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Irgendwas halt

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So tun, als könne man kein Wässerchen trüben, als schliefe man ein, den Mitbewohner mit dem buschigen Schwanz imponieren, und dann aber plötzlich: Attacke!

Das Leben als junger Kater ist durchaus anstrengend. Man trägt da eine große Verantwortung. Schließlich liegt sofort nach dem Aufwachen der ganze Tag vor einem, und der will mit Unsinn ausgefüllt werden. Irgendeinem Unsinn halt.

Und da muss man dann sofort damit beginnen, was zu machen. Irgendwas halt.

Schrödinger, wie der Mitbewohner ihn gerne hätte: in einer Ecke vor sich hin dösend, jedenfalls nichts kaputt machend.

Schrödinger ist sich dieser Verantwortung sehr bewusst und er bemüht sich nach Kräften, ihr gerecht zu werden. Er will dem Mitbewohner, seinem guten Freund, nämlich eine Freude machen und ihm täglich beweisen, was für ein toller kleiner Kater er ist. Der Mitbewohner nämlich, da ist Schrödinger sich vollkommen sicher, erwartet das von ihm. Zwar gibt der Kerl sich den Anschein als wäre es ihm am liebsten, Schrödinger würde in einer Ecke dösen oder noch besser auf des Mitbewohners Schoß, und sich von ihm streicheln lassen. Aber Schrödinger durchschaut das. Er weiß, der Mitbewohner liebt es insgeheim, wenn Schrödinger dessen Wohnung, die nun ja auch seine ist, zumindest zweimal am Tag einer gründlichen Verwüstung unterzieht. Zwar versteht er die menschliche Sprache nicht, aber er vermutet mit an Sicherheit grenzender Bestimmtheit: Wenn der Mitbewohner nach vollendetem Verwüstungprozess jeweils die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, in seltsamem Tonfall Unverständliches murmelt und vorgibt, alles wieder in Ordnung bringen zu wollen, dann ist das Ausdruck seiner Begeisterung. So sind die Menschen eben in ihrem Kommunikationsverhalten, vermutet Schrödinger, man muss sich da große Mühe geben, ihre seltsamen Aktionsweisen korrekt zu dekodieren.

Also hat Schrödinger im Laufe der drei Monate, die er jetzt bei seinem Mitbewohner wohnt, ausgeklügelte Techniken beim Irgendwaskaputtmachen entwickelt. Um dem Mitbewohner die Unterhaltung zu bieten, die dieser ganz offensichtlich braucht.

Zum Beispiel dieser große rote Ledersessel im Wohnzimmer. Er sei gut 15 Jahre alt, hat der Mitbewohner Schrödinger einmal zugeflüstert, aber er sehe aus fast wie neu, worauf er, der Mitbewohner, ein wenig stolz sei. Schrödinger hat sofort verstanden. Verklausuliert hat der Mitbewohner ihm zu verstehen geben wollen:

Zerstör ihn!

Natürlich ist es ein Spiel, das der Mitbewohner spielen möchte: Schrödinger hat die Mission, den großen roten Sessel zu zerkratzen, und der Mitbewohner will sich einen Spaß daraus machen, so zu tun, als wolle er es verhindern.

Das fordert Schrödinger natürlich. Ausgeklügelte Taktiken sind zu entwickeln. Als höchst effizient hat sich erwiesen, so zu tun, als würde man auf dem roten Riesending einschlafen. Wenn man dem Mitbewohner dabei auch noch seinen buschigen Schrödingerschwanz präsentiert, damit dieser was zum Staunen hat, gelingt die Übung noch besser. Der Mitbewohner ist ganz verzückt, staunt, lässt die Wachsamkeit fahren, und das ist dann der richtige Moment: Attacke. So schnell kann der Mitbewohner gar nicht aufspringen, Schrödi! schreien und einschreiten, hat der rote Ledersessel schon einen tiefen, langen, wunderschönen neuen Kratzer. Schrödi ist dann immer sehr stolz und freut sich, dass der Mitbewohner damit glücklich ist. Zärtlich streichelt der dann nämlich immer über den Kratzer, schüttelt den Kopf und sagt in einem Tonfall, den Schrödinger als “Ausdruck der zufriedenen Zufriedenheit” interpretiert:

Oh mei, Schrödi, warum bist du nur so ein schlimmer kleiner Lauser.

Mission accomplished, der Verantwortung gerecht geworden, etwas zerstört, denkt Schrödinger sich dann und zieht sich auf ein Nickerchen in seine Outdoor Chilling Area am Balkon zurück.

Es gibt immer was zum Zerstören oder Reinbeißen.

Um fit für die nächste Runde zu sein, es gibt ja grundsätzlich soviel, dem man den Garaus machen könnte. Da ist die Entscheidung nicht leicht. Der Teppich im Vorzimmer? Erstklassig zum Wetzen der Sporen. Der Bildschirm des MacBooks? Vorzüglich zum Reinbeißen. Die Schuhe des Mitbewohners? Was Besseres als an den Bändern zu ziehen, gibt’s gar nicht. Hauptsache kaputt. Machen. Irgendwas halt. Damit der Mitbewohner eine Freude hat. Man ist ja sozial, als junger Kater. +++

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