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Über das Soulredrote im neuen Frühling

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Der Frühling kommt, auch wenn es gerade wieder einmal ein klein wenig kälter wird. Doch er ist nicht mehr aufzuhalten. Zeit, einmal über mein Sommerauto zu schreiben, das ich mir vor bereit sieben Jahren zugelegt habe. Ich hatte damals, wir schrieben das Jahr 2016, schwere Bedenken.

Normalerweise pflanzt dir der 50. Geburtstag, der bei mir 2016 schon gut ein Jahr her war, ja Zipperleins ohne Ende in deinen maturierten Körper. Ich überlegte also: Würde ich daher, einerseits, das Offene, das Luftige, das Wilde verkraften? Und wie würde sich andererseits dieses händische Zurückhieven des Daches bewältigen lassen – von einem, der sich mittlerweile schon nicht mehr ganz so leicht bewegen kann wie früher einmal?

Lassen Sie mich die Antwort so formulieren: Nebbich! Heute, knapp sieben Jahre später, da ich den 60er bereits am Horizint auftauchen sehen kann, weiß ich – alles kein Problem. Ich habe die seinerzeitige Anschaffung nicht bereut und öffnete heute zum ersten Mal im neuen Jahr, als die steirische Frühlingssonne wohlwollend über Graz strahlte, das Dach.

Das Dach des Mazda MX-5 transportierst du lässig mit der lockersten Bewegung nach hinten, die man sich nur denken kann, ein eleganter Schlenzer aus der Schulter heraus: Entriegeln, fließendes Nachhintenschieben, einrasten lassen, erledigt. Dauerte beim ersten Mal zwölf Sekunden, als ich noch nicht genau wusste, welcher Hebel wo zu handhaben ist, weil ich ja nicht der total begeisterte Leser von Gebrauchsanweisungen bin. Heutzutage habe ich die Sache locker in maximal drei Sekunden drauf. Schaut super cool aus und an den roten Ampeln der Stadtkreuzungen, egal ob in Wien, Graz, Salzburg oder der Salzkammergut-Randmetropole Mondsee, reißen sie rechts und links von dir immer ganz gehörig die Augen auf, wenn der soulredrote Mazda da unten neben ihnen plötzlich sein Dach abwirft.

Die Typen schauen neidisch, die sexy Frauen schauen erotisch auf dich herab. Ich mag das.

Und erst das Offenfahren: Ich vergesse dann immer den Alltag und bin quasi im Urlaub. Zwar zieht es schon ein bissl, im Mazda, das muss man zugeben. Aber das ist eben das Puristische an diesem Auto, das insgesamt ja mehr ein Go-Kart ist, was sie im fernen Japan beim Konstruieren dieser gelungenen Neuauflage des Jahrzehnte-Bestsellers vermutlich auch genauso gewollt haben. Meine Milchmädchenrechnung jedenfalls: Zehn Minuten Offenfahren mit Zugluft wirft mir – dem Alter geschuldet – vielleicht einen halben Tag lang ein bissl ein steifes Genick an den Hals. Das ist ein gutes Verhältnis zwischen Genuss und Strafe und es zahlt sich aus, weil der um die Nase pfeifende Wind so klass ist. Außerdem gibt es ja Schals.

Folgendes ist zum Mazda zu sagen, in Kurzform:

  1. Das Go Kart Feeling: Ja, dieses Auto weckt das Kind im Mann. Du sitzt ungefähr 30 Zentimeter über der Fahrbahn, alles ist sensationell direkt. Die Welt draußen würde wohl gerne über dir zusammenschwappen, aber du lässt sie nicht, weil du mit diesem wieselflinken kleinen Auto einfach unter ihr durchfährst. Zwar irritiert es am Anfang durchaus ein wenig, dass Minis groß, hoch und mächtig an dir vorbei ziehen, als wären sie 30-Tonnen-Trucks. Dass Fahrradfahrer im Vergleich zu dir Riesen sind. Dass Verkehrsampeln so weit oben hängen, dass du sie mehr als Satelliten in der Umlaufbahn wahrnimmst. Dass du ganz generell so weit unten hockst, dass du glaubst, du spürst den heißen Asphalt als Höllenfeuer unter deinem Hintern. Aber ganz ehrlich jetzt: Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, und dann ist dieses Feeling voll total geil. Autodrom quasi nichts dagegen.
  2. Die Schaltung: Ich bin – auch das ist meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet – grundsätzlich der Ansicht, dass Autos heutzutage nicht mehr von Hand geschaltet werden sollten. Aber dieses Klick-Klack-Dingsbums im MX-5 ist das Knackigste, was Sie sich unter einer Handschaltung vorstellen können. Du setzt dich in dieses Auto und wedelst klick-klack-klick-klack einfach so durchs Gassengewirr des Großstadtdschungels, sensationell.
  3. Soul Red: An sich müssen Autos schwarz sein, weil jede andere Farbe ganz genau nichts kann. Aber dieses Rot, das Mazda erfunden hat und dem sie einen wirklich coolen Namen gaben, ist großartig. “Soulredrot” ist die einzig wahre Farbe für dieses Auto.
  4. Das Dach: Im inzwischen zwischenzeitlich ein wenig wildwüchsigen Automatikdach-Universum der Cabrios, Roadsters, Spiders und so weiter war es ein wenig schrullig, wenn ein Auto noch mit einem von Hand zu bedienenden Hut auf den Markt kommt. Doch inzwischen tendiert die Welt wieder zu den Stoffdächern. Und dieser Einarmklappmechanismus, den du in wenigen Sekunden durchschaut hast und den du in noch weniger Sekunden bedienen kannst, ist schlichtweg genial. Passt großartig zum puristischen Auto. Hat was, kann was. Love it.

Ein einziges systemimmanentes Problemfeld durchsteuert der MX 5 jedoch, der in seiner derzeitigen Form seit mittlerweile auch schon wieder acht Jahren am Markt ist – was aber nur mich trifft: Es geht nämlich um das Thema Musik. Welche Musik spielt man in so einem Auto?

Ich folge ja der lieb gewonnenen Schrulle, jedes Auto irgendwann einmal während seines Lebens bei mir in ein entlegenes Landei-Kaff zu transportieren und dort die zumeist kalt erwischte lokale Bevölkerung mit passender Musik zu überschwappen. Normal lasse ich dann auf irgendeinem Hauptplatz die Fenster nach unten surren und spiele laut etwas Wildes. Oder was Langsames, was Trauriges, was Lustiges – was mir eben gerade passend erscheint.

Im Mazda würde ich, so plante ich es nach dem Ankauf seinerzeit, das Dach nach hinten werfen und dann …

Ja, genau. Was dann?

Ich konnte nachdenken wie ich wollte, mir wollte keine geeignete Musik zum Auto einfallen. Anders als sonst wusste ich auch nicht, welches Dorf ich mit meinem Beschallungsplan beglücken sollte. Das war irgendwie schräg, weil ich sonst in Sachen Landbevölkerungsschockierung nicht so schmähstad bin. Ratlos drehte ich das Radio auf: Damals herrschte – eh ähnlich wie heute – Flüchtlingskrise auf allen Sendern, das Jahr 2015 lag soeben erst zurück und überall wollten sie, so wie heute, Zäune bauen, diese eingekastelten Spießbürger. Da wusste ich es dann plötzlich.

Ich lenkte den Mazda ins burgenländische Moschendorf, wo die Bewohner gerade dabei waren, ihrem Bürgermeister, der Polizei und dem katastrophalen Innenministerium eine Zaunbauermächtigung zu erteilen. Ich bremste mich also im Zentrum des kleingeistigen Örtchens ein, schob das Dach nach hinten und drehte voll auf:

Irlands Nationalglatze Sinéad O´Connor – Oro se do bheatha bhaile.

Ein Flüchtlingslied. Es handelt vom Kampf gegen Besatzer, der in Irland ja ein über Jahrhunderte ständig präsentes Monstrum war. Davon, wie man heldenhaft ums Überleben rackern muss und sich nicht unterkriegen lassen darf. Ein Revolutionslied, mehr oder weniger. Genau das Richtige für diese engstirnigen Moschendorfer, die in ihrer Summe keine Ahnung von Würde und Grandezza zu haben scheinen, dafür aber Angst vor allem Fremden, dachte ich. Und wenn du ein Provinzler bist, ist ja bald einmal was fremd. Daher Strafverschärfung für Moschendorf: ein Lied auf Irisch, also in einer fremden Sprache.

Nehmt das, Moschendorfer!, murmelte ich, drückte auf Play und drehte die Lautstärke bis zum Anschlag. Dazu ist zu sagen: Weil der Mazda mit einem Bose-Soundsystem ausgestattet ist, konnte er in Sachen laut richtig was. Sie werden wohl heute, Jahre später, immer noch ein bissl Alpträume haben, in Moschendorf. Gut so. Baut euch meinetwegen einen Akustikzaun und verschrumpelt in eurer Musikantenstadlidylle! Mir erschien das irische Traditional außerdem zum MX-5 passend, weil darin immer wieder der Refrain vorkommt:

Anois ar theacht an tsamhraidh.

Das bedeutet frei übersetzt: Der Sommer soll kommen. Und wann soll der Sommer schon kommen, wenn nicht dann, wenn du in einem Auto sitzt, in dem du den Hut abnehmen kannst wie ein höflicher Mensch, um jeden einzelnen, der von zu Hause flüchten musste, mit Anteilnahme und Wohlwollen zu begrüßen.

Aber lassen wir das, wieder zurück zum kleinen Mazda – ein abschließendes Wort: super Auto. Den können Sie sich kaufen, wenn Sie sich wieder jung fühlen wollen. Immer noch, auch im achten Produktiuonsjahr. Und zwar bedenkenlos. Bei rund 35.000 Euronen liegt der Listenpreis des 23er-Jahrgangens, Sie bekommen dafür ein bereits gut motorisiertes, schmackhaft mit dem einen oder anderen kleinen Extra ausstaffiertes Exemplar.

Und P.S. – die Aussprache: Das Irische ist ja grundsätzlich ein bissl ein Hund und selbst für gebildete Auskenner wie Sie und mich praktisch nicht zu bezähmen – aber Anois ar theacht an tsamhraidh spricht man ungefähr so aus, nur damit Sie sich auskennen:

Anisch er hacht an tsaurei. +++

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