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Eine kleine, nicht ganz aber fast wahre Weihnachtsgeschichte

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Das ist eine fast, aber doch nicht ganz wahre Weihnachtsgeschichte. Geschehen ist sie vor vielen, vielen, vielen Jahren.

Meine Nachbarn in dem Haus, in dem ich wohne, haben eine inzwischen längst erwachsene Tochter, die auch heute noch oft zu mir auf Besuch kommt. Das macht sie schon so, seit ich dort vor vielen Jahren eingezogen bin. Wir beide sind seit damals Freunde. Früher, als sie noch klein war, spielten wir gemeinsam, machten ab und zu ein paar verrückte Sachen – was man eben so tut, wenn man will, dass ein kleines Kind richtig Spaß hat. Ich las ihr Geschichten vor, manchmal erledigte sie auch nur ihre Volksschulaufgaben bei mir und ich sah ihr zu. Von Zeit zu Zeit ärgerte sie mich und verwandelte meine ganze Wohnung in eine Art Schlachtfeld kindlicher Ausgelassenheit. Doch das war völlig egal, denn ich hatte und habe sie gern, sie durfte das.

Inzwischen hat sich alles eingeschliffen, Aufruhr gibt es in meiner Wohnung nicht mehr – und meine kleine Nachbarin, die längst Matura und Führerschein besitzt und die Universität besucht, schaut auch weniger oft vorbei. Vor vielen Jahren aber, als sie noch klein war, lief bei mir zu Hause ein Drama ab. Damals kam sie, vielleicht war sie vier oder fünf Jahre alt, am Heiligen Abend nach ihrer Bescherung zu mir herüber und musste geschockt feststellen: Bei mir gab es keinen Christbaum. Eine Tragödie, denn immerhin war ja Weihnachten, also: Christkind, Geschenke, geschmückte Bäume überall. Nur bei mir: nichts.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich bei der Kleinen mit einem notdürftig erfundenen Geständnis aus der Misere herauszureden. Ich sei zu neugierig gewesen, sagte ich, und hätte ungefähr zu der Zeit, in der das Christkind für gewöhnlich die Geschenke bringt, im Wohnzimmer ein Geräusch gehört und durchs Schlüsselloch geblinzelt. Und tatsächlich, so erzählte ich, hätte ich dabei einen kurzen Blick auf das Christkind erhascht, wie es gerade beim Schmücken des Baumes für mich war. Das blieb natürlich nicht unbemerkt, immerhin handelte es sich ja um das Christkind, das alles sieht und alles weiß. Das Christkind toleriert so etwas nicht und flog davon, Baum und Geschenke nahm es wieder mit.

Na, frage nicht. Meine kleine Nachbarin war entsetzt. Wie konnte ich nur so neugierig sein. Wo doch jeder weiß, dass man das Christkind bei seiner Arbeit nicht beobachten darf. Ich musste mir eine Standpauke anhören – und hoch und heilig versprechen, im nächsten Jahr gefälligst nicht mehr so neugierig zu sein.

In diesem nächsten Jahr schrieb sie dann für mich auf ihren eigenen Wunschzettel ans Christkind, dass mir diese Angelegenheit nachträglich sehr leid täte, und dass ich diesmal trotzdem gerne wieder einen Baum hätte. Außerdem eine Zitronenpresse. Das mit der Zitronenpresse kann ich mir bis heute nicht erklären. Aber am 24. Dezember kam die Kleine dann jedenfalls gegen Mittag herüber, versperrte meine zwei Wohnzimmertüren und verklebte die Schlüssellöcher mit Isolierband. Nur zur Sicherheit, erklärte sie, falls ich doch auch heuer wieder schwach werden sollte. Ich musste den ganzen Nachmittag des Heiligen Abends in der Küche verbringen und hatte ordentlich damit zu tun, noch rasch einen Baum und Schmuck zu besorgen, das Schloss der Wohnzimmertüre zu knacken, den Baum zu schmücken, eine kleine Bescherung zu simulieren, und danach wieder alles zuzuschließen und zuzukleben. Zu meiner großen Überraschung fand ich, als ich nach frischem Isolierband suchte, ganz hinten in einer Schublade sogar eine nagelneue Zitronenpresse, die ich vor vielen Jahren einmal gekauft und völlig vergessen hatte. Ich packte sie nett ein und legte sie unter den Christbaum.

Als das Kind dann nach ihrer eigenen Bescherung, die selbstverständlich reichlich ausgefallen war, zur Kontrolle anmarschierte, mein Wohnzimmer aufsperrte und feststellte, dass in diesem Jahr auch bei mir alles in Ordnung war – Baum da, Bescherung erfolgt, weil Geschenke vorhanden, selbst die Zitronenpresse wunschzettelkonform geliefert – war sie zufrieden. Das hat sie sogar ein wenig übermütig gemacht. Ein Jahr später hat sie dann nämlich überhaupt gleich einen ganzen Wunschzettel in meinem Namen verfasst. Bereits Anfang Dezember legte sie ihn in mein Fenster und ging natürlich davon aus, dass auch diesmal wieder alles klappen würde. Und tatsächlich, nach einigen Tagen im Fenster war der Wunschzettel plötzlich verschwunden.

Liebes Christkind, der Klaus wünscht sich heuer wieder einen Baum. Und außerdem vier Überraschungsgeschenke. Danke!

Das hatte sie auf dem gefalteten Bogen Papier vermerkt, geschrieben in einer sorgfältigen Volksschulkind-Handschrift.

Ich hatte an diesem Heiligen Abend hunderttausend Dinge zu erledigen, unter anderem wieder einen Baum für mich zu besorgen – außerdem Weihnachtsschmuck (der vom Jahr davor hatte die Aufbewahrung nicht überlebt, ich bin da ein wenig schlampig), damit die Kleine sehen konnte, wenn sie neuerlich zur Kontrolle zu mir käme, dass ich auch diesmal wieder eine Bescherung gehabt hatte. Nur wo die vier Überraschungsgeschenke herkommen hätten sollen, wusste ich nicht so recht. Also hatte ich schon vor Tagen schön eingepackt, was eben so vorhanden war: eine Füllfeder, ein Buch, einen USB-Stick, und zur Ergänzung des Haushaltes eine neu gekaufte Orangenpresse, die der Zitronenpresse von vor einem Jahr sogar ein wenig ähnlich sah. Wird schon durchgehen, dachte ich mir.

Überflüssig, wie sich herausstellen sollte – und ich komme nun zum Ende dieser fast zur Gänze wahren Weihnachtsgeschichte.

Ich schrieb damals schon ein Blog (es ist längst gelöscht, Sie müssen hier also nicht danach suchen), in dem ich wenige Tage vor dem Heiligen Abend am Rande auch erzählte, dass ich zu Weihnachten vier Überraschungsgeschenke benötigen, aber nicht wissen würde, woher ich sie nehmen sollte. Viele Menschen lasen dieses Blog damals leider nicht, es gab an die tausend Zugriffe pro Monat, das ist für das Internet beinahe ein Publizieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber ganz offensichtlich reichte es, um vier Überraschungsgeschenke aufzutreiben.

Denn am 24. Dezember, also am Heiligen Abend, läutete der Briefträger an meiner Türe. Ich wusste nicht einmal, dass an diesem Tag noch Briefe und Pakete zugestellt werden. Der Briefträger schnaufte genervt, weil er viel zu tragen hatte, aber er war freundlich, was für einen Postler alles andere als selbstverständlich ist. Weihnachtszeit halt, da lächeln auch die Supergrantigen einander zu. Er hatte drei unterschiedlich große Pakete für mich dabei, alle in braunes Packpapier gewickelt. Die Pakete kamen von Menschen, die ich nicht kannte. Ich wunderte mich, was sollten Unbekannte mir schon schicken? Als ich sie öffnete, kamen drei Weihnachtspäckchen zum Vorschein, alle drei fein säuberlich in unterschiedliches Geschenkpapier eingepackt, zwei mit einer roten und eines mit einer blauen Schleife. Allen lag ein jeweils kurz gehaltener Brief bei, in unterschiedlichen Handschriften verfasst. In den Briefen stand, dass bei den Absendern das Christkind überraschenderweise schon vor Weihnachten auf einen Kurzbesuch vorbeigeschaut und dieses Päckchen dagelassen hatte. Mit einer Information, dass es sich dabei um ein Geschenk für mich handle, und das Christkind bitte darum, dass die jeweiligen Menschen mir das Paket rechtzeitig zukommen lassen würden. Alle drei Absender schrieben mir in ähnlichen Formulierungen, dass sie diesem Wunsch des Christkindes natürlich gerne nachkämen und mir schöne Weihnachten wünschten.

Wie gesagt, das ist eine nicht ganz, aber zum Teil doch wahre Geschichte. Sie ist ungefähr so tatsächlich passiert. Ich habe sie nur an einigen Stellen ein wenig ausgeschmückt und ein wenig dazu erfunden, damit sie sich leichter erzählen lässt und damit es auch einen netten Schluss gibt. Was stimmt und was erfunden ist – ich kann und will Ihnen da nicht helfen, Sie müssen sich selbst einen Reim darauf machen.

Sie werden sich vielleicht noch fragen, woher das vierte Überraschungsgeschenk kam – wenn Sie aufmerksam gelesen haben, ist Ihnen nämlich aufgefallen, dass der Briefträger nur drei Pakete bei mir abgeliefert hatte, während meine Nachbarin doch vier bestellt hatte. Nun, nach ihrer Bescherung besuchte mich meine kleine Freundin wieder und freute sich sehr, dass auch in diesem Jahr ihre Wünsche, die sie stellvertretend für mich abgeliefert hatte, vom Christkind wieder zufriedenstellend erfüllt worden waren. Zu meinem Erstaunen beschwerte sie sich gar nicht, dass nur drei Geschenke unter meinem Baum lagen, obwohl sie vier angefordert hatte. Als ich mit ihr hinüber in die Nachbarwohnung ging, um mit ihren Eltern noch ein weihnachtliches Glas Wein zu trinken, sah ich, warum: Unter dem Christbaum meiner Nachbarn lag ein Packerl für mich – das vierte Überraschungsgeschenk. Das Christkind hatte es dort für mich abgeliefert. Damit waren die vier Geschenke also tatsächlich komplett und ich konnte meine eigenen, für mich selbst geschnürten Pakete wieder beiseite räumen.

Sollten jedenfalls gerade Sie, liebe Blogleserin oder lieber Blogleser, zu den damaligen drei Christkind-Adjudanten oder -Adjudantinnen gehören, die mir nach der Web-Lektüre ein Überraschungsgeschenk geschickt haben, bedanke ich mich mit einem kleinen Tränchen der Rührung im Augenwinkel und hoffe, Sie sehen mir die vielen Jahre Verspätung nach. Und ich wünsche Ihnen, genauso wie allen anderen Lesern und Leserinnen von such*stuff, ein schönes Weihnachtsfest heute Abend.

Feiern Sie schön! +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.