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Als die Mäuse in den Krieg zogen: Pürgg

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Das kleine Gebirgsörtchen Pürgg hoch über dem Ennstal, mit Blick ins Land hinein und auf den beeindruckenden Felsblock Grimming, ist die Heimat der Mäuse-Fresken.

Achtlos zieht in der Regel der Reiseverkehr vorbei, unten, durchs Ennstal hindurch, er strebt ins weltberühmt gewordene nahe Schladming, oder er biegt unmittelbar nach rechts ins Ausseerland ab, nachdem er das kleine Johanneskircherl passiert hat, das unscheinbar oben am Berghang thront. Die eiligen Autofahrer, oft Urlauber, die es zum Schifahren auf den bekannten Weltcupberg Planai zieht, oder in der warmen Jahreszeit zur Sommerfrische an den Grundlsee und den Altausseersee, wissen nichts von dem Drama, das sich über ihren Köpfen im Inneren der kleinen Kirche abspielt. Denn dort oben, an den Wänden der Johanneskapelle, dort trifft Klein auf Groß, dort kämpft David gegen Goliath: Dort ziehen die Mäuse in den Krieg.

Die Fresken in der Kapelle aus dem 12. Jahrhhundert sind berühmt, und auf einem kämpfen tatsächlich Katzen gegen Mäuse.

Im Mittelalter machten sich Künstler immer wieder über die Feindschaft zwischen Katzen und dem Mausvolk Gedanken. Und einer hat sie eben tatsächlich in Form eines skurrilen Freskos an eine der Wände des kleinen Kircherls gemalt. Dort hat das Kunstwerk Jahrhunderte überdauert, und heute zieht es wissende Gäste an, die sich die Mühe machen, den Weg herauf in das Örtchen Pürgg zu nehmen, das in Relation noch viel kleiner ist als seine Johanneskapelle. Und an der Wand, da staunen sie dann, denn dort sind sie zu sehen, die Mäuse, die gegen Katzen kämpfen. Aus dem 12. Jahrhundert stammen die Fresken, ihre Schöpfer sind unbekannt. Früher waren sie, wie auch die Johanneskapelle selbst, höchstwahrscheinlich Teil einer Burganlage. Der Burg “Grauscharn”, mit deren Erbauung im Jahr 1160 Markgraf Ottokar III seine Herrschaft über das Ennstal zementierte. Damals war der Markgraf ein bekannter Herr über diesen Teil der Steiermark, geblieben ist davon nur die Kapelle – und eben dieses seltsame, wundersame, skurrile Fresko der Mäuse, die gegen die Katzen kämpfen.

So viel steirische Gegend zum Schauen: Der Blick von der Johanneskapelle hinunter und hinein ins Ennstal ist einzigartig.

Doch jetzt der Ort, der tatsächlich nur ein Örtchen ist, jetzt Pürgg: Autos sind auf einen Parkplatz vor der Ortseinfahrt verbannt. Sie hätten auch wenig Platz, den alles hier ist so winzig, wie man sich das kaum vorstellen kann. Ein Häusergrüppchen, etwas mehr als hundert Einwohner, das ist es auch schon wieder. Eine zweite Kirche gibt es noch, ein wenig größer als das Kapellerl mit seinen Mäuse-Fresken. Natürlich ein Gasthaus, auch eine oder zwei Frühstückspensionen. Ein echtes touristisches Kleinod ist Pürgg. Eines für Menschen, die Stille wollen, deren Tempo die Langsamkeit ist, deren Motto die Versponnenheit. Der Trubel zieht unten im Tal mit dem Reiseverkehr vorbei. Hier heroben ist es ruhig und beschaulich, viel schöner geht die Steiermark gar nicht mehr. Spazierengehen durch Pürgg, das ist Spazierengehen, wie es besser nicht möglich ist. Durch den Ort hindurch, an den wenigen Häusern vorbei, bis ans Ortsende. Dorthin, wo die Johanneskapelle steht, an einem Felsvorsprung. Und dann? Sich hinsetzen, auf das Bankerl vor der Kapelle, und hinunter schauen ins Ennstal, das sich dort unten ausbreitet, als wäre es riesig, als wäre es das ganze Land. Hinüber schauen auf die andere Talseite zum Schloss Trautenfels, nach rechts zum Grimming, diesen monolithischen, kahlen Bergblock. Zufrieden sein und ruhig, ganz ruhig, und wohl auch ein klein wenig glücklich. Und dann hinein zu den Mäusen. Dann geht das Staunen erst richtig los. +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.