Start Editor's Blog Teufelsfratze mit Glatze: 2022 im etwas anderen Rückblick

Teufelsfratze mit Glatze: 2022 im etwas anderen Rückblick

126
0

Machen wir uns nichts vor, 2022 war ein Seuchenjahr. Was nie hätte passieren dürfen, ist passiert. Alles. Wiederholt. In verschiedenster Form. Wir haben heuer die Fratze des Teufels gesehen. Sie war nicht schön. Er trug zum Beispiel Glatze, sah ein wenig aufgeschwemmt aus und redete so komisch. Russisch, glaube ich. Später sang er in anderer Gestalt eine neue Version der Münchener Rosi. Sogar einen Indianer stürzte er vom Pferd. Und so weiter. Schauen wir zurück und seien froh: Wir haben es hinter uns.

 Jänner 

Da hätten wir es schon kommen sehen können. Ein Japaner hat die Vierschanzentournee gewonnen. Kobayashi heißt er. Ein Japaner? Wo doch in der Weltsportart Skispringen wir Österreicher seit Jahrtausenden die rechtmäßigen Auskenner sind. Die einzigen, die wissen, wo´s lang geht, Erbpacht quasi. Denn: Wo geht es beim Skispringen lang? Richtig – es geht bergab. Wer, wenn nicht wir Österreicher, ist da der Experte. Fahren Sie einmal nach Wien und hören Sie den Wienern beim Raunzen zu, dann kennen Sie sich aus. So professionell bergab wie die Wiener, nach unten, in den Abgrund, schaut sonst niemand. Und dann will da so ein daher gesprungener Japaner … Gott sei Dank hat´s eh keiner gesehen, weil Zuschauer während der letzten Auswüchse des Coronavirus nicht erlaubt waren. Spätestens bei dieser Siegerehrung am 6. Jänner hätte uns aber jedenfalls dämmern müssen: Das wird kein gutes Jahr.

 Februar 

Dieser Monat konnte es dann so richtig. Selbstverständlich hat uns alle geschockt, dass der “Killer” Putin – sag nicht ich, sagt US-Präsident Joe Biden – tatsächlich mit seinem Krieg gegen die Ukraine Ernst gemacht hat. Wir Österreicher wussten sofort – Grund zur Angst! Denn: Das wird Flüchtlinge geben. Schon wieder. Dabei war da noch gar nicht allen klar, dass der Einmarsch auch einen Benzinpreis von über zwei Euro bringen wird. Jössas – vor der Türe das Fremde aus dem Osten und im Tank das Teure aus dem Untergrund, ein sehr österreichisches Desaster. Der Basti, der Heiland, der Dumbonator, der Routenschließer, der Putinversteher, der Trumpbesucher, der Smartphonechatter, der vielleicht alles noch einmal richten hätte können, war auch nicht mehr da. Was wäre zu tun gewesen? Selbst gegen Putin aufbegehren? Lieber nicht, besser fürchten. Wir geben ja traditionell bei Diktatoren eher klein bei, schleimen uns ein, ängstigen uns ein bissl, laufen irgendwie mit und wollen dann nicht dabei gewesen sein – statt gleich Tacheles zu reden.

Ganz anders in Sachen Widerstand übrigens Deutschland. Ich sage nur: Helene Fischer! Die ist gebürtige Russin und hat´s dem Präsidenten ihrer Heimat ordentlich gegeben. Eine blaugelbe Binde, Landesfarben der überfallenen Ukraine, trug sie nämlich bei einem Konzert am Oberarm. Na bumm. Heulen- und Zähneklappern wird das im Kreml gegeben haben. Und erst der deutsche Kanzler, der hat die ukrainische Armee sofort sowas von unterstützt, ein paar zehntausend Stahlhelme hat er geschickt. Helene und Helme – kein Wunder, dass Putins Panzer, bereits kurz vor Kiew, sofort wieder umdrehten.

 März 

Der traurige Höhepunkt: 413.000 Corona-Erkrankte wurden Mitte des Monats in ganz Österreich gezählt – so viele wie nie davor und auch danach nie mehr. Gut 18.000 Corona-Tote gab es zu diesem Zeitpunkt bereits. Die gute Nachricht, was damals allerdings noch nicht klar war: Es handelte sich um den letzten und gleichzeitig kapitalsten Auszucker des Virus. Seine Omikron-Varianten hatten die ursprüngliche Zerstörungskraft bereits verloren. Sogar die bis dahin einigermaßen hilflose Regierung entschied sich daher, das zu tun, was nun tatsächlich angebracht schien: das Virus durchrauschen zu lassen. Heute weiß man: Damit und durch die Impfung wurde der Grundstein für jene Herdenimmunität gelegt, die uns heute schützt. Die Pandemie ist de facto vorbei – wenn die Chinesen, die in Sachen Corona vom ersten Tag an alles falsch gemacht haben, was man nur falsch machen kann, uns in den kommenden Monaten nicht doch noch neue Varianten bescheren.

 April 

Der Lichtblick. Peter Schöttel, seines Zeichens überschaubar akklamierter Sportdirektor des heimischen Fußballverbandes, brachte tatsächlich Großes zustande. Ralph Rangnick, international hoch angesehener Fußballexperte, wurde Ende des Monats neuer Fußballteamchef. Ein Glücksgriff. Schon im ersten Spiel zeigte sich, was künftig erwartet werden darf: Der damalige Vizeweltmeister Kroatien – aktuell immer noch WM-Halbfinalist – wurde auswärts auf beeindruckende Weise 3 zu 0 besiegt. Und später dann, im letzten Spiel des Jahres 2022, schickte das österreichische Team, das in Sachen Spielweise endlich und vollständig zum Rangnick-Spektakelfußball zu konvertieren scheint, auch noch den regierenden Europameister Italien mit 2 zu 0 aus dem Wiener Happel-Stadion nach Hause. Sie werden sehen, das wird noch was.

 Mai 

Die nächste Seuche. Als ob Corona nicht reichen würde, sind auch noch die Affenpocken anmarschiert, von denen bislang wirklich noch kaum jemand etwas gehört hatte. Eine recht unschöne Erkrankung, nicht nur optisch, und selbstverständlich konnten die Medien nicht anders, als gleich wieder den ganz großen Alarm zu schlagen. Dabei war alles halb so wild und hätte vor Corona bestenfalls eine Fußnote irgendwo hergegeben. Bis dato gab es in Österreich ganze 327 Erkrankungen. Nur zum Vergleich – an Corona erkrankten bislang knapp 5,7 Millionen Menschen. Anlass genug, uns endlich ein bissl in Gleichmut zu üben, der uns ohnehin ganz gut anstehen würde, besäßen wir ihn in höherem Ausmaß. Jedenfalls: Diese Seuche war harmlos, kaum wer wurde krank, niemand ist daran gestorben. Wer das überernst genommen hat, hat sich zum Affen gemacht.

 Juni 

Rückwärts rudern, das war im Juni das Prinzip vieler, die sich einen Schritt zu weit nach vorne gewagt hatten. Die Regierung widerrief die Impfpflicht, eine in einer Demokratie ohnehin höchst problematische Regelung. Bevor noch Strafen wegen Verletzung eben dieser Impfpflicht ausgesprochen werden oder greifen konnten, wurde sie auch schon wieder abgeschafft. Eine peinliche Niederlage für die schwarzgrüne Koalition, ein Eingeständnis des eigenen Dilettantismus in Sachen Corona-Management.

Und in Deutschland warfen übereifrige Journalisten dem damals-noch-Fußballprofi aus Österreich, Martin Hinteregger, zu große Nähe zu rechtem Gedankengut vor – und mussten diesen Vorwurf wieder zurücknehmen. Dem Kicker, der mit rechts gar nichts nichts am Hut hat, reichte es jedoch: Er erklärte in der Folge mit noch nicht einmal 30 Jahren am Höhepunkt seiner Karriere – sein Verein, die Frankfurter Eintracht, hatte gerade erst die Europa League gewonnen – den Rücktritt vom Profifußball. Mittlerweile kickt Hinteregger in Kärnten bei seinem Stammverein SGA Sirnitz, ist in Österreich sowie in Frankfurt immer noch und zu Recht ein Held der Herzen. Vor allem, dem Anschein nach: Er ist wieder glücklich. Und die Hinti Army marschiert auch noch.

 Juli 

Eine Tragödie. Da gab es in Oberösterreich eine Ärztin, aufopferungsvoll, engagiert, ihren Patienten verbunden – und dann wird sie von den Schwurblern und Schwaflern in Sachen Corona, von mutmaßlich kriminellen Dummköpfen, am Leben bedroht. Die Behörden unternehmen wenig, ein typisch österreichisches Drama. Die Bedrohung geht bis an existenzielle Grenzen, Unsummen musste die Ärztin für private Sicherheitsmaßnahmen aufwenden, weil die Polizei nicht für ihre Sicherheit sorgen wollte oder konnte, jedenfalls nicht adäquat eingriff. Der Ruin drohte. Die Ärztin, ihr Name war Lisa-Maria Kellermayr, konnte schließlich nicht mehr, gab auf und schied aus dem Leben. Erst danach begann man, einigermaßen ernsthaft zu ermitteln – nicht in Österreich, sondern in Deutschland, wo ein Reichsbürger in die Angelegenheit verwickelt sein könnte. Nach wie vor laufen die Ermittlungen, Ergebnisse stehen immer noch aus. Eine traurige Angelegenheit zum Fremdschämen für die österreichischen Behörden.

(Wer sich von Suizid-Gedanken betroffen fühlt, kann sich jederzeit an die Telefonseelsorge unter der Nummer 142 wenden.)

 August 

Im Hochsommer ist es schließlich passiert. Sie haben Winnetou verboten. Irgendein Old Shretterhand in einem deutschen Verlag hat ein begleitendes Kinderbuch zu einem neuen Film über den Apachen-Häuptling einstampfen lassen, als wäre es unter die Hufe von Iltschi geraten, Winnetous Pferd. Die ARD nahm darauf sofort auch die alten Winnetou-Filme aus dem Programm – nachdem sie erst von geschätzten 80 Millionen Deutschen, also von eh nur fast allen, im Laufe der vergangenen 50 oder 60 Jahre gesehen worden waren. Warum das alles? Ganz einfach: “Kulturaneignung”.

Weil, ein Weißer spielte in den alten Filmen den Indianer. Schlimmer noch, ein Franzose. Das geht gar nicht, sind sie in Deutschland jetzt, nur wenige Jahrzehnte nach den Dreharbeiten, draufgekommen. Und im Kinderbuch sowie im Kinderfilm: auch kein genuin indianischer Winnetou. Kein Wunder, dass man da fürchten muss, auch in Österreich, die Gefühle der Apachen könnten nachträglich verletzt werden. Untragbar selbstverständlich. Wenn wir so weitermachen, lassen wir es irgendwann auch noch durchgehen, dass zu Weihnachten beim Krippenspiel die Jungfrau Maria von einer gespielt wird, die womöglich Sabine heißt. Und die vielleicht gar nicht mehr …. Um Gottes Willen. Oder noch schlimmer, der Ochse hat sein Dings noch dran, ist also gar kein Ochse. Nicht auszudenken. Wo soll das enden? Schon gehen Gerüchte um, nicht an allen heimischen Theatern werde der Hamlet immer von einem Dänen dargestellt. Und nicht in jeder Verfilmung werde in Zukunft Tobias Moretti den Andreas Hofer geben. Der nächste Kommissar Rex soll in einer Neuauflage der TV-Krimiserie angeblich gar ein Dackel sein. Grundgütiger.

 September 

Gott sei Dank, wenigstens kurz vor dem Herbst hat sich das Gute, Wichtige und Richtige durchgesetzt. Ö3 hat sich, keinesfalls überraschend, zum Retter vor der Verdammnis aufgeschwungen. Dort, wo sie immer noch glauben, Phil Collins ist cool, waren sie auf dem Posten, als Österreich vom Weg des Rechten abzukommen drohte: Der Sommerhit “Layla” wurde auf die Verbotsliste jener Titel gesetzt, die nicht, unter keinen Umständen, also auf gar keinen Fall, nicht um die Burg, weil das wäre ja noch schöner, gespielt werden dürfen. Damit bewahrte man die Gartenzwergbesitzer im Land sowie alle anderen für Spießiges Anfälligen vor folgender verwerflichen Textzeile:

Ich hab nen Puff und meine Puffmama heißt Layla, sie ist schöner, jünger, geiler.

Was das anrichten hätte können. Mussten wir Österreicher doch schon 1982 einen Gutteil der Jugend verloren geben, weil damals diese bayerische Rosi als Ohrwurm durch alle unbefleckten jungen Gehörgänge fegte, die draußen vor der großen Stadt, wo die Nutten sich die Füße platt …, und so weiter. Aber nicht diesmal. Denn inzwischen ist Ö3 so geworden, wie sich das gehört. Rosis, Laylas und Konsorten werden aussortiert. Zensur? Wurscht. Hauptsache, der Untergang des Abendlandes durch anaphylaktische Schockzustände aller Art konnte verhindert werden.

 Oktober 

Nein, 2022 war nicht alles schlecht. Im Oktober war plötzlicher ein Österreicher da, auf den wir alle so richtig stolz sein können. Kein Sportler, kein Rockstar – nichts von dergleichen leichtgewichtigem Tand. Sondern einer, der die Welt und das Universum erklären kann, ein Physiker. Anton Zeilinger wurde der diesjährige Physik-Nobelpreis zugesprochen. Seine Arbeit an der Verschränkung von Elementarteilchen wird noch lange, lange in die Zukunft hinein wirken und Entwicklungen bestimmen, Entdeckungen ermöglichen. So wie vor über 100 Jahren Erwin Schrödingers erste Forschungen an der Quantenmechanik, für die auch er den Nobelpreis erhalten hat, eine unglaubliche Hochzeit der Physik eingeleitet haben. Auch wenn das derzeit nur den Wenigsten verständlich ist: Die Quantenmechanik als die Lehre vom Verhalten der Dinge im Allerkleinsten wird uns irgendwann einmal das Verständnis von der Welt bringen, wie sie wirklich ist. Eine komplett neue Physik wird sie hervor bringen, die ebenso seltsam wie wunderbar sein wird. Sie wird irgendwann die Möglichkeit liefern, die vier Urkräfte der Natur, die überall im Universum gelten, zu einer einzigen zu vereinen und damit alles erklären zu können, bis zum Urknall zurück. Sie wird zum Beweis der Stringtheorie führen, falls dieser Beweis experimentell überhaupt möglich ist. Und sie wird uns vielleicht sogar die Chance geben, in ferner Zukunft zu erkennen, wie die Wirklichkeit tatsächlich aussieht. Und wie Raum und Zeit tatsächlich funktionieren.

 November 

Wahrlich keine Sternstunde für den heimischen Qualitätsjournalismus: Sowohl in der Presse wie auch im Aktuellen Dienst des ORF mußten Chefredakteure von der Ausübung ihres Jobs Abstand nehmen. Rainer Nowak und Matthias Schrom tauchten in den Chats auf Handys auf, die von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft beschlagnahmt worden waren. Schrom auf dem Handy von Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Nowak auf jenem des früheren Generalsekretärs im Finanzministerium, Thomas Schmid. Schrom chattete mit Strache über die politische Ausrichtung im ORF, Nowak mit Schmid darüber, wie ihm geholfen werden könnte, ORF-Generaldirektor zu werden. Beide Journalisten, in der Vergangenheit jeweils mit diversen Preisen ausgezeichnet, traten schließlich freiwillig von ihren Funktionen zurück und entschuldigten sich bei ihren Redaktionen.

Die Angelegenheit wirft jedoch ein bezeichnendes, bleibendes Bild auf den Grad der Verhaberung zwischen Medien und Politik im zu kleinen Österreich. Wer weiß, was da noch kommt. Fast fühle ich mich, obwohl ich nur ein minimal bescheidenes Lichtlein im Austro-Journalismus bin, genötigt festzuhalten: Falls Sie, liebe such*stuff Leserin oder lieber such*stuff Leser, Einfluss besitzen und überlegen, mir dabei zu helfen, irgendwo noch irgendwas zu werden: Bitte nicht. Lassen Sie es. Wenn ich Hilfe brauche, helfe ich mir einfach selbst. Und chatten Sie bloß nicht mit mir.

 Dezember 

Und jetzt, kurz vor Jahresende, ist auch noch die Sonne vom Himmel gefallen. Edson Arantes do Nascimento, kurz Pelé genannt, der großartigste Fußballer aller Zeiten, der beliebteste Brasilianer und Botschafter seines Landes, der Weltbürger, der elegante Mensch, ist tot. Das Jahr 2022 hat vielen, die der Welt etwas gegeben haben, das Leben genommen: der Designerin Vivienne Westwood, den Politikern Madeleine Albright, Michail Gorbatschow und Shinzo Abe, den Schauspielern oder Musikern James Caan, Nichelle Nichols, Meat Loaf und Willi Resetarits, dem Regisseur Jean-Luc Godard, dem Dichter Hans Magnus Enzensberger und der britischen Königin Elisabeth II. Eine unvollständige, lange Liste von Verlust und Trauer. 2022 war ein tatsächlich echtes Seuchenjahr, im wahrsten wie auch im übertragenen Sinn des Wortes. Gut, dass es sich endlich zum Teufel schert. +++

Vorheriger ArtikelAm (Jahres)Ende bleibt nur der Kärntner Humor
Nächster ArtikelTag 1 im neuen Fritz-Jahr: Es gibt Kalbshaxe, oder: Stelze
Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.