Start Editor's Blog Fußball-WM: Die Angst der FIFA vor dem Regenbogen

Fußball-WM: Die Angst der FIFA vor dem Regenbogen

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Gott sei Dank regnet es in Katar für gewöhnlich nicht. Man stelle sich bloß vor – ein kurzer Schauer, und sofort scheint darauf wieder die Sonne: Das gäbe mit Sicherheit einen farbenprächtigen, riesigen Regenbogen. Ein Horror für den Weltfußballverband Fifa, seinen überängstlichen Präsidenten Gianni Infantino und die ganze zittrige Funktionärsriege. Regenbogen! Das ist der Stoff, aus dem lebenslange Traumata sind.

Es ist unglaublich, wie groß die Angst dieser Fifa und ihrer Entscheidungsträger vor einem simplen Regenbogen zu sein scheint. Sonst würden man nicht zulassen, dass den weiblichen walisischen Fans ihre Regenbogenhüte abgenommen wurden, bevor sie ins Stadion dürfen. Und erst im zweiten Match zähneknirschend doch gelassen wurden. Und selbstverständlich würde man den Mannschaftsführern der Top-Fußballnationen nicht mit drastischen Strafen drohen, sollten sie ihre Teams mit einer Regenbogen-Kapitänsbinde aufs Feld führen.

Interessant, woher dieser Horror vor dem Bunten wohl kommen mag. Kann es mit der eindimensionalen, schwarz-weißen Denkweise der katarischen WM-Veranstalter und der von ihrem Geld abhängigen Funktionäre des Weltfußballverbandes zu tun haben? Damit, dass Dritte-Welt-Arbeitskräfte in Katar unter menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen zum Bau der WM-Anlagen gezwungen wurden? Dass die schwerst homophoben Scheichs einen Horror vor allem haben, was anders ist? Kann es die Verlogenheit der Fifa sein, die immer noch behauptet, es sei in Katar eh fast alles in Ordnung – und immer in Ordnung gewesen? Dass das Emirat am Persischen Golf quasi beinahe ein Vorzeigestaat in Sachen Menschenrechte, Gleichberechtigung und Weltoffenheit sei, nur merkt´s komischerweise niemand? Offensichtlich ist: Verhielte sich das tatsächlich so, würden Menschen- und Grundrechte in Katar nicht mit Füßen getreten – warum sollte man das Regenbogen-Zeichen, weltweites Symbol für Gleichstellung und Menschenrechte, dann so fürchten? Diese Furcht ist schlicht eine Manifestation schlechten Gewissens. Bestenfalls.

Zweifellos nimmt das Agieren von Fifa und Kataris Anleihen beim klassischen Vorgehen von Schuldigen, die sich auch schuldig fühlen, es aber unter allen Umständen abstreiten wollen. Diktatoren agieren so, wenn sie ihre Völker unterdrücken. Dort wirkt das natürlich düster und bedrohlich. Bei der Fifa, die sich schon dem Kriegstreiber Wladimir Putin vor vier Jahren an den Hals geworfen hat, wirkt es gerade eimal infantil. Wie passend, dass ihr oberster Chef Infantino heißt. Noch zumindest. Denn mit Dänemark hat bereits eine erste führende Fußballnationen klargemacht, dass man bei dieser seltsamen Institution nicht mehr mitzumachen gedenkt. Andere Länder mit Gesinnung und Rückgrat werden folgen.

Damit ist vielleicht schon bald der Weg an die Fifa-Spitze wieder frei für eine wirklich honorige Persönlichkeit. Eventuell sogar für einen unumstrittenen ehemaligen Fußballer. Louis Figo wäre so ein Name. Oder Gianluigi Buffon. Megan Rapinoe. Lothar Matthäus eher nicht so. Dann könnte jedenfalls der Fußball wieder sein, was er früher war – ein Spiel, unpolitisch, unterhaltsam, toll anzusehen, beliebt auf der ganzen Welt. Die Fußballer könnten wieder das tun, was sie eben können: Fußball spielen. Statt sich um bunte Armbinden kümmern zu müssen. Über der Fifa würde wieder die Sonne strahlen – und wenn es kurz regnet ein Regenbogen leuchten. Der wäre dann aber wieder einfach nur schön. +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.