Start Editor's Blog Vom Ende des Sommers: Einwinterungsfahrt 22

Vom Ende des Sommers: Einwinterungsfahrt 22

115
0

Jedes Jahr wieder, es ist wie ein letzter Gruß aus einer vergangenen Zeit: Ich rattere in Mondsee ein schmucklos grünes Garagentor nach oben, lasse das Soulredsummerfeelingauto nach draußen rollen und starte zu einer finalen Ausfahrt, bevor der Wagen für die kommenden Monate endgültig in seinem finsteren Winterloch verschwindet.

Das ist dann immer ein trauriger Moment, denn mit dem Versperren des Schlosses an der Garage, nachdem sich das kleine rote Auto noch ein bissl herbstlich austoben durfte, befreie ich den Winter aus seinem Verlies. Er nimmt uns alle dann drei, vier Monate lang in seine gnadenlose Geiselhaft der Kälte, des Grauens und des Grauen. Für gewöhnlich habe ich in diesem Moment der finalen Einwinterung des Soulredsummerfeelingautos dann ein paar Tage hinter mir, die das Potenzial besitzen, die Seele zu weiten. Eine Ausflugsfahrt an die Adria zum Beispiel, während der ich aufs Meer schaute ohne Ende. Oder an einen See des Südens, den Gardasee etwa. Jedenfalls handelt es sich bei diesen Einwinterungsfahrten immer um Trips dorthin, wo mehr Licht und mehr Wärme regieren als bei uns um diese Jahreszeit. Eine schöne Tradition – ich pflege sie mit Zärtlichkeit, seit sich das Soulredsummerfeelingauto in meinem Besitz befindet.

Doch heuer, heuer ist alles anders. Zum einen hat sich mein Winterfahrzeug, ein spießiger Altherren-Ford, von meinem tatsächlichen alten Herren übernommen, in die endgültige Auszeit vertschüsst, ins Nirwana eines bäuerlichen Auto-Gnadenhofes auf irgendeiner Alm nördlich von Graz, wo es keine behördliche Zulassung mehr zum Fahren mit letzter Kraft braucht. Der Wagen war mit seinen 13 Jahren einfach reif für das Ausgedinge. Und ich, entschlussschwach wie ein Kaninchen vor der Schlange, konnte mich selbstverständlich noch nicht zur Anschaffung eines neuen Winterautos durchringen. Zu viele Fragen sind da offen: Elektro? Aber wo dann im städtischen Grazer Winterzuhause halbwegs bequem laden? Wieder SUV? Doch warum der Umwelt das noch einmal antun? Neu oder gebraucht? Schwarz, die einzig gültige Farbe für Autos, zu der nur das Soulredsummerfeelingauto eine Ausnahmegenehmigung besitzt? Oder in der ohnehin finsteren Jahreszeit doch wieder was Bunteres, Helleres, Freundlicheres? Außerdem, ganz grundsätzlich, man ist ja arm wie eine Kirchenmaus: Woher das Geld nehmen?

Mit anderen Worten: Heuer ist es noch nichts mit dem Einwintern des Soulredsummerfeelingautos. Doch eine Einwinterungsfahrt braucht es trotzdem, weil ja: Tradition.

Außerdem sind der Oktober – und, so wollen wir´s hoffen, auch ein guter Teil des kommenden Novembers – heuer von so makelloser Schönheit und schnuckeliger Wärme, dass es eine Sünde wäre, unter fest verschlossenen Dächern die nach wie vor  spätsommerlichen Herbststraßen zu befahren, die von Frühwinter Gott sei Dank vorderhand wissen wollen. Nicht wenn man diese Dächer, so wie ich, auch öffnen kann. Der kleine Mazda wird also bis auf weiteres im Dienst bleiben und ich meinen zunehmend expandierenden Kadaver durch die kleine Einstiegsluke hinein zwängen – und danach auch wieder heraus quetschen.

Einwinterungsfahrt 22 also, doch diesmal anders. Nicht in den Süden, nicht ins Wärmere, weil das Wärmere heuer ja selbst im Oktober noch bei uns wohnt. Aber ein Gewässer braucht es. Also starte ich diesmal vom Winterzuhause, in Graz. Da kommt die Blue Grape ins Spiel. Sie wissen schon, die Blue Grape, die Blaue Traube, benannt nach dem alten Dorfgasthof meines vor einem guten halben Jahrhhundert verstorbenen Mondseer Großvaters. Sie können die ganze Geschichte nachlesen, indem Sie hier klicken. Mein Segelboot, diese kleine Glücksinsel des Sommers, sie muss aus dem Mondseewasser gehoben, zugedeckt, sicher an Land verstaut, kurz: eingewintert werden.

Also fuhr ich mit dem Soulredsummerfeelingauto aus der Steiermark in die Mondseer allerletzte Ecke des Oberösterreichischen und gönnte ihm die famose Aussicht der Landstraßen des Ausseerlandes. Dort mitten drin, oben am Pötschenpass, stotterte das Soulredsummerfeelingauto ein wenig. Wohl weil es fürchtete, in sein finsteres Wintergrab hinter dem grünen Garagentor transportiert zu werden. Brauchst eh keine Angst haben, flüsterte ich dem kleinen Mazda unterwegs in sein Armaturenbrett hinein, heuer darfst du weiterfahren, vielleicht sogar durch den ganzen Winter, wir werden sehen. Augenblicklich versiegte das das kleine Ruckeln und Zuckeln, der Wagen nahm sofort wieder sauber Gas an. Ich konnte spüren, das Soulredsummerfeelingauto war beruhigt. Es würde dieses Jahr ein guter Winter werden für das tapfere kleine Cabrio, dessen Farbe, ein dunkelwarmes, tiefes Rot, sein fernöstlicher Hersteller tatsächlich Soul Red getauft hat. Ein für die technoiden Japaner erstaunlicher Akt der Empathie.

Wir schwenkten schließlich im Mondseer Ortsteil Schwarzindien in die Einfahrt des Segelclubs ein. Ich spazierte auf den Steg hinaus, schwang mich mit einem eleganten, fließenden Schlenkerer, den Uneingeweihte meinen ordentlich jenseits des Hunderters liegenden Kilo wohl nie zutrauen würden, am Vorstag an Deck der Blue Grape. Ich begann mit den Abbauarbeiten, was bei Segelbooten kein Schmutz ist.

Nur falls Sie sich nicht so auskennen: Hilfsmotor und Halterung abbauen und verstauen, Segel abnehmen, dazu die Schoten und Fallen und das ganze Stehende und Laufende Gut bergen, am Mast befestigen, Segel trocknen und falten, Lazybag abbauen, Reling umlegen, Batterie abschließen, Schiff zur Krananlage bugsieren, Mast legen, Stage und Wanten schlichten, Mast über dem Deck befestigen, an Bug und Heckkorb verzurren, Hafentrailer holen und unter den Kran schieben, Gurte unter dem Rumpf der Blue Grape durchziehen, alles ausbalancieren, dann Schiff aus dem Wasser, Schiff über Wasser und Land drehen, unten alles abspritzen, das ganze Muschel- und Pockenzeugs verschwinden lassen, das sich über den Sommer angesaugt hat, Schiff auf den Trailer setzen, die gut eineinhalb Tonnen an ihren Winterplatz schieben, von Hand natürlich, man ist ja kein Weichei, per Leiter außen hinaufsteigen in luftige Höhen, über Deck und Mast und Rest die Winterplane befestigen, und so weiter. Ein halber Tag Arbeit, mindestens. Ein ganzer für einen, der ein Master of Ungeschick ist – also für mich.

Ich hatte glücklicherweise den Mondseer Einheimischen W zur Unterstützung, er ist im famosen Segelclub Schwarzindien die Hilfsbereitschaft in Person, danke! Trotzdem bleibt: Irgendwas verklemmt sich immer, irgendein Werkzeug fehlt immer, irgendwo reißt du dir immer die Haut auf, irgendwann fluchst du immer kräftig vor dich hin und beschimpfst den Winter, diesen unnötigen Gesellen.

Du Saukerl, du!, fluchte ich dem Winter zu, als ich mir an einem Splint die Haut aufriss, weil das passende Werkzeug zum Öffnen zu Hause vergessen worden war und sich was verklemmt hatte.

Als Reminiszenz an vergangene Sommermonate  ließ ich jedenfalls das riesige Transparent, auf dem in großen Lettern “Dreikläuseteam” stand, am Rumpf der Blue Grape kleben. Es hatte im September Kunde von der Besatzung getan, welche die Abschluss-Clubregatta in Angriff genommen und so furios performt hatte, dass das Ziel schon weggeräumt war, als die Kläuse Nummer 1 bis 3 schließlich dort einschwappen wollten. Kein großes Malheur, möchte ich anmerken, denn mit der Verspätung hatten wir auch die eine oder andere Flasche guten Alkohols aufgerissen, die vorsorglich an Bord gebracht worden war. Wir hatten also durchaus Spaß, aber das ist eine andere Geschichte. Ich werde die Folie erst im Frühjahr abziehen, wenn ein neues, unverbrauchtes Jahr kommender Sommersegelglücksmomente in seine frische Jugend startet.

Fakt ist: Die Einwinterungsfahrt 22 ist beendet, die Blue Grape ruht auf ihrem Hafentrailer, sie darf sich gesichert und planenbedeckt durch den Winter schnarchen. Hingegen darf sich das Soulredsummerfeelingauto – erstmals, seit es sich in meiner Obhut befindet – auch nach der Einwinterungsfahrt noch auf weitere schöne herbstliche Ausfahren freuen. Es kann doch noch ein guter Winter werden, heuer. +++

Vorheriger ArtikelUnsinn: Was der Staat bei der Kinderbetreuung falsch macht
Nächster ArtikelKnochenarbeit am Sonntag: Fritz komponiert eine Grundsauce
Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.