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Die Tiere aus und um den Fluss

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Der bläuliche Kahn sah aus, als wäre das Mittelalter ihm noch in bester Erinnerung, kurz: altersschwach.

Wenig vertrauenerweckend, windschiefes Holz mit Wellblech und allerlei unerfindlichen Materialien zu etwas zusammengezimmert, das schwamm, zumindest oberflächlich betrachtet. Und der Fluss, auf dem diese Verspottung eines Schiffes dümpelte, sah ebenfalls nicht aus, als würde man mit ihm in Kontakt kommen wollen. Bräunliches Wasser, ruhig treibend, also tief. Alle 20 oder 30 Meter konnte man sehen, dass etwas in ihm schwamm – aber nicht, was es war. Treibholz, Krokodil, Schwarze Mama, alles schien möglich. Ich hatte ernste Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, der Einladung zu dieser Bootsfahrt “mit Braai” Folge zu leisten, die die Veranstalter des internationalen Golfturniers an alle berichtenden Journalisten ausgesprochen hatten.

Aber es war ohnehin zu spät, ich hatte meinen vorsintflutlichen Leih-Golf, der mindestens ebenso heruntergekommen war wie das Boot, bereits geparkt, hatte mich einen Hohlweg durch den Dschungel hinunter zum Fluss gequält, immer auf alles mögliche Gekreuche achtend, das sich in den Bäumen aufhalten und auf mich herunterfallen lassen konnte oder auch nicht, und hatte an der improvisierten Gangway von einem seltsam grinsenden Schwarzen ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber entgegen genommen.

Sign it, Sir, sign it!, hatte er mich in einem Tonfall aufgefordert, der alles Mögliche bedeuten konnte.

Ich las zumindest durch, was da stand, bevor ich unterschrieb, um das Boot betreten zu dürfen. Viel Blahblah, aber ein Satz stach mir doch ins Auge, frei übersetzt aus dem Englischen lautete er in etwa so:

Ich bin mir bewusst, dass ich mit allen möglichen Angriffen verschiedener Tiere aus und um den Fluss zu rechnen habe, und erkläre, für alle daraus direkt und indirekt entstehenden Folgen den Betreiber des Wasserfahrzeuges jedenfalls schad- und klaglos zu halten.

Oder so ähnlich. Das klang nicht sonderlich ermutigend. Aber man war ja ein lässiger Kerl, eh voll gut drauf, also unterschrieb ich, versicherte mir selbst, dass das sicher eine übertriebene Formulierung eines überängstlichen Juristen war, die an der Realität völlig vorbei ging, und betrat das Boot. Als einer der letzten Gäste, denn zwei oder drei Minuten nach meinem Boarding legten wir mit unglaublichem Gekreische ab, Metall, das irgendwie unter Wasser an Metall schrammte. ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und auch nicht zu beachten, dass da ein kleines Schild neben dem Steuerhäuschen des Kahns angebracht war, das als maximale Nutzlast 16 Personen auswies. Auf einen Blick konnte ich erkennen: Wir waren mehr an Bord. Viel mehr. Ich schätze, an die 50 Menschen.

Was soll denn schon groß passieren, sagte ich mir halblaut vor und nahm einen giftgrünen Cocktail in Empfang.

Drink it, Sir, drink it!, sagte ein weiterer Schwarzer.

Ich trank also und hoffte auf einen möglichst hohen Alkoholgehalt, um die Angriffe der Tiere aus und um den Fluss aus meiner Beobachung zu schwappen, sollten sie stattfinden. Wir torkelten unter einer monströsen Brücke durch, der Kahn quälte sich und uns flussaufwärts.

Das Braai also, diese klassisch südafrikanische Grillerei. Die Golfturnier-Veranstalter hatten sich wohl gedacht, sie würden den anwesenden Journalisten eine Freude machen, es auf einem Boot stattfinden zu lassen. Oder zumindest auf etwas, das sie für ein Boot hielten.

Was weiter geschah, will ich Ihnen ersparen. Nur soviel: Da gab es einen südafrikanischen Kollegen, der sich ein Vergnügen daraus machte, mir von Nackt-Urlauben an einem menschenleeren Strand der Wild Coast zu erzählen, die im Süden an die South Coast anschließt, in der es weder Straßen noch Menschen gibt, die dafür aber ungefähr zehnmal so wild ist wie die South Coast. Und einen anderen Kollegen, der mir mit Genuss berichtete, wie toll es sei, das weich gegarte Hirn aus einem oben aufgeschnittenen Schafskopf zu löffeln, der 24 Stunden im Backrohr war. Und so weiter. Mir war schnell klar: Die sind alle nicht ganz dicht, die Kollegen hier an Bord. Frauen gab es kaum. Ich nahm das als weiteren Beweis, dass das weibliche Geschlecht dem männlichen intellektuell überlegen ist. Die Damenwelt hatte bei Erhalt der Einladung wohl sofort erkannt, dass: lieber nicht. Ich hoffte jedenfalls schon nach kurzer Flussfahrt auf den Angriff eines Tieres aus oder um … Nur, um erlöst zu werden.

Aber was soll ich sagen: Ich habe es überlebt. Und konnte im Samstag-Magazin “freizeit” des Kurier eine Sory über Südafrikas eh nur fast so wilde South Coast in der Provinz KwaZulu-Natal schreiben, die heute erschienen ist. Ich hoffe, Sie haben sich den Kurier gekauft. Wenn nicht: Holen Sie’s nach! +++