Start People Chefsatiriker und “Tagespresse”-Gründer: Fritz Jergitsch im Porträt

Chefsatiriker und “Tagespresse”-Gründer: Fritz Jergitsch im Porträt

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Talntierter Satiriker, guter Geschäftsmann, erfolgreicher Mediengründer: Fritz Jergitsch, Chef der "Tagespresse".

Wie Fritz Jergitsch vom Politik-Studenten zum Chef-Politsatiriker des Landes wurde.

2013, als Fritz Jergitsch noch einfacher Student der Politischen Ökonomie war, begab er sich auf Besichtigungstour durchs Internet. Wie, so lautete die Frage ungefähr, sieht moderne politische Satire aus, wie funktioniert sie, was kann sie und vor allem: Wie wird sie gemacht? Jergitsch fand heraus: Gut gemachte Satiremagazine im Web werden gelesen. Also erfand er kurzerhand eine österreichische Version: die “Tagespresse”. Und siehe da: Die Sache brummte von Anfang an.

Einfaches Rezept, aber durchschlagskräftig: Jergitsch simuliert journalistisches Schreiben und mixt es mit skurrilen Ideen.

Jergitschs Rezept ist einfach, aber durchschlagskräftig – er imitiert den Nachrichtenstil, den Tageszeitungsjournalisten üblicherweise verwenden, simuliert ihre nüchterne Sprache, und bastelt damit fiktive Meldungen zu echten politischen Vorgängen, die jedoch in schräge Versionen der Realität weitergedreht werden. So erfindet er etwa die Meldung, dass die FPÖ Winnetou in die Bundeshymne aufnehmen möchte. Oder der Wiener Bürgermeister Ludwig zur Lösung der Probleme der Energie Wien ein Telefonat mit dem Duracell-Hasen führt. Die Leute lieben Jergitschs zumeist lechtfüßiges Satirespiel mit dem, was in im wirklichen Leben passiert, und seiner Verzerrung ins Skurrile. Von Bundeskanzler Nehammer ist da zum Beispiel die Rede, der die finnische Botschafterin einbestellt, weil er nicht zur Party von Premierministerin Sanna Marin eingeladen war, in der sie abtanzte, was zum Social-Media-Hit wurde. Höhepunkte sind aber immer jene Tagespresse-Meldungen, die, so skurril sie auch sein mögen, eine Unterscheidung zwischen satirischer Fiktion und realem Politiker-Verhalten erst auf den zweiten oder dritten Blick möglich machen. Etwa die Meldung von Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka, der mit den Worten “Das ist meine Pflicht” beabsichtige, Untersuchungsausschuss-Ermittlungen gegen seine Person selbst zu leiten.

Heilig ist Jergitsch dabei wenig. Da geben auch Corona-Tote, die nach Ende der Quarantäne-Verpflichtung “wieder ins Büro” müssen, eine Schenkelklopfer-Meldung her. Oder die Nachricht von Hitlers verschollenem Hoden, der als rechter Kandidat zur bevorstehenden Hofburg-Wahl antritt. Nicht immer treffen die Texte punktgenau den guten Geschmack, satirisch hochwertig sind sie allemal. Und das Publikum verzeiht dem Autorenteam um Jergitsch den einen oder anderen geschmacklichen Ausrutscher ebenso wie immer wieder einmal vorkommende kleine handwerkliche Mängel beim Imitieren des professionellen journalistischen Sprachgebrauchs.

Längst hat Jergitsch sein Repertoire von der Politik auf andere Metiers ausgeweitet. Sport, Kultur, Lokales – alles wird durch den Kakao gezogen. Stets jedoch ist die Tagespresse aktuell, böse, bissig – und erfolgreich. Rund 10.000 Abonnenten lassen sich mit der Online-Satire inzwischen täglich versorgen, die monatliche Fluktuation liegt bei einem Prozent, ein internationaler Spitzenwert. Das spült viel Geld in die Tagespresse-Kasse, die längst als GmbH organisiert ist und an der alles zusammen inzwischen sieben Menschen regelmäßig mitarbeiten.

Analog, also als Printmagazin, wäre dieser ökonomische Erfolg kaum möglich, würde das Satire-Format wohl in dieser Form gar nicht funktionieren. Selbst international eingesessene Print-Satiretitel kämpfen ums Überleben. Jergitsch ist aber nicht nur geschickter Satiriker, sondern auch ein talentierter Geschäftsmann. Das Paywall-Modell der Tagespresse hat er sich von der New York Times abgeschaut. Einmal im Jahr gibt er ein Buch mit den besten Meldungen heraus. Auf der Tagespresse-Website hat er einen florierenden Onlineshop mit allerlei Devotionalien eingerichtet.

“Die Idee ist richtig explodiert”, freut er sich und plant für die Zukunft. Neue Fromate will er entwickeln und dabei im Auge haben, wie seriöser Journalismus als Satire funktionieren kann. KI wird womöglich eine Rolle spielen, also Künstliche Intelligenz und Algorithmen, die Teile des Schreibens übernehmen. Kabarrett hingegen will er nicht machen. “Habe ich probiert, aber ich bin keine Rampensau”, sagt er. Außerdem benötige die Tagespresse alle Zeit der Welt. Zumindest im Wiener Rabenhoftheater wird es Jergitsch aber auf der Bühne geben, am 23. Februar startet die dritte Tagespresse-Bühnenshow. Worum es geht? Um “einen satirischen Streifzug durch die Geschichte der Welt im Allgemeinen und eine kurze Geschichte der Österreichheit im Speziellen”, kündigt das Rabenhoftheater an. +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.