in Südfrankreich verbringen, ich werde öfter am Vormittag aufs Rennrad steigen. Und ich möchte mich, in welcher Form auch immer, im gesellschaftspolitischen Kontext einbringen, ob im Rahmen einer NGO oder sonst wie, weiß ich noch nicht. Wir hatten in den vergangenen Jahren, Stichwort Corona und Krisen, so viele Umbrüche, dass es schwer ist, über die Zukunft zu sprechen. Wenn ein herausragend spannendes Projekt kommt – etwa im Bildungs- und Sozialbereich – das zu mir passt, bin ich jedenfalls grundsätzlich offen. +++

Dieses Interview ist am 15.12.2023 auch im Fachmedium “Horizont” für die Kommunikationsbranche erschienen.

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