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Verkehrsamtsdramolett, Graz

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Stadtbürger 1 begibt sich zum Verkehrsamt am Parkring 4 in Graz, um beim Fotoautomaten im ersten Stock Passbilder anzufertigen, die ein anderes Amt benötigt. Dieses andere Amt verfügt zwar ebenfalls über einen Fotoautomaten, doch der ist defekt. Wann er repariert wird, steht in den Sternen. Es ist Freitag, 12:50 Uhr, also zehn Minuten vor Dienstschluss im Amt.

Stadtbürger 1 betritt das Amt, stößt jedoch sofort auf eine Sicherheitssperre, an der eine Polizistin (links) und ein Polizist (rechts) stehen.

Stadtbürger 1: Grüß Gott, ich möchte zum Fotoautomaten.

Polizist: Om im Fojee. Händ aufi.

Stadtbürger 2 hastet ins Amt, sichtlich in Eile, geht zur Polizistin.

Polizistin: Naaa, net bei mir. Dienstschluss. Gengang´s ummi dou.

(Kopfnicken in Richtung Polizist und Stadtbürger 1).

Stadtbürger 2: Darf ich mich vordrängen? Sonst sperren die zu.

(Stadtbürger 1 macht Platz.)

Verkehrsamtsmitarbeiter, bereits im Freizeitlook, hastet aus dem Amtsinneren vorbei Richtung Ausgang, es ist 12:54 Uhr, also sechs Minuten vor Dienstschluss.

Stadtbürger 2 (während er gescannt wird): Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo Zimmer 5 ist?

Verkehrsamtsmitarbeiter (in gequältem Tonfall): Naaa, waaß i nett, is ma a wurscht, weil i houb jetz frei. Obgaung!

(Wartet keine Antwort ab, hastet durch die Eingangstüre nach draußen.)

Stadtbürger 1 (zum Polizisten): Da schau her, ein wirklich freundlicher Beamter!

Polizist (grinst): Gengan´s her do. Touschn auslaarn, ois wous drin is. Händ aufi, umdrahn, dann wieder umdrahn, Händ om lossn! 

Stadtbürger 1: Ich hab zwei Zuckerln eingesteckt, die auch raus?

Polizist: Ois!

Stadtbürger 1 lehrt die Taschen: ein Schlüsselbund, ein Handy, eine Brieftasche, zwei Zuckerln Modell “Eiszapfen”, ein benutztes Taschentuch, Polizist scannt Stadtbürger 1.

Polizist: Passt eh.

Stadtbürger 1 geht nach oben ins Foyer des Verkehrsamtes, es ist 12:57, also drei Minuten vor Dienstschluss, er geht zur Zahlstelle. Hinter beiden Schaltern sitzt jemand, vor dem rechten Schalter steht außerdem eine dickliche, grellbunt gekleidete Frau mit hochtoupierten blondierten Haaren, in Leggins, mit bunter Brille. Typ überwuzzelte, übrig gebliebene, beamtete Mittfünfzigerin. Sie tratscht mit der Frau hinter der Glasscheibe. Hinter der Glasscheibe des zweiten Schalters sitzt ein junger Mann. Stadtbürger 1 nähert sich ihm.

Stadtbürger 1: Ich würde gerne einen Zwanziger für den Fotoautomaten wechseln.

Junger Mann: Gerne.

Überwuzzelte Mittfünfzigerin (mischt sich ein): Nix, des is z´spät, aus is.

Stadtbürger 1: Bitte? Sprechen Sie mit mir?

Überwuzzelte Mitfünzigerin: Mit wem sunst? Z´spät is.

Stadtbürger 1: Warum?

Überwuzzelte Mittfünfzigerin: No, schaun´s auf die Uhr, mir sperren um aans zua.

Stadtbürger 1 (schaut auf seine Uhr): Es ist 12:58 Uhr. Also noch nicht eins.

Überwuzzelte Mittfünfzigerin (schaut ebenfalls auf ihre Uhr): Bei mir scho.

Stadtbürger 1, hat sein Wechselgeld erhalten, dreht sich um und geht Richtung Fotoautomat auf der anderen Foyer-Seite, im Gehen adressiert er die überwuzzelte Mittfünfzigerin über die Schulter:

Stadtbürger 1: Depperte Beamtin!

Überwuzzelte Mittfünfzigerin: Do muaß i Sie enttäuschn, i bin ka Beaumtin.

Stadtbürger 1: Umso depperter!

Die Konversation ist beendet, Stadtbürger 1 sitzt im Fotoautomat und fertig die Passbilder an. Plötzlich von draußen eine Stimme.

Polizistin: San´s boid fertig? Mir houm scho zua!

Stadtbürger 1: Ist gleich soweit.

Polizistin: Sunst keinnan´s net aussi.

Stadtbürger 1 (genervt): Dann übernachte ich eben hier herinnen.

Polizistin (nach einer Nachdenkpause): Niiix!

Stadtbürger 1 hat seine Passbilder angefertigt, verlässt das Foyer und geht nach unten zur Sicherheitssperre, um das Gebäude zu verlassen. Polizistin und Polizist haben die Seiten gewechselt. Im Vorbeigehen wendet sich Stadtbürger 1 an die Polizistin.

Stadtbürger 1: Sie sollten sich einmal in Sachen Freundlichkeit, Bürgerservice und Kommunikation weiterbilden, da haben Sie Optimierungsbedarf.

Polizistin: Wous?

Stadtbürger 1: Immerhin wird Ihr Gehalt von meinem Steuergeld bezahlt, also kann man schon erwarten, dass selbst Polizisten höflich sind. Nur Unfreundlichkeit und Faulheit allein reicht nicht als Qualifikation.

Polizistin: Ist baff. Polizist: Mischt sich vorsichtshalber nicht ein. Stadtbürger 1: Verlässt das Gebäude. Schon draußen, hört er, wie ihm nachgerufen wird.

Polizistin: Hean´s, daunke für Ihr Gööd!

Stadtbürger 1 grinst und geht nach Hause. Nach zehn Metern wird er von Stadtbürger 2 überholt, der dieselben Unterlagen wie noch vor wenigen Minuten auf dieselbe Weise unterm Arm trägt. Ganz offensichtlich hat er Zimmer 5 nicht mehr rechtzeitig vor Dienstschluss im Amt gefunden. Er wird nach dem langen Wochenende wiederkommen müssen.

Ende.

(Vorhang.)

Preisfrage an die Zuseher (= Leser und Innen): Fakt  oder Fake, wahre Geschichte oder erfundenes Gschichtl?