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Bertie

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Krawalle in Dublin. Erinnert mich an meine letzte Reise nach Irland vor beinahe bereits fünf Jahren. Viel zu lange her, das. Ich war zum Arbeiten dort, ein Porträt der westirischen Stadt Galway für die “freizeit”, das Samstag-Magazin der Tageszeitung Kurier, recherchieren.

Sie können dieses Porträt hier nachlesen. Und ganz persönlich wollte ich mich auf die Spurensuche nach Bertie begeben.

Lassen Sie mich kurz erklären: Bertie ist – oder besser gesagt war, denn inzwischen hat er längst das Zeitliche gesegnet – ein Fischreiher. Auf den Vogel wurde ich seinerzeit über das Irish Blog von Tochter Julia aufmerksam, die zwei Jahre in Galway gelebt und Bertie eine Zeit lang fast täglich getroffen hat. Der Reiher verbrachte Stunden seiner Zeit damit, am Long Walk vollkommen still zu stehen und auf Türklinken zu starren. Hat wohl auf Fütterung gehofft oder was weiß ich. Sie können das – und warum das Vieh Bertie heißt, beziehungsweise genau genommen eben: Bertie de Heron – in Julias Originalerzählung nachlesen, indem Sie hier klicken. Sogar zu einer eigenen Facebook-Seite hat Bertie es gebracht, klicken Sie hier.

Ich wollte damals vor knapp fünf Jahren nun wissen, wie es dem Reiher geht. Gestern und heute vormittag patrouillierte ich daher den Long Walk auf und ab. Kein Bertie.

Ich fragte die Locals Sandra und Tristan, die am Lough Atalia ein formidables Hausboot vor Anker liegen haben, das sie über AirBnB vermieten, und die ich für die Kurier-Geschichte traf: Von einem Bertie de Heron hatten sie noch nie gehört. Dann stellte ich die Frage an Bridgette, Tourismus-Chefin der Stadt, die gerade Galway auf die Zeit als “European Cultural Capital” ab Februar 2020 vorbereitete. Sie bedauerte ebenfalls. Immerhin erzählte sie mir, dass das Ende des Videos zu Ed Sheerans Song Galway Girl gleich um die Ecke im B&B The Heron´s Rest gedreht wurde. Nach dem Gespräch klopfte ich dort an die Tür, nachfragen wegen Bertie. Niemand öffnete, hm. Aus dem Nebenhaus trat dafür ein Student, dem man ansah, dass er die vergangenen Nächte durchzecht hatte. Ihm gefiel die Frage nach Bertie sehr, doch auch er musste abwinken: Keine Ahnung, erst vor einer Woche eingezogen. Zumindest erklärte das sein in Ansätzen zerrüttetes Erscheinungsbild – junge Iren zelebrieren Wohnungseinweihungsfeste offensichtlich über längere Zeiträume, der Mann hatte wohl eine Woche durchgefeiert.

Doch dann, zwei Häuser weiter, traf ich Septa.

Die freundliche ältere Dame hielt gerade mitten auf der Straße ein Plauscherl mit einer Freundin. Ich erzählte meine Story: Österreichischer Journalist und vor Ort, um ein Städteporträt von Galway zu schreiben, Facebook-Page eines Reihers namens Bertie gefunden und so weiter, und nun will ich wissen, ob …

Bingo.

Septa verschwand umstandslos im Haus und kam mit einem folierten A3-Blatt wieder, das Bilder von Bertie zeigte. Bertie beim Starren auf Türen, Bertie auf einem Autodach, Bertie auf dem Tisch des nahen Restaurants Ard Bia im Spanish Arch, Bertie dies und Bertie das. Nur leider: Vor einiger Zeit sei der Reiher eines Tages abgeflogen und nicht mehr zurückgekommen, bis heute nicht.

Maybe dead, sagte Septa und schluckte verschämt ein Seufzerchen hinunter. Sie vermisste Bertie offensichtlich.

But me, I preferred another version.

Ich vermutete damals ja, Bertie wollte einfach ein bissl was von der Welt sehen, immer nur Corrib-Mündung in die Galway Bay ist ja auch fad. Er war einfach umgezogen. Und eines Tages, wenn ihn das Heimweh plagt, würde er wiederkommen und sich von Septa füttern lassen, wie er das früher getan hat. In meiner Kurier-Geschichte ließ ich ihn deshalb sehr wohl vorkommen – ich ließ einfach offen, wo es ihn gerade umtrieb.

An Sie allerdings, liebe Blog-Leser und Innen, habe ich jetzt, Jahre später, eine Bitte:

Sollten Sie nächstens in dear old Ireland unterwegs sein und auch in Galway Station machen: Spazieren sie doch den Long Walk entlang, Die Signatur Road der Stadt, setzen Sie sich auf das kleine Mäuschen der Uferstraße zum Vorrieb, schauen Sie hinaus auf die Galway Bay, bewundern sie die Claddagh-Schwäne drüben am anderen Flussufer bei Nimmo´s Pier, und denken sie an Bertie de Herrn. Der Reiher war etwas besonderes. Auf seiner Facebook-Seite sind alle Beiträge und Fotos längst gelöscht, 57 Fans sind ihm verblieben.

Aber Bertie verdient es, dass weiter an ihn gedacht wird. Danke. Go raibh máith agat, wie wir Iren sagen. +++

P.S. Die Claddagh-Schwäne an Nimmo´s Pier – das ist eine andere Geschichte, die Sie nachlesen können, indem Sie hier klicken

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