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Als ich Soldat war

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Ach Europa, der Krieg in der Ukraine. Waffen werden geliefert, Menschenleben zerstört, alles ist wie ein böser Fluch aus einer längst vergangen geglaubten Zeit, der plötzlich wieder in unsere Gegenwart abstrahlt. In Polen, so lese ich, streben so viele junge Männer wie nie zuvor eine militärische Laufbahn an. Die Heimat gegen die Russen verteidigen und so weiter.

Sie wissen das vielleicht nicht, aber ich war ja auch einmal Soldat. Acht Monate lang, und mir sind so meine Erinnerungen geblieben. Mit Kampf haben sie wenig zu tun, eher mit Krampf. Das österreichische Bundesheer war damals, obwohl die Überbleibsel des Kalten Krieges noch präsent waren, einfach nicht so richtig konkurrenzfähig – und ist es wohl heute noch weniger, vermute ich. Folgende Geschichte:

Ich leistete meinen Militärdienst in der Klagenfurter Khevenhüller-Kaserne ab, als Sanitäter in der Heeres-Sanitätsanstalt (HSA). Obwohl das ziemlich genau vier Jahrzehnte her ist, kommt die Erinnerung neuerdings wie gesagt wieder stärker zurück. Etwa daran, wie ich damals den Umsatz der heimischen Chemie-Industrie hochjagte, weil ich den Putzmittelverbrauch in der Ambulanz der HSA in Rekordhöhen trieb. Dort war ich nämlich mehrere Monate als Sanitäter dienstzugeteilt und bis auf jeweils ein oder zwei Stunden frühmorgens gab es leider nichts zu tun.

Problem: Man durfte keinesfalls den Eindruck erwecken, nichts zu tun zu haben, das mündete umstandslos in eine Schreiorgie eines Unteroffiziers. Die hatten nämlich auch alle nichts zu tun und kontrollierten deshalb aus Langeweile ständig, was die Präsenzdiener nicht zu tun hatten und wofür man sie anbrüllen konnte, damit es endlich was zu tun gab.

Ich fand rasch heraus, dass der Transport eines zusammengekehrten Staubhäufchens von einer Zimmerecke in die andere in Sachen Vortäuschung einer in Wahrheit nicht vorhandenen Arbeitsleistung wenig effizient und daher kaum geeignet war, einen Tag lang Vollbeschäftigung zu simulieren. Also polierte ich einfach pausenlos das Linoleum der gesamten Ambulanz-Fußböden. Glanzpaste auftragen, per Mob verteilen und dann mit der Maschine drüber schmieren. Das Gerät machte einen Höllenlärm, jeder konnte so hören, dass ich zugange war. An vernünftiges Arbeiten war daneben nicht zu denken, was aber egal war, weil beim Bundesheer ohnehin kaum jemand was zu arbeiten hat, zumindest nichts Vernünftiges. Anstrengung für mich außerdem: praktisch null, weil die Bürste wie Butter über die Böden flutschte. Man konnte dabei gut über Gott und die Welt nachdenken. Diese Monate waren zum Beispiel die erste Zeit in meinem damaligen Leben, zu der ich Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie halbwegs durchblickte.

Nach einiger Übung konnte ich beim Polieren sogar ein Buch lesen, das ich außen mit einer Ausgabe des Diensthandbuches tarnte, das man uns ausgeteilt hatte. Auf diese Weise avancierte ich kurzzeitig sogar zum Vorzeige-Wehrmann: Fleißig, immer voll bei der Sache und beim Arbeiten lernt er sogar Bundesheer, super, der Junge! Dachten die Unteroffiziere zumindest. War ich hinten in der Ambulanz fertig, fing ich einfach vorne wieder an. So konnte man sich mit der Fadesse des Präsenzdienstes gut arrangieren.

Leider gab es dann einen Unfall und mit der Bequemlichkeit war Schluss.

Der Ambulanzchef, der entgegen der üblichen charakterlichen Beschaffenheit eines typischen Bundesheer-Unteroffiziers durchaus ein netter und anständiger Mensch war, betrat eines Morgens die Räumlichkeiten und freute sich über den spiegelnden Gang. Ich hatte am Nachmittag zuvor ganze Arbeit geleistet.

Hast fein poliert, man sieht…, brachte er noch hervor. Dann hob es ihn aus, Ledersohlen und poliertes Linoleum vertragen sich nicht so gut, er landete nach einer ziemlich dramatischen vertikalen Pirouette voll am Kreuz. Zum einzigen Mal während meiner gesamten Bundesheerzeit kam ich in die Situation, Kenntnisse aus meiner Sanitätsausbildung tatsächlich praktisch anwenden zu können. Beim Bundesheer in Kärnten kannte man damals hauptsächlich drei Behandlungsmethoden für jedes mögliche Wehwehchen – Rotlichtbestrahlung, Schlammpackungen und Vitamintabletten. Ich entschied mich für Vitamintabletten.

Man untersagte mir danach zwar nicht die Behandlung kranker Wehrmänner, aber ich bekam sofortiges und umfassendes Polierverbot.

Prompt entwickelten sich im Lauf der folgenden Leere des Arbeitsalltags, der ohne Reinigungstätigkeit wieder zum Fadheitsalltag wurde, wiederkehrende Scharmützel zwischen diversen Unteroffizieren und mir. Verbal habe ich sie alle gewonnen. Es braucht einfach nicht besonders viel Schlagfertigkeit, um einem hauptberuflichen Bundesheerler intellektuell Paroli zu bieten. Trotzdem endete alles im Drama.

Frustriert beschloss ich eines Tages nämlich, mir das ständige Anbrüllen nicht mehr gefallen zu lassen – und brüllte einfach zurück. Ich schrie einen Offizierstellvertreter an (falls Sie sich nicht so auskennen: das ist in Österreich ein militärischer Rang), er solle gefälligst Haltung annehmen und salutieren, wenn er mit mir redet. Der Mann war so perplex, dass er es glatt tat. Vielleicht war´s aber auch einfach nur eine Reflexhandlung. Wenn wer mit dir schreit, spurst du beim Bundesheer einfach, ohne viel zu überlegen. Aber was weiß ich. Nach ein paar Sekunden dämmerte ihm jedenfalls, dass rangmäßig nicht er vor mir, sondern eigentlich ich vor ihm…

Drei Stunden später fand ich mich am Klagenfurter Bahnhof wieder, mein Ränzlein geschnürt, auf den Zug nach Villach wartend, wo ich mich beim Kommandanten jener Einheit zu melden hatte, die für ihre langen Märsche berühmt war und zu der man mich in de facto Sekundenschnelle strafversetzt hatte.

Für die letzten sechs Wochen meines Präsenzdienstes lernte ich dann vornehmlich die Drau-Auen en gros und en detail kennen, was ganz schön mühsam war. Nur fad war mir von da an wenigstens nicht mehr. +++

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