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Shane MacGowan und der ganz große Hunger

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Vor einer ganzen Reihe von Jahren traf ich, das ist eine wahre Geschichte, eine Irin, eine Hotelmanagerin im County Donegal, die trug einen Namen, durch den Musik im wahrsten Sinne des Wortes tänzelte: Sie hieß Sinéad MacGowan.

Damit trug sie den Vornamen der großartigsten aller großartigen irischen Musikerinnen und den Familiennamen des großartigsten aller großartigen irischen Musiker. Sie hieß wie Sinéad O’Connor, die mit ihrer Engelsstimme alles so singen konnte, wie es sonst niemand singen kann. Und sie hieß wie Shane MacGowan, der eine so besondere Art von wilder Poesie in die Punkmusik schmeichelte, wie das bestenfalls noch Nick Cave zustande bringt.

Und beide sind jetzt tot. Sinéad O’Connor starb vor wenigen Monaten vermutlich genau jenen Tod, von dem immer klar war, dass er sie einmal einholen würde. Und jetzt, vorgestern, Shane MacGowan. Entgegen allen Erwartungen hat er sich nicht zu Tode gesoffen, obwohl er mit Akribie, Unmengen an Alkohol, Drogen und gnadenlosem Konsum von Leben sein gesamtes Dasein lang daran gearbeitet hat, sondern er wurde im Verlauf dieses Jahres als Folge einer Gehirnhautentzündung so lange immer weniger, bis er am Schluss einfach nicht mehr da war. Dieses bösartige Jahr 2023 hat nicht nur die traurige Königin, sondern nun auch noch den wilden Prinzen Irlands geholt. Damit sterben nun auch zwei meiner kleinen, verschämten Träume einen stillen Tod – wenn man die beiden Gedanken überhaupt so nennen will, die irgendwie ganz hinten drinnen in meinem Hirn jahrelang herumlungerten.

Irgendwann würde ich, so stellte ich mir vage vor, nach Irland fliegen, einfach Sinéad O’Connor aufsuchen (als Journalist genießt man einige Privilegien und kann zu Menschen vordringen, die für Andere sonst tabu sind) und ihr sagen, wie großartig ich das damals gefunden habe und noch immer finde, als sie seinerzeit das Papstbild zerrissen hatte – mit den Worten: Fight the real enemy. Deshalb war sie meine Königin, die Queen of Ireland. Der Prince of Ireland war immer der ständig besoffene Shane MacGowan. Irgendwann, so stellte ich mir auch bei ihm vor, würde ich, wie es der Zufall so will, ein Pub in Irland betreten, und da würde er an der Theke hängen, selbstverständlich alles andere als nüchtern, und dann würde er in einem gloriosen Moment beginnen, einfach so, Kitty zu singen. Und ich wäre dabei.

Das mag Ihnen alles ein wenig kühn erscheinen, aber ich habe auch schon das Galway Girl getroffen, das echte, richtige Galway Girl, und das ist kein Schmutz. Wenn Ihnen das nichts sagt, lesen Sie die Geschichte hier nach.

Shane MacGowan ist also nicht mehr. Er war wohl einer, von dem man mit Fug und recht sagen konnte: ein schwieriger Mensch. Ein Selbstzerstörer. Ein Suchender, der nicht finden konnte, was er suchte, weil er nicht wußte, was es ist. Mag sein. Aber als Musiker war er großartig. Er hat die irische Musik gerettet, den Irish Working Class Punk erst so richtig erfunden – ein Genre, das heute Bands wie die Dropkick Murphys oder Flogging Molly hoch halten. Er hat das perfekteste Weihnachtslied aller Zeiten geschrieben, A fairy Tale of New York. Wenn er es mit der ebenfalls längst verstorbenen Kirsty McColl sang: Gänsehaut. Er hat die Fanwelt in Liebende und Hassende geteilt. Und er hat mit Sinéad O’Connor ein Lied aufgenommen, kein besonders gutes zwar, aber immerhin: Haunted. Die zwei Größten der Großen auf einer Bühne … Die beiden waren, obwohl sie durchaus auch ihre Konflikte austrugen, auf eine ganz spezielle Weise two of a kind. A chequered friendship, schrieben irische Medien immer wieder. Zwei Verlorene, die zumindest sich gefunden hatten. Fast wie Geschwister, es verband sie eine lebenslange Freundschaft, die von einer grundsätzlichen Wärme durchflutet war, wie sie beide – vor allem O’Connor – sonst im Leben womöglich vergeblich gejagt haben mögen. Denn beide waren, der Songtitel Haunted kommt nicht von ungefähr, ihr gesamtes Leben von Geistern getrieben, derer weder MacGowan noch O´Connor je Herr wurden.

Der große Hunger nach Leben und Liebe, der beiden ein wenig von ihrer an sich angeborenen Weichheit geraubt und diese in Härte umgewandelt haben mag, blieb ungestillt. Jetzt sind sie beide tot.

Beide verspürten wohl auch ihr gesamtes Leben lang einen großen Trieb nach Poesie, nach Zärtlichkeit, nach einem warmen und freundlichen Ort, von dem weder er noch sie eine Ahnung hatte, wo er sein könnte. Wohl auch deshalb machten sie Aggression zu ihrem Markenzeichen. O’Connor legte sich mit allen und allem Möglichen an – und MacGowan trank sich, ein Akt der Autoaggression zweifellos, mehr oder weniger selbst in den Abgrund.

Wie O’Connor singen konnte, so konnte MacGowan schreiben. Durch seine Liedtexte zieht sich eine klare, einfache, verzaubernde Art von Schönheit, wie sie auf der ganzen Welt nur noch zwei weitere Musiker zu erfinden imstande sind – Bob Dylan, der dafür sogar den Literaturnobelpreis erhalten hat, und Tom Waits. Ich möchte nur einen einzigen kurzen Satz MacGowans zitieren:

And spring´s a girl, from the streets at night.

Jetzt ist diese Nacht da, und was die irische Musik betrifft, wird sie nie mehr ganz weggehen und selbst das Spielen und Singen dieser vielen anderen großartigen irischen Musiker von nun an immer ein wenig überschatten. Was von Shane MacGowan bleibt? Unglaublich viel unglaublich gute Musik, er war zweifellos einer der besten Songschreiber der Welt und aller Zeiten. Und eine wunderbar einfühlsame TV-Dokumentation der BBC, die man auch auf YouTube nachsehen kann. Ihr Titel: The Great Hunger.

Schauen Sie sich das an. +++

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