Start People Lohnverhandler Christian Knill: Boxer mit Samthandschuhen

Lohnverhandler Christian Knill: Boxer mit Samthandschuhen

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Christian Knill, gemeinsam mit Bruder Georg Chef der steirischen Knill Gruppe, steht auf seiten der Arbeitgeber hinter dem Lohnverhandlungs-Team.

Es ist wieder losgegangen – das ruppige Ritual der Metaller-Lohnverhandlungen. Stratege hinter den Kulissen auf Arbeitgeberseite ist seit einigen Jahren Christian Knill, ein Maschinenbauer aus Weiz. such*stuff porträtiert den erfolgreichen Manager hinter den Kulissen.

Komponenten für Stromleitungen? Maschinen für Batteriebau und Kabelproduktion? So, wie das Gelände der Knill-Gruppe aussieht, stellt man sich eine Fabrik nicht vor, in der diese Dinge produziert werden. So kommen eher Gutshöfe daher: von pittoresken Parklandschaften ummantelt, von alten Bäumen beschattet, Blumenhecken, Herrenhäuser und so weiter. Aber so sieht der Hauptsitz der mittelständischen Unternehmensgruppe in Familienbesitz im steirischen Weiz nordöstlich der Landeshauptstadt Graz eben aus – viel altes Gemäuer, stilsicher ins neue Jahrtausend geholt.

In einem der renovierten Gebäude hat Firmenchef Christian Knill sein Büro. Er residiert auf vornehm knarzenden Holzböden, zwischen altem Stein und neuem Glas. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg führt er das Unternehmen, das in der Kleinstadt Weiz einerseits eben Maschinen herstellt und andererseits Verbindungsstücke, die Stromleitungen an Masten klammern. Seit 1712 gibt es das Unternehmen schon, der Umsatz bewegt sich in dreistelliger Millionenhöhe, über 2.000 Mitarbeiter an 31 Standorten in 16 Ländern werden beschäftigt.

In der Weizer Zentrale im oststeirischen Hügelland ist von der kosmopolitisch angelegten Produktions- und Vertriebsarchitektur aber wenig zu spüren, alles wirkt sehr beschaulich. Irgendwie agiert die Firmengruppe der Brüder Knill ein wenig unter dem Radar der wirtschaftsaffinen Öffentlichkeit – und lebt durchaus sehr erfolgreich damit.

 KV-Verhandlungen: Bohren dicker Bretter 

Einmal im Jahr ist aber alles anders. Dann stehen, so wie jetzt gerade wieder, die Metaller- Lohnverhandlungen an. Und Christian Knill muss den Schritt ins Scheinwerferlicht der Medien machen, weil er auch Chef jenes Wirtschaftskammer-Fachverbands ist, der nicht nur 1.200 Unternehmen mit rund 125.000 Mitarbeitern repräsentiert, sondern mit seinem Kollektivvertrags-Abschluss auch den Takt für die folgenden Verhandlungen aller andern Fachverbände vorgibt.

Ganz, so hat man den Eindruck, behagt ihm das kämpferische Element nicht, das dann gefragt ist. Knill wirkt eher besonnen und strukturiert, mehr wie ein Mann des leisen Momentums. Eigentlich tritt der am Beginn seiner 50er-Jahre stehende Mann fast zu ruhig und überlegt auf, um als Bestandteil des zumeist ruppigen Lohnverhandlungs-Rituals durchzugehen, das jedes Jahr nach der Sommerpause neu beginnt, und das vor allem von der Gewerkschaft gerne mit Kampfparolen und Klassenkampf -Slogans befeuert wird.

Erst recht heuer, mitten in der Krise, mitten in der Periode einer Rekordinflation. 10,6 Prozent, nicht mehr und nicht weniger, wollen die Gewerkschafter. 4,1 Prozent, ebenfalls nicht mehr und nicht weniger, bieten die Arbeitgeber. “Eine Provokation”, tönt es aus der Gewerkschaft. Knill sagt dazu, zumindest vor den Kulissen, lieber nichts bis wenig. Man darf gespannt sein, wie das ringen weitergeht.

Auch wenn das Laute Knills Sache womöglich nicht ist, als Stratege dürfte er trotzdem ein durchaus harter Durchsetzer von Interessen sein. Wegen dieser Kombination der Eigenschaften agiert er wohl auch nicht als Chefverhandler, sondern ist Sprecher und Entscheidungsträger der Arbeitgeberseite so halb hinter den Kulissen. Direkt am Verhandlungstisch sitzen eine Gruppe Kammer- und Unternehmensvertreter, die von Knill im Hintergrund gelenkt werden, seine Frontsoldaten sozusagen.

 Ritual mit Änderungsbedarf 

Er selbst würde das jährliche Ritual der Verhandlungen lieber durch eine moderatere Vorgehensweise ersetzen -zum Beispiel einen Automatismus, der an die Inflationsrate gekoppelt ist. Die anderen kollektivvertraglichen Themen könne man sicher auch lösen, ohne jeden Herbst aufs Neue in den Ring steigen zu müssen, glaubt Knill. “Aber letztendlich geht es der Gewerkschaft um das mediale Interesse, damit sie Mitgliederwerbung betreiben kann”, sagt er achselzuckend. Kein Zweifel – hätten die Gewerkschaftsbosse Knill Vorschlag, der schon einige Jahre alt ist, akzeptiert, würden sie heuer sehr gut damit fahren.

In der Industrie hat es Tradition, Dinge lieber im stillen Kämmerchen zu bereden statt sie medial auszubreiten. “Wir bräuchten dieses Tamtam gar nicht”, bedauert Knill. Die Verhandlungspartner schon, Gewerkschaften gehen für gewöhnlich eben anders vor. Also nimmt Knill, der als Boxer vielleicht gar keine schlechte Figur machen würde, obwohl ihm Samthandschuhe besser stehen, “den ganzen Zirkus” eben in Kauf. Sein Fachverband müsse nur darauf achten, sagt er, dass neben prozentuellen Lohnsteigerungen Themen wie flexible Produktionszeiten und gut ausgebildete Arbeitnehmer eine Rolle spielen.

Christian (l.) und Georg (r.) Knill, das möglicherweise mächtigste Brüderpaar in Österreichs Industrie.

 Die mächtigen Knills 

Klar ist, die Knill-Brüder, so leise sie auch auftreten mögen, bündeln ein gerüttelt Maß an strategischer Macht in ihren Händen. Knill sitzt als Obmann an der Spitze des WKO-Fachverbandes der Metaller, sein Bruder Georg ist Präsident der Industriellenvereinigung. Mehr geht fast nicht mehr.

Und privat? Knill mag Fußball, in seinem Büro hängt das Bild jener Liverpool-Mannschaft, die 2014 gegen Manchester United auswärts 3 zu 0 gewonnen hat, er war als Fan vor Ort. Knill ist verheiratet und hat vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Die werden in den kommenden Wiener KV-Verhandlungswochen wohl weniger als sonst vom Vater zu sehen bekommen. +++

P.S. Das Porträt entstand im Jahr 2016 kurz vor dem Start der damaligen Metaller-Lohn Verhandlungen, wurde ursprünglich für das Wirtschaftsmagazin “trend” geschrieben und jetzt an den Stand der Zeit adaptiert.

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.