Start Schrödinger Schrödingers Reise, Teil 1: Diese verspielte Portion Katzenliebe

Schrödingers Reise, Teil 1: Diese verspielte Portion Katzenliebe

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Schrödinger war am frühen Morgen aufgewacht und hatte gewusst, dieser Tag würde noch irgend etwas Ungewöhnliches mit sich bringen. Während einer sorgfältigen Reinigung seiner selbst, die der Mitbewohner weiter oben und weiter drüben im großen Bett komplett verschlief, versuchte er darüber nachzudenken, was es sein könnte, das ihn schon so früh, unmittelbar nach dem Aufwachen, ein wenig unruhig werden ließ. Doch es war schwer sich zu konzentrieren, zu übermächtig überschwappte ihn die Verlockung der Ablenkung, die ihm das Aufwecken des Mitbewohners bringen würde. Schrödinger gähnte, miaute zart in die über Nacht verbrauchte Zimmerluft und setzte dem Mitbewohner eine Vorderpfote auf die Wange. Vorsichtig ritzte er die Haut mit einer Kralle, ganz sanft nur, ohne eine Verletzung zu hinterlassen. Erfahrung hatte ihn gelehrt, den Mitbewohner würde das aus dem Schlaf reißen und für ihn würde es bedeuten: Frühstück.

Schrödinger leckte sich nach der üppigen Morgenmahlzeit das kleine Maul. Er war zufrieden. So konnte es weitergehen. Er sprang auf den Wohnzimmertisch, wo der Mitbewohner seinerseits beim Frühstück saß. Getoastetes Vollkornbrot mit je einer Scheibe Käse und Schinken. Schrödinger verachtete das Vollkornbrot, dieses seltsame, warme Quadrat mit den braunen Streifen. Karamellisierter Zucker im Brot, wusste Schrödinger zwar, schließlich trug er ja den Namen eines großen Quantenphysikers und achtete dementsprechend auf seine Bildung, jedoch: Vollkorntoast, wirklich? Der Käse war an sich ganz okay, wäre er nicht ebenfalls erwärmt und daher stets dehnbar wie Gummi gewesen. Man bekam das Maul gar nicht mehr richtig zu und auf, hatte man erst einmal so ein Stück gelben Kautschuk zwischen den Zähnen. Der Schinken hingegen hatte es ihm schon seit jeher angetan. Gelegentlich gelang es Schrödinger sogar, dem Mitbewohner ein kleines Stück zu entreißen. Es war eigentlich gar nicht kompliziert: Einmal laut miauen, dann Ablenkungsmanöver starten, am besten einfach etwas von Tisch wischen, irgendwas, und während der Mitbewohner, dieser nachsichtige Tölpel, sich bückt, schnell … Schrödinger verzichtete an diesem Tag jedoch auf diese Prozedur, einerseits weil er ohnehin bereits vollgefressen war, andererseits weil er seinen Mitbewohner insgeheim genauso mochte wie der ihn. Er nahm sich vor, ihn heute nicht allzu sehr zu ärgern und setzte sich stattdessen auf den Kaffeelöffel neben der Tasse.

Du bist so ein lieber kleiner Kater, seufzte der Mitbewohner, lallte dabei ein wenig weil er Toast im Mund hatte, und strich Schrödinger voller Zärtlichkeit über den Rücken.

Schrödinger verstand natürlich kein Wort und dachte sich nur, genauso gut könnte der Mitbewohner Polnisch oder Japanisch mit ihm reden. Er fragte sich schon seit er hier eingezogen war, warum der Mensch nicht endlich wenigstens ein paar Fetzen Katzisch lernen wollte.

Schrödingers Outdoor Chilling Area bietet bequem Platz für ihn selbst und den Mitbewohner.

Miaaaauuu, antwortete Schrödinger gedehnt und ließ die Antwort ein kleines bißchen vorwurfsvoll klingen.

Der Mitbewohner verstand natürlich kein Wort und dachte sich nur, genauso gut könnte Schrödinger Polnisch oder Japanisch mit ihm reden. Er fragte sich schon seit Schrödinger hier eingezogen war, ob es wohl möglich sein könnte, wenigstens ein paar Fetzen Katzisch zu lernen.

Miiiaaaauuu!, wiederholte Schrödinger, dann gleich noch einmal, und wieder, und noch einmal, und dachte sich dabei, schließlich trug er ja wie gesagt den Namen eines Quantenphysikers:

Zeitschleife, Baby!

Der Mitbewohner missverstand Schrödingers Vorschlag, man möge doch das Frühstück beenden und gemeinsam nach draußen in die Outdoor Chilling Area auf den Balkon wechseln, wo man dann ein wenig den Tauben am Nachbarbalkon zusehen könne. Er gab Schrödinger stattdessen ein Stückchen Schinken.

Ein zärtlicher kleiner Biss in den Finger hat noch keinem Mitbewohner geschadet.

Auch gut, beschloss der Kater, fraß das Schinkenfragment und rollte sich neben dem Frühstücksteller für ein Nickerchen zurecht. Immerhin war er bereits eine knappe Stunde wach und man musste schließlich darauf achten, sich nicht zu überanstrengen. Den Kaffeelöffel begrub er unter sich. Der Mitbewohner hätte schwören können, auf Schrödingers kleinem Gesicht ein zufriedenes Katzengrinsen entdeckt zu haben.

Wir fahren heute im Laufe des Tages noch an den Mondsee, flüsterte er Schrödinger ins Ohr, und der dachte im Halbschlaf:

Schon wieder redet er Polnisch, und das auch noch im Flüsterton, ob das noch was wird mit dem?

Sicherheitshalber biss er den Mitbewohner mit einer verspielten Portion Katzenliebe in den kleinen Finger, ganz sanft nur.

Der Mitbewohner lächelte glücklich.

Fortsetzung folgt demnächst …