Start Schrödinger Ein Kater muss tun, was ein Kater tun muss

Ein Kater muss tun, was ein Kater tun muss

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Schrödinger ist zweifellos ein höchst talentierter Kater. Gerade einmal vier Monate alt, hat er bereits bemerkenswerte Fähigkeiten entwickelt. Deren vornehmste: unbändige Zerstörungsfreude. Schrödinger missversteht sich in seinem Babyalter ebenso offensichtlich wie grundsätzlich als Abrissbirne. Seit er die Verwundbarkeit der Rattan-Couch auf der Terrasse seines WG-Genossen entdeckt hat, ist er diesbezüglich in neue Sphären vorgedrungen: Innerhalb einer knappen Stunde hat er dem Großteil des Möbels den Garaus gemacht. Während sein Mitbewohner noch mit der Entfernung der Trümmer von der Baustelle beschäftigt war, nahm Schrödinger bereits dessen Notebook als nächstes Demolierungsprojekt ins Visier. Es gibt eben immer was zu tun. Man muss schauen, dass man in Bewegung bleibt.

Schrödinger ist so etwas wie ein natural born Kuschler.

Doch der kleine Schrödinger kann mehr. Er ist auch eine Art natural born Kuschler. Sein weiches Halblanghaarfell kommt ihm da zugute, der Kater ist im Prinzip nicht mehr und nicht weniger als der endgültige Superflausch. In Kuschelmomenten kann Schrödinger auch gut die totale Friedfertigkeit vortäuschen während er noch Minuten zuvor eine Spur der Verwüstung unter weitgehend unschuldigen Einrichtungsgegenständen der Wohngemeinschaft hinterlassen hat, in der er lebt. Leicht möglich, dass Schrödinger mit seinem Talent zur Vorspiegelung falscher Tatsachen einmal Schauspieler wird. Die Rolle des Hauptdarstellers im Remake von “Das Böse unter der Wonne” würde ihm erstklassig stehen. Ausgesprochen gut spielen kann Schrödinger auch eine gewisse Nähe zum Verhungern – immer dann zum Beispiel, wenn sein Mitbewohner die Kühlschranktüre öffnet, um sich ein Wurstbrot zu machen. Der Duft des Schinkens scheint Schrödingers mimische Talente auf neue Level zu heben, er ist dann in der Lage, den unmittelbar bevorstehenden Hungertod täuschend echt darzustellen. Eilt sein Mitbewohner in Richtung Katzenfutter und füllt Schrödingers Napf, hat sich die Sache aber wieder erledigt. Offenbar gilt: Schinken – immer. Katzenfutter – nur wenn’s halt gar nicht mehr anders geht. Schrödinger agiert vermutlich nach Einsteins berühmter Formel s = h x d2, Schinkenduft ist Hunger mal Drama zum Quadrat.

Ein besonders erstaunliches Talent Schrödingers ist seine Fähigkeit zum Sekundentiefschlaf. Von wild auf schnarch ist die Angelegenheit eines Augenblicks. (Umgekehrt genauso.) Seinem Mitbewohner trainiert das eine 24-Stunden-Alarmbereitschaft an: Denkt er in einem Moment noch, Schrödinger hat das Zeitliche gesegnet, so unbeweglich wie er da liegt, sprintet er im nächsten Moment bereits los, um das Glas Orangesaft zu retten, das der Kater auf seinen Weg in den freien Fall vom Schreibtisch auf den Boden zu bringen im Begriff ist.

Schrödinger entdeckt den Wald.

Am beeindruckendsten jedoch ist Schrödingers absolute Furchtlosigkeit. Um die gigantische Schreibtischlampe des Mitbewohners zum Beispiel, die ein wenig aussieht wie ein gefährlicher Cyborg, tanzt er Kreise der Nichtbeachtung. Nicht, dass Schrödinger unvorsichtig wäre – zumindest was die eigene Sicherheit angeht. Aber Angst an sich kennt er nicht – ausgenommen vor dem Staubsauger und, kurios genug, vor kleinen Fischen. Als der Mitbewohner ihn zum ersten Mal mit ans Seeufer nahm und ihn einen Blick auf ein paar Fisch-Babies im Wasser werfen ließ, Panikattacke. Wäre Schrödinger nicht angeleint gewesen, er wäre weg gewesen. Großen Tieren gegenüber hingegen legt er die totale Gelassenheit an den Tag. Als in Schrödingers Segelclub Arona auftauchte, ein ebenso gewaltiger wie gutmütiger (aber das konnte Schrödinger nicht wissen) Dalmatiner, nahm er das schwarzfleckige Monstrum interessiert in Augenschein. Der Hund, von der nicht Reißaus nehmenden Katze sichtlich irritiert, hielt still. Und bei der Tierärztin ein paar Tage zuvor hatte Schrödinger sich von der schlafenden Bulldogge in einem Eck des Behandlungsraums ebenso in keiner Weise verunsichern lassen. Auch zum ersten Mal im Wald war er vor Abenteuerlust kaum zu halten – keine Spur von Furcht vor all den neuen Geräuschen, Gerüchen und Bewegungen.

Ein Kater muss tun, was ein Kater tun muss.

Als die Anfrage des Mitbewohners kam, ob er womöglich Vorbehalte hätte, dass über sein Leben ein Blog in die Welt gesetzt wird, welches ihn mehr oder weniger zur öffentlichen Katze machen würde, reagierte der furchtlose Schrödinger so: Er blieb cool. Dann stellte er sich tot, weil er Schinken wollte. Und als der Mitbewohner Katzenfutter nachfüllte, attackierte er dessen MacBook. Ein Kater muss tun, was ein Kater tun muss, mag Schrödinger sich gedacht haben. +++