Start Editor's Blog So finster die Zukunft: Kommt der Dritte Weltkrieg?

So finster die Zukunft: Kommt der Dritte Weltkrieg?

430
0

In seinem such*stuff Interview, das Sie unter diesem Link nachlesen können, erzählt Kollege und Außenpolitik-Journalist Otmar Lahodynsky von einem Gespräch, das er mit dem früheren ÖVP-Chef Erhard Busek kurz vor dessen Tod führte. Busek habe ihm mit Tränen in den Augen von seiner Befürchtung berichtet, die Welt könnte sich am Rande eines neuen Weltkrieges befinden. So weit hergeholt ist das nun, einige Monate später und nach einem Dreivierteljahr Krieg in der Ukraine, nicht mehr. Nehmen wir einfach einmal das folgende düstere Szenario an:

In der Ukraine kommen die Russen nicht mehr ernsthaft voran, mehr als Terror-Bombardements aus der Ferne sind ihnen kaum noch möglich. Mit weiterer westlicher Unterstützung werden aber auch die ihren Schrecken im Laufe der Zeit verlieren, Russland wird wohl deutlicher als bisher auf die Verliererstraße abbiegen. Putins Kriegsziele sind unerreichbar geworden. Einen Rückzieher zu machen, den Krieg zu beenden, eroberte Gebiete freiwillig aufzugeben, die Krim inklusive – das ist dem Kreml-Chef aber unmöglich. Viel zu sehr hat er sich in eine Sackgasse manövriert. Seine einzige Chance auf zumindest eine Art von Sieg: der Einsatz taktischer Atomwaffen.

Kleine Atombomben auf Kiew, andere größere Städte, ukrainische Armeeteile? Dann bleibt offen, wie die NATO reagieren würde – erst recht, wenn radioaktive Fallouts ihr Territorium heimsuchen und auch dort Menschenleben kosten. Es gibt für diesen Fall mit Sicherheit weitreichende Planungen. Eine militärische Antwort wäre wohl unausweichlich. Ein ehemaliger NATO-General hat schon die Vernichtung der russischen Schwarzmeerflotte und militärischer Abschusseinrichtungen im Westen Russlands in Aussicht gestellt.

Eine nie gekannte Eskalation. Und ob Putin dann noch zögern würde, auch strategische Atomwaffen einzusetzen, weiß vermutlich niemand.

Parallel mehren sich die Anzeichen, dass im Windschatten der in der Ukraine gebundenen weltweiten Aufmerksamkeit China ernsthaft damit beginnt, eine Rückeroberung Taiwans vorzubereiten. US-Militärwissenschafter evaluieren schon öffentlich Szenarien von See-Luft-Blockaden Taiwans durch China – mit verheerenden Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Dazu könnten US-Stützpunkte in Japan und auf Guam präventiv attackiert werden. Die USA und ihre Verbündeten müssten eingreifen und dort einen erheblichen Teil ihrer internationalen Kapazitäten binden. Die NATO, die auf europäischem Boden Russland bekämpft und im Fernen Osten gemeinsam mit Japan China – das wäre bereits ein veritabler Weltkonflikt. Und wie der ausgehen würde, ist offen. Zweifellos würde sich eine Achse Russland-China bilden, reich an Rohstoffen, arm an technologischen Fertigkeiten, sie zu verarbeiten. Auch dem Westen würde viel an Material ausgehen. Und die Weltwirtschaft würde völlig zusammenbrechen. Ein Abnützungskrieg nie gekannten Ausmaßes mit unvorstellbaren Auswirkungen würde entstehen.

Bis dann irgendwer auf die Idee kommt, dass es jetzt eigentlich ohnehin schon egal ist, und auf den ganz großen Abschussknopf drückt. Vermutlich Putin, falls er dann noch lebt. Aber stellen wir uns doch zum Beispiel nur einmal vor: In den USA wird im November 2024 – mitten in diversen internationalen Kriegen, in die das Land verwickelt ist – noch einmal Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Dann gute Nacht, Welt.

Alternativszenarien, in denen alles noch einmal gut ausgeht?

Nun ja, nehmen wir an, in Russland regt sich im postkommunistischen Establishment doch noch Widerstand, der stark genug ist, Putin auszuschalten. Oder der Machthaber im Kreml stirbt rechtzeitig eines natürlichen Todes. Eine neue Führung könnte dessen Angriffskrieg rückgängig machen, inklusive Krim-Rückgabe. Ein geschwächtes Russland, das sich mit dem Westen aussöhnen müsste, wäre die Folge. Und gibt es den Ukraine-Konflikt nicht mehr, der jetzt schon erhebliche Kapazitäten von NATO und EU bindet, würde man wohl auch in China dreimal nachdenken, ob man Taiwan nicht doch lieber einfach Taiwan sein lassen sollte.

Die Chancen auf Eintreffen des einen oder des anderen Szenarios abzuschätzen, ist schwierig. Sagen wir einfach einmal 50:50. Das ist vermutlich leider ohnehin schon optimistisch genug. Oder es kommt überhaupt alles ganz anders. +++

Vorheriger ArtikelDer beste Weg aus der Stagflation: Strukturreformen
Nächster ArtikelWild Fritz reloaded: Ragout vom Hirschkalb mit Semmelknödel
Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.