Start Editor's Blog In der Mitte von 30 Jahren Dauerkrise

In der Mitte von 30 Jahren Dauerkrise

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Ist Ihnen das in seiner ganzen Tragweite eigentlich aufgefallen? Seit genau 15 Jahren befinden wir uns in einer Dauerkrise. Angefangen hat alles 2008 mit der für unsere mitteleuropäischen Ohren harmlos klingenden Meldung, dass in den fernen USA die beiden Lokalbanken Freddie Mac und Fanny Mae, beide spezialisiert auf Hypothekarkredite für Wohnraum, pleite gingen. Was kümmert´s uns, dachten wir alle. Doch dann kam der Dominoeffekt, die Banken fielen reihenweise. An der Wall Street erwischte es Goldman Sachs, dann andere. Auch diesseits des Atlantiks, in Europa, taumelte die Finanzwirtschaft, in Österreich zum Beispiel die Hypo Alpe Adria. Begriffe wie “Systembank” oder “to big to fail” fanden Eingang in unseren Wortschatz, von deren Existenz wir bislang gar nichts gewusst hatten. Dann kamen die Staaten dran, Griechenland war praktisch bankrott. In Portugal und Irland verloren Hunderttausende ihr Zuhause – an Banken, weil die Schutzschirme der EU immer nur den Finanzinstituten und Konzernen halfen, nie den Menschen direkt. Die EU druckte Geld wie verrückt (und gab es nicht den Bürgern, sondern den Banken), die jahrelange weltweite Wirtschaftskrise vernichtete Millionen Jobs. Ganze Branchen gingen den Bach hinunter oder veränderten ihr Antlitz.

Erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends begannen die Dinge, sich wieder zu normalisieren. Dazugelernt haben wir nichts. Immer noch glauben wir, die Digitalisierung ist ein Allheilmittel gegen alles, wobei wir nicht einmal die Krankheit genau kennen. Die Investmentbanker machen weiter wie vor der Wirtschaftskrise, die großen Konzerne detto, trotz – viel zu lahmer – EU-Regularien. Italien, Griechenland, Portugal, Irland und natürlich auch Österreich – alle leben wieder auf Pump und zu Lasten der Steuerzahler.

Bevor die Krise aber ganz vorbei war, die Wirtschaft zu Beginn der 2020er-Jahre wieder voll in Richtung Wachstum losdüsen konnte, kam dann Corona. Nächstes Krisenkapitel. Das gab der Weltwirtschaft beinahe den Rest und wir hatten ordentlich zu tun, ökonomisch ebenso wie psychisch, auch durch diese Krise zu tauchen. Sie kostete weltweit neuerlich Millionen Jobs, Menschen verloren rund um den Globus ihre Zuversicht genauso wie ihre Lebensgrundlage. Die großen Konzerne, von den Staaten gestützt mit Steuergeld, verloren nichts. Und wir haben, schon wieder, nichts daraus gelernt und begannen bereits zu Beginn des vergangenen Jahres, schon wieder, voll in Richtung Wachstum zu düsen. Dann kamen der Überfall Russlands auf die Ukraine, die Energiekrise, die galoppierende Inflation.

Und gegenwärtig, nach exakt 15 Jahren Dauerkrise, befindet sich die Welt, die Menschheit, in einer Unordnung wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Jetzt kommt aber erst die schlechte Nachricht: Das ist noch lange nicht vorbei. Uns stehen mindestens weitere 15 Krisenjahre bevor. Und ob die Welt 2038 dann endlich Licht am Ende des drei Jahrzehnte langen Tunnels sehen wird, ist fraglich.

Das ist zu pessimistisch, meinen Sie? Überlegen wir: Der Krieg in der Ukraine wird nicht noch Monate, sondern noch Jahre dauern, soviel steht fest. Wenn dann nun schön langsam die Sanktionen zu greifen beginnen, wenn die Gas- und Öleinnahmen ausbleiben, wird Russland in bittere Armut abgleiten. Umso wilder wird Putin um sich schlagen. Auch den Westen wird die Unterstützung der Ukraine an die Grenze seiner finanziellen Möglichkeiten bringen. Die Inflation wird hoch bleiben, die Weltwirtschaft stärker schwanken. Sollte in den USA dann noch einmal der Tölpel mit dem Meerschweinchen am Kopf zum Präsidenten gewählt werden, was erstaunlicherweise keinesfalls auszuschließen zu sein scheint, droht der Welt das finale Chaos. Russland könnte sich in höchster Not den begrenzten Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine trauen. China könnte sich angesichts der geschwächten USA und NATO sowie der in Partikularinteressen zerfallenden EU trauen, mit Taiwan das zu tun, was Russland mit der Ukraine versucht hat. Israel und die Palästinenser könnten verschärft aufeinander losgehen. Der kleine Dicke in Nordkorea könnte die Chance nützen und Südkorea attackieren. Japan würde in das alles hinein gezogen. Das wäre der Dritte Weltkrieg. Die Weltwirtschaft würde schon vorher zusammenbrechen. Und über allem droht als Damoklesschwert der Klimawandel.

Ob wir das überstehen würden, ist fraglich. Klar ist: Die Krise – besser gesagt, die vielen aufeinander folgenden Krisen – ist nach 15 Jahren noch nicht vorbei. Wir müssen uns auf zumindest drei Krisen-Jahrzehnte einstellen. Die Welt wird danach zweifellos eine völlig andere sein als davor. Es wird an die zwei Milliarden junge Menschen geben, die dann 30 Jahre oder jünger sind und nichts anderes kennen als Krise. Das wird Folgen auf unser Zusammenleben haben, wie auch immer sie aussehen mögen. Wenn diese Generation es schafft, alles durchzustehen, und danach noch eine halbwegs funktionable Welt vorfindet und vor allem: wenn sie es ab, sagen wir 2040, schafft, aus den Fehlern der vergangenen Jahrzehnte, der Generation vor ihr, zu lernen, dann kann es weitergehen. Möglicherweise erleben wir aber auch gerade das Vorspiel zu dem, was die Wissenschaft ohnehin schon seit gut hundert Jahren postuliert:

Dass Zivilisationen, die technisch dazu in der Lage sind, sich selbst auszulöschen, das irgendwann automatisch auch tun. Könnte leicht sein. +++