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Städteporträt: Besuch beim Galway Girl

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Der Long Walk mit seinen bunten Häusern, hier von Nimmo´s Pier betrachtet, ist Galway Signature Road. Auch Ed Sheerans Songvideo zu "Galway Girl" wurde zum Teil hier gedreht.

Galway – Irlands wilde, charmante, bunte, durchgeknallte, insgesamt jedenfalls wunderbare Westküstenstadt ist immer noch ein echter touristischer Geheimtipp. Um jede Ecke warten Musik und Abenteuer. 2020 war Galway mit Rijeka europäische Kulturmetropole. Ein Lokalaugenschein zwei Jahre später.

Über Galway erzählen? Warum nicht mit einer kleinen, wahren Geschichte beginnen:

Monroe´s Tavern, ein Touristenpub am Eingang zum Evil West End, Galways viel frequentiertem Pub- und Vergnügungsviertel. Der Barkeeper hat Pause, er steht zum Rauchen vor der Türe. Es regnet, eine Frau im Trenchcoat stöckelt den Gehsteig entlang. Dem Barkeeper fängt die Zigarette im Mund zu tanzen an, aufgeregt malt er mit der Hand einen Halbkreis in die Luft, als wolle er dem Mitraucher neben ihm sagen: Jetzt werde ich dir gleich die ganz große, endgültige Geschichte erzählen.

“Weißt du, wer das war?”, entfährt es ihm, und sein Nachbar dreht sparsam den Kopf hin und her.

“Das war das Galway Girl”, sagt der Barkeeper, “das echte Galway Girl, die Frau, für die Steve Earle den Song geschrieben hat!”

Das braucht eine Erklärung. Denn bis zu uns nach Mitteleuropa hat es das Lied “The Galway Girl” nie so richtig geschafft. Nur im Film “P.S. I love you”, in dem Gerard Butler damit Hillary Swank anschmachtet, kam es zu seinen fünf Minuten Weltruhm. Doch in Irland lieben die Menschen den Song, vergöttern ihn, und in Galway ist er Kult. Kein Wunder, dass der Barkeeper vor Aufregung zitterte, als genau jene Frau vor seinem Lokal auftauchte, die den verliebten Folk-Sänger Steve Earle zur Komposition inspiriert hatte. Sie heißt übrigens Joyce Redmond, stammt von der irischen Ostküste und lebt schon lange in Galway.

Bunt wie ein Kaleidoskop: Galways Einkaufsstraßen, die Shop Street und die Quay Street, sind prallem Straßenleben gefüllt.

Galway also – die wunderbare, vielseitige, charmante und wohl auch ein wenig durchgeknallte, dennoch seriöse Studenten- und Business-Stadt an Irlands wilder Westküste. 2020 war man gemeinsam mit Rijeka europäische Kulturhauptstadt. Galway ist bunt – so bunt, wie eine Stadt nur sein kann, ein Kaleidoskop aus Kuriositäten und Attraktionen.

 Reiher, Schwäne, Festivals 

Da gibt – oder besser gesagt: gab es einmal – zum Beispiel Bertie, den halbzahmen Fischreiher, der ab und zu am Long Walk landete, der Uferpromenade des Flusses Corrib, Türklinken anstarrte, Touristen als Fotomotiv diente und auf Fütterung wartete. Oder darauf, dass der nächste Lunch (Fish without Chips) vorbei schwimmt. Bis zu einer eigenen Facebook-Seite hatte das schrullige Tier es gebracht. Eines Tages allerdings ist Bertie verschwunden und nie mehr aufgetaucht, seine Facebook-Seite existiert immer noch. Fast 60 Menschen aus der halben Welt sind nach wie vor mit dem Reiher befreundet.

Stadt der Festivals: Vor allem das Galway Arts Festival mit seiner großen “Macnas Parade” ist jedes Jahr im Sommer ein versponnener, wunderbarer Magnet für Besucher.

Es gibt die in Hundertschaften herum paddelnden Claddagh-Schwäne, denen die Legende eine besondere Herkunft nachsagt. Es gibt die Galway Races – Pferderennen, die den Wettkämpfen im britischen Ascot kaum nachstehen. Einmal im Jahr, jeweils im Juli, protzt die prachtvolle “Macnas Parade” mit schillernden Kostümen, bizzarren Figuren und feiner Straßenkunst, die halbe Stadt feiert mit und paradiert durch die City. Es gibt den “Galway Hooker”, jenes sehr spezielle Boot mit rostbraunen Segeln, nach dem eine Biersorte benannt ist, das weltweit nur in der Galway Bay gesegelt wird und von dem ein Exemplar sogar im Stadtmuseum ausgestellt ist. Es gibt unzählige Festivals, vom “Arts Festival” über das Literaturfestival “Cúirt” bis zum Filmfestival “Fleadh”. 127 solche Feierlichkeiten gehen allein heuer in und um die Stadt über die Bühne, rechnet Bridgette Brew, Tourismusdirektorin von Galway, stolz vor. Vor allem Kulinarik ist ein großes Festival-Thema.

Der Galway Hooker mit seinen schwarzen Segeln wird nur in der Galway Bay gesegelt.

2,7 Millionen Fremde kommen pro Jahr, um sich das bunte Treiben anzusehen ­– eine Million Iren und 1,7 Millionen internationale Gäste. Im Sommer wirken Shop Street, Quay Street, High Street, Eyre Square und der Long Walk, die Flaniermeilen der Stadt, wie in ein Ameisenmeer getaucht. Die typisch irischen Auslagen der vielen Läden in der Altstadt, die sich mit nicht weniger pittoresken Pub-Fassaden abwechseln, rahmen rechts und links die vielen Touristen, die gemeinsam mit Straßensängern, Studenten der lokalen Uni und geschäftigen Einheimischen durch die Straßen drängen. Alles mixt sich zu einem pulsierenden Wirrwarr, vor allem im Sommer ist die ganze Galwayer City ein aufgeregtes und aufregendes Durcheinander. Omnipräsent ist Straßenkunst: Celtic Bands spielen an jeder Straßenecke, Pantomimen, Jongleure und Aktionskünstler aller Art zeigen den Passanten engagiert und gerne, was sie können. Eine bunte Wunderwelt der Lebensfreude.

“Sparching”: Auch die Möwen sitzen mit Vorliebe beim Spanish Arch und schauen dem Corrib, dem kürzesten Fluss Europas, beim Fließen in die Galway Bay zu.

 Sparching und Prom Walking 

Von der lieblichen Weichheit südlicher Touristenziele findet man in Galway wenig, die Stadt verfügt über eine ordentliche keltische Robustheit. Doch ein leicht tändelnder Einschlag, von Eroberern und Händlern im Laufe der Zeit hierher gebracht, ist trotzdem vorhanden. Der Spanish Arch zum Beispiel, Teil einer alten Befestigungsanlage, erzählt davon: An seinem Vorplatz auf den Pflasterquadern des Kais zu sitzen, mit den Füßen über dessen Mauer zu schlenkern und dem Corrib beim Fließen in die Galway Bay zuzusehen, ist beliebte Beschäftigung von Einheimischen und Besuchern. Sie hat sogar einen eigenen Namen: “Sparching”. Galwayer Familien wiederum ist “Prom Walking”, ein Spaziergang an der Meerespromenade des Außenbezirks Salthill, liebster Sonntags-Zeitvertreib.

Wie überall in Irland ist Pubmusik auch in Galway allgegenwärtig – und auch auf den Straßen wird an jeder Ecke gespielt und gesungen.

Doch eigentlich und vor allem ist Galway Musik – ein Zentrum des Irish Trad, traditionell irischer Musik, zu der die Iren “Ceoil” sagen, sprich: “kjool”. Die Stadt geht über vor Celtic Bands und Hobbymusikern mit durchaus professionellem Können. In jedem Pub wird Hausmusik gemacht, die Iren betrachten Bar-Theken und deren Rundherum ohnehin geflissentlich als zweites Wohnzimmer. Und das finstere Guinness-Bier, das sich honiggleich wie süßer Saft an den Gaumen schmiegt, fließt zu den Klängen von Fiddle und Tin Whistle in Strömen.

Mittlerweile kommt auch moderne Musik nicht zu kurz. In der Bar Róisín Dubh im West End etwa haben Rockgrößen aus der halben Welt zu Beginn ihrer Karrieren aufgespielt. Und auch Steve Earles Folk-Song Galway Girl bekam jüngst einen modernen Bruder zur Seite gestellt: Superstar Ed Sheeran schrieb ein neues Lied mit diesem Titel, das auf Anhieb zum Welthit wurde. Das Video mit dem irischen Nachwuchs-Shootingstar Saoirse Ronan als Galway Girl wurde teils vor Ort in Galway gedreht. Man erkennt die kleinen, bunten Häuser des Long Walk prominent in der Schlusseinstellung. Da hätte Fischreiher Bertie bei den Dreharbeiten wohl etwas zum Staunen gehabt, wäre er anwesend gewesen. +++


Galwayer Kuriositäten

Schwäne: Die jungen Männer aus dem früheren Lehmhüttenviertel “The Claddagh” wurden stets als Kanonenfutter zur britischen Armee eingezogen, starben in der Fremde. Ihre Seelen sollen in den Schwänen weiterleben, die heute den Corrib-Kai des Claddagh-Viertels bevölkern.

Claddagh-Ring: Nur Silberschmiede in Galway fertigen ihn an. Er besteht aus einem von zwei Händen gehaltenen Herz. Mit dessen Spitze von der Trägerin weg zeigend angesteckt bedeutet er, sie ist auf der Suche nach einem Bräutigam. Zeigt das Herz nach innen, heißt das, sie ist vergeben.

Lachsfischen: Jedes Jahr verwandelt sich die Salmon-Weir-Brücke für ein, zwei Wochen in eine Freilufttribüne: Ziehen die Lachse zum Laichen den Corrib flussaufwärts, stehen Fischer im Wasser und machen Jagd auf sie. Auf der Brücke sammeln sich dann die Zuseher: großes Spektakel.


 

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.