Start Lahodynsky Trotz Rückschlägen: Keine Hoffnung auf Kriegsende

Trotz Rückschlägen: Keine Hoffnung auf Kriegsende

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Beim Krieg in der Ukraine gab es zuletzt ungewöhnlich schwere Niederlagen der russischen Armee. Am Montag hatten ukrainische Streitkräfte in der Nähe der zurückeroberten Stadt Cherson im Süden des Landes eine russische Stellung mit Artillerie getroffen. Bereits in der Silvesternacht war im Ort Makijiwka in der von Russland besetzten Donbass-Region ein Gebäude, in dem mehrere hundert neu rekrutierte russische Soldaten untergebracht waren, von ukrainischen Raketen zum Einsturz gebracht worden. Dabei sollen bis zu 400 russische Soldaten, die dort das Neue Jahr feierten, getötet worden sein. Laut offizieller Darstellung Moskaus sollen 63 Soldaten ums Leben gekommen sein. Normalerweise nennen russische Medien Opferzahlen nicht. Daher dürfte die Zahl doch höher sein. In Russland gab es ungewöhnlich scharfe Kritik an den Versäumnissen der Armeeführung.

Die Ansammlung feindlicher Soldaten dürfte vom ukrainischen Militär über ungewöhnlich dichten Datenverkehr festgestellt worden sein. Offenbar verschickten die russischen Rekruten übers Handy Neujahrswünsche.

Diesen Fehler hatte bereits am Anfang des Kriegs ein tschetschenisches Killer-Kommando, das den ukrainischen Präsidenten Wolodymir Selenskij ermorden sollte, gemacht. Die hatten sich in Kiew sogar ins ukrainische Mobiltelefon-Netz eingeloggt und wurden so leichtes Ziel.

Westliche Militärexperten wiesen darauf hin, dass russische Raketenangriffe auf ukrainische Energie-Anlagen immer öfter von der ukrainischen Luftabwehr abgefangen wurden.

Doch solche militärischen Erfolge der ukrainischen Streitkräfte deuten keineswegs auf ein baldiges Ende des Kriegs hin. Somit ist auch der Zeitpunkt für Verhandlungen noch lange nicht in Sicht. Kriegstreiber Putin hält weiter an allen Zielen seines völkerrechtswidrigen Angriffs fest und sieht die illegal annektierten Regionen als Territorium der russischen Föderation.

Die ukrainische Führung gab an, bereits 40 Prozent der von der russischen Armee seit dem 24. Februar besetzten Gebiete befreit zu haben. Zuletzt wurden dort neue Folterkeller der russischen Besatzer und andere Beweise für russische Kriegsverbrechen entdeckt.

Selenskij hat klargestellt: Er will mit neuen Waffenlieferungen aus den USA und der EU russische Besatzer aus der gesamten Ukraine vertreiben. Am 3. Februar soll ein EU-Gipfel über die Ukraine sogar in Kiew stattfinden. Für die EU werden aber nur EU-Ratspräsident Charles Michel und Kommissionschefin Ursula von der Leyen daran teilnehmen. Bis dahin dürfte ein erster Teil der neuen EU-Hilfen in der Höhe von 18 Milliarden Euro ausbezahlt werden.

Eine Waffenruhe zum gegenwärtigen Zeitpunkt brächte vermutlich nur Zeit für die russischen Angreifer, neue Rekruten und Waffen, darunter Drohnen aus dem Iran, in Stellung zu bringen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ brachte es so auf den Punkt:

„Auch wenn das Einfrieren des Krieges als attraktive Option erscheint – dauerhaften Frieden wird es nur geben, wenn Russlands neoimperiales Projekt deutlich scheitert.“ +++

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Otmar Lahodynsky ist einer der profiliertesten Außen- und Europapolitik-Journalisten Österreichs. Bis Ende 2019 war der geborene Linzer Redakteur und EU-Koordinator beim Nachrichtenmagazin „profil“. Davor Brüssel-Korrespondent und stv. Chefredakteur der Zeitung „Die Presse“ sowie Außenpolitik-Ressortchef beim „Kurier“. Bis Ende 2021 war Lahodynsky Präsident der „Association of European Journalists“ (AEJ) 2014-2021, nun ist er Ehrenpräsident. Neben such*stuff schreibt er auch Gastkommentare und Beiträge für „Die Presse“, „Wiener Zeitung“, „Furche“, „Cercle Diplomatique“ und „NEGlobal“ (Brüssel). 2019 erhielt er den Dr-Karl-Renner-Publizistikpreis fürs Lebenswerk.