Start Schrödinger Schrödingers erstaunlicher Kampf mit dem Alien-Raumschiff

Schrödingers erstaunlicher Kampf mit dem Alien-Raumschiff

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Als Träger seines berühmten Namens ist Schrödinger mit den Grundlagen, Theorien und Prinzipien der modernen Physik natürlich vollständig vertraut.

Umso überraschender war es für ihn auch, als vor einem oder zwei Monaten plötzlich diese Aliens in ihrem roten Kugelraumschiff aufgetaucht waren, um die Erdbevölkerung zu vernichten. Denn eigentlich hätte es die Aliens ja gar nicht geben dürfen und Schrödinger hatte, nur um sicher zu gehen, noch einmal das Fermi-Paradoxon nachgeschlagen.

Kann tatsächlich nicht sein, hatte er verwirrt leise zu sich sich selbst miaut, es kann sie einfach nicht geben!

Doch die Aliens waren da gewesen und hatten sich zum Angriff bereit gemacht. Zeit für Superschrödi!, hatte der Kater sich gedacht und den ungleichen Kampf aufgenommen. Selbstverständlich hatten die Invasoren in ihrer Kugel den Krallen, Zähnen und vor allem der Entschlossenheit des Jungkaters letzten Endes nichts entgegenzusetzen gehabt. Superschrödi war von der ersten Sekunde an frei von Zweifeln gewesen – er würde die Erde retten und die Aliens vernichten können. Und ganz genau so war es natürlich auch gekommen.

Doch heute Morgen, wie aus dem Nichts, völlig überraschend auch für Schrödinger, der gerade damit beschäftigt war, seinen Mitbewohner aus dessen üblichem morgendlichen Tiefschlaf zu wecken, weil er langsam Hunger bekam, war das rote Kugelraumschiff wieder unter dem Bett hervor gerollt.

Schrödi erstarrte. Die Aliens waren zurück! Schördi ließ den Mitbewohner schlafen, besser er würde vom neuerlich bevorstehenden Kampf nichts mitbekommen. Doch Schrödi war sofort klar: Dieser Kampf würde nun richtig grausam werden, diesmal würde er bis zum Äußersten gehen müssen. Mit Schrecken stellte Schrödi sich vor, dass, würde er der neuerlichen Invasion nicht Einhalt gebieten können, der schlafende Mitbewohner wahrscheinlich zum ersten Opfer der bösen Außerirdischen werden würde. Um nichts in der Welt würde der tapfere kleine Kater das zulassen. Sofort stürzte Superschrödi sich mit einem entschlossenen Miiaaaauuu! auf das Kugelschiff.

Es war tatsächlich ein Kampf ohne Gnade. Die Aliens hatten alle Tricks drauf und seit ihrem letzten Angriff dazugelernt. Immer wieder rollten sie aus Schrödis Umklammerung und schafften die Flucht in ein benachbartes Zimmer in Schrödingers Wohnung. Doch der Kater setzte stets sofort nach und grub seine Krallen wieder und wieder tief in die Außenhülle des roten Raumschiffs. Eisern hielt er es mit seinen Vorderprfoten umklammert, während er mit den Hinterpfoten versuchte, den Schutzschild des Alien-Schiffes aufzuschlitzen. Schiff und Kater rollten über den Küchenboden, verschoben den Vorzimmerteppich, krachten im Abstellraum gegen die Außenwand von Schrödis Katzen-WC, verwüsteten im Kampf ein Billa-Sackerl, dass der Mitbewohner als Unterschlupf für Schrödi dort aufgestellt hatte, kurz: Sie schenkten einander nichts.

Unter Einsatz all seiner Jungkaterkräfte war Schrödinger in der Lage, das feindliche Schiff erheblich zu beschädigen, sogar einzelne Fasern aus seiner Außenhülle zu reißen und die eine oder andere Delle in die böse rote Kugel zu treten. Er wusste, mit diesen schweren Schäden würden die Aliens diesmal nicht mehr in der Lage sein, ihren Warp-Antrieb zu aktivieren und in die Tiefen des Alls zu flüchten. Doch langsam merkte der Kater auch, wie seine Kräfte zu schwinden begannen, demnächst würde er ein kleines Regenerationsschläfchen im Bett des Mitbewohners neben dessen Füßen einlegen müssen. Diese Pause durfte er den Aliens keinesfalls gönnen, denn es war klar, sie würden den Moment der Schwäche in Schrödis Verteidigungskampf nützen, um den Mitbewohner anzugreifen, der immer noch schutzlos, weil im Tiefschlaf, da lag.

Es braucht eine andere Strategie, miaute Schrödi zu sich selbst, während er die Kugel in seinen Klauen hielt, rohe Gewalt hilft da nichts, ich muss auch mit den Methoden der Wissenschaft arbeiten.

Schrödinger dachte angestrengt nach. Und tatsächlich hatte er die rettende Idee. Ein triumphierendes Miau!! entfuhr ihm. Er würde sich eines der fundamentalen Prinzipien der Quantenmechanik zunutze machen, von dem sein Namensvetter, der Physiker Erwin Schrödinger, seinerzeit, vor rund 100 Jahren, zumindest rudimentär theoretisiert hatte: die Superposition.

Längst schon hatte Kater Schrödinger, anders als die modernen Quantenphysiker seiner Zeit, durchschaut, dass der Kollaps der Wellenfunktion der Wahrscheinlichkeiten bei der Messung eines Elementarteilchens reiner Schwachsinn war. Warum sollten all die Quanten-Eigenschaften plötzlich ins Nichts diffundieren, nur weil sie beobachtet, also gemessen wurden? Woher sollten sie wissen, dass sie gemessen wurden? Und wenn sie vor der Messung alles waren, was sie nur sein konnten, und das gleichzeitig, wohin sollten diese Eigenschaften plötzlich alle verschwinden? Das war, als würde man seinen Kopf in den Sand stecken und glauben, die Welt um einen herum war jetzt nicht mehr da. Schrödinger wusste: Der Messer wurde durch die Messung einfach Teil der Wellenfunktion – und alles, was theoretisch gemessen werden konnte, wurde auch gemessen. Im Augenblick der Messung teilte sich die Wirklichkeit in fast unendlich viele parallele Wirklichkeiten auf, eine so real wie die andere. Und in jeder gab es einen Messer, eben einen Beobachter, der in ihr lebte.

Ich muss nur aufpassen, dass ich beim Beobachten keinen Fehler mache und die richtige Wirklichkeit beobachte, nahm Schrödi sich vor.

Ihr habt keine Chance!, miaute er dann den Aliens im Kugelraumschiff zu und beobachtete angestrengt, wie er seine Krallen ein letztes Mal in den Biorumpf des Schiffes schlug, der sich ein wenig wie Stoff-Gewebe anfühlte. Mit seinen spitzen Fangzähnen schnappte er die Kugel, hüpfte durchs offene Fenster hinaus in die Outdoor Chilling Area seiner Wohnung und warf die Kugel durch ein Loch im Netz über seinem Kopf, welches er dem Mitbewohner verborgen gehalten hatte, damit dieser sich nicht zu sehr um Schrödi sorgte, hinunter in den Abgrund. Von oben sah er zu, wie das Alien-Schiff tief unten zerschellte. Und wie der Nachbarhund über den Zaun sprang und es samt den Insassen, die Schördi allerdings nicht genau erkennen konnte, endgültig in seine Einzelteile zerlegte. All das beobachtete Superschrödi mit aller Konzentration, die ein junger Kater nur aufbringen konnte, und ließ es damit Realität werden, Quantenmechanik sei Dank.

Geschafft, bellte der Hund nach getaner Arbeit zu Schrödi hinauf, gut gemacht, Superschrödi!

Danke für die Hilfe, mein Freund!, miaute Schrödinger zurück hinunter und stapfte in die Wohnung um nachzusehen, ob es dem Mitbewohner wohl gut ging. Doch der schlief immer noch tief und fest, von dem wilden Kampf hatte er nichts mitbekommen.

Schrödi begann nachzudenken, woher die Aliens, die es laut Enrico Fermi gar nicht geben konnte, gekommen sein mochten. Es fiel ihm wie Schuppen vor den Augen: Das war der Beweis! Der Beweis für die Richtigkeit der Viele-Welten-Theorie und der Theorie der Schleifenquantengravitation.

Die Superposition. Die Wellenfunktion der Wahrscheinlichkeiten. Die gekörnte Raumzeit.

Irgend jemand hatte ganz offensichtlich die Aliens in Schrödis Universum hinein beobachtet und diese hatten sich aus der Körnung der Raumzeit materialisiert. Anders konnte es nicht abgelaufen sein. Und erst Superschrödis gleichermaßen heldenhafte wie schlaue Beobachtung, durch die er sich, den Mitbewohner und die ganze Erde in eine Version der Realität beobachtet hatte, in der die Aliens sich besiegen hatten lassen, hatte die Welt gerettet. Weil der Nachbarshund allerdings alle Spuren des Kampfes draußen, unten im Hinterhof, vernichtet hatte, gab es keine Belege dafür, die man herzeigen hätte können. Die Aliens im Hundemagen würden zu unkenntlichen Abfallprodukten des tierischen Metabolismus verdaut hinten beim Hund wieder herauskommen. Schrödi würde also nichts Handfestes vorlegen können, um in der Welt der Wissenschaft mit seiner Erkenntnis reüssieren zu können, und die Physik-Community würden weiter rätseln, woraus die Welt im Allerkleinsten nun wirklich bestünde und ob das mit der gekörnten Raumzeit tatsächlich stimmen könnte. Und die Anhänger der Kopenhagener Schule der Quantenmechanik würden weiter mit den Anhängern der Viele-Welten-Theorie streiten, ob die Wellenfunktion der Wahrscheinlichkeit bei der Beobachtung tatsächlich kollabierte oder der Beobachter stattdessen Teil von ihr würde.

Nur Schrödi wusste es nun besser, doch er würde mit diesem Wissen bis auf weiteres allein bleiben. Milde lächelnd sprang er aufs Bett, stupste den Mitbewohner mit seiner Nase sanft an und miaute ihm dann ins Ohr:

Zeit für mein Frühstück, ich habe großen Hunger, weil ich heute schon die Welt gerettet habe!

Der Mitbewohner öffnete widerwillig die Augen, sah Schrödis rosarote Nase dicht vor sich auftauchen und lächelte.

Schrödi, mein kleiner Lauser, sagte er, hast du gut geschlafen, hast du was Schönes geträumt, willst du dein Frühstück?

Na sowieso!, miaute Schrödi zurück und hoffte, es würde Hühnerfleisch geben.

Er konnte an diesem Morgen etwas Herzhaftes richtig gut gebrauchen. +++