Start Business As Usual Das alte Lohnverhandlungsdramolett: Ein neues Stück muss her

Das alte Lohnverhandlungsdramolett: Ein neues Stück muss her

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Ohne dass das eine große Überraschung wäre, erleben wir gerade die x-te Spielzeit des üblichen Lohnverhandlungsdramoletts. Es ist ein wenig wie Cats in der sechzigsten oder siebzigsten Saison.

Man weiß genau, was auf der Bühne geschehen wird, aber irgendwie schaut man es sich trotzdem noch ganz gerne an, obwohl man sich in Wahrheit zu Tode langweilt. Auch heuer wieder haben die beiden Regisseure, der Metaller-Fachverband und die Metallergewerkschaft, ihr Drehbuch nach altem Muster geschrieben: Die Gewerkschaft stellt überzogene Forderungen, der Fachverband kontert mit einem unannehmbaren Gegenoffert, man geht im Streit auseinander, beide Seiten lassen ein wenig die Muskeln spielen – wobei sich die Gewerkschafts-Muckis zumeist rabiater aufblasen und die Luft dann als heißer Dampf zischend wieder entweicht – und danach trifft man sich noch einmal zu einer Mitternachts-Schlussaufführung. Wenn das Publikum, das sind wir alle, schließlich sagen kann, dass sich die Darsteller aufopfernd und mit Einsatz in die Theaterschlacht geworfen haben und der entstandene Theaterdonner auch schön laut war: Einigung, Vorhang, Ende der Spielzeit, alle Darsteller mehr oder weniger zufrieden, das Publikum fadisiert. Nächstes Jahr dann wieder.

Die Probleme löst das natürlich nicht, aber darum geht es ja weder den Arbeitgeber- noch den Arbeitnehmervertretern. Egal, wie hoch oder niedrig die Lohnerhöhung auch ausfällt, sie stärkt die Kaufkraft in der Regel nicht oder kaum – und wenn, dann auch nur für wenige Monate. Und sie entlastet auch die Arbeitgeber nicht von den überbordenden Lohn- und vor allem Lohnnebenkosten und verschafft ihnen keine eindeutig verbesserte Position im internationalen Wettbewerb. Die einzige Lösung, auf die sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter einigen müssten, wollten sie wirklich für beide Seiten eine deutliche und vor allem nachhaltige Besserstellung bewirken, wäre: Reformen beschließen. Echte Reformen, keine Blabla-Reförmchen, die niemandem wehtun und niemandem nützen.

Echte Reformen, das hieße auf Arbeitnehmerseite: Schluss mit den althergebrachten Denk-Systematiken aus dem vergangenen Jahrtausend, Schluss mit der 9-to-5-Mentalität, Schluss mit der völlig irrsinnigen Sozialversicherungsbürokratie, die komplett am Leben und auch an den Wünschen der Arbeitenden vorbei geht. Schluss mit dem gewerkschaftlichen Bonzentum, das längst nicht mehr das vertritt, was die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen und brauchen. Akzeptanz für die neuen Formen der Arbeit – etwa die Selbständigen, die sich als unterprivilegierte Einpersonenunternehmen durchs Arbeitsleben schlagen müssen und irgendwie die neue Arbeiterklasse des dritten Jahrtausends sind, die Hilfe und eine Lobby braucht. Und auf Arbeitgeberseite hieße es: Schluss mit dem überholten Wachstumsdenken, Umstellung auf Nachhaltigkeitsdenken. Mit Wachstum werden Österreichs Unternehmen international nie wieder konkurrenzfähig sein, mit Nachhaltigkeits-Angeboten aber schon. Hohe Produktivität ist ein Kriterium von gestern, heute ist sie eine gut getarnte Sackgasse weil es immer – und immer mehr – Andere geben wird, die produktiver sein können. Schluss mit den alten Arbeitswelten und den alten Hierarchien, Annäherung an eine völlig neue Wirtschaft. Schluss mit dem Kapitalistengehabe nach Burgherrenart. Letzteres gilt vor allem für die beiden großen Standesvertretungen in der Wirtschaft, die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung.

Wo sich beide Seiten treffen könnten und sogar müssten, wenn es um eine generelle Besserstellung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern geht, das wäre der Protest gegen die erstaunliche Inkompetenz der Regierung in Sachen Wirtschaft. Schwarz-Grün ist für viele der aktuellen Probleme, die zu Kaufkraft- und Wettbewerbsfähigkeitsverlust der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber führen, verantwortlich. Der nur schwer zu verstehende Dilettantismus, mit dem Nehammer, Kogler und Co. seit nun beinahe schon vier Jahren regieren, ist es, gegen den man auftreten müsste. Gemeinsam.

Das wäre einmal ein völlig neues Stück mit einem interessanten Plot. Nicht immer nur der alte Theaterdonner. Und dieses neue Stück hätte bei entsprechender darstellerischer Leistung aller Akteure durchaus die Chance, das Publikum wieder zu fesseln, es zu Applaus zu verführen. Jedenfalls würden die üblichen – und inzwischen berechtigten – Buhrufe verstummen. Und wetten: Dieses Stück würde in eine nächste Saison gehen und die jährlich neuen Aufführungen vom Publikum nicht mit Gähnen, sondern mit Vorfreude erwartet werden. Die Theater, an denen es spielt, wären ausverkauft. +++