Start Siegls Senf Inflation: Warum nicht reagieren wie in einer Marktwirtschaft?

Inflation: Warum nicht reagieren wie in einer Marktwirtschaft?

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Die deutschen Erzeugerpreise sind im August gegenüber dem Vorjahr um 45,8 Prozent gestiegen. Die hohen Energiekosten haben einen Schub bewirkt, wie er in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nie aufgetreten ist. „Ein unfassbarer Preishammer“, kommentierte der Chefvolkswirt der Landesbank für Baden-Württemberg den unerwarteten Anstieg.

Eines machen diese Zahlen klar: Die Inflation wird nicht so schnell verschwinden. Die astronomischen Strom- und Gaspreise an den Börsen sind meist Futures, in denen die Mengen des nächsten Jahres gehandelt werden. Das ist noch gar nicht zur Gänze in den Verbraucherpreisen angekommen. Als Nächstes kommen die zu erwartenden heftigen Lohnerhöhungen, die die Preise weiter nach oben treiben werden und Inflationsraten im zweistelligen Bereich erwarten lassen.

Man kann schon die Rufe nach noch mehr und noch höheren Staatshilfen hören, die an Lautstärke und Hysterie weiter zunehmen werden. Motto: Nach uns die Sintflut, aber jetzt wollen wir es weiter gemütlich haben. Sollen halt die nächsten Generationen zahlen.

Warum reagieren wir nicht wie in einer Marktwirtschaft? Der Preisschub wurde von einem einzigen Energielieferanten ausgelöst. Er wurde unzuverlässig und hat die Preise nach oben getrieben. In einer Marktwirtschaft ersetzt man ihn. Im konkreten Fall geht das natürlich nicht von heute auf morgen, auch nicht von heute bis zum nächsten Jahr. Wollen wir aber wirklich riskieren, im nächsten Herbst vor einer ähnlichen Situation zu stehen – nur mit fast leeren Gasspeichern?

Wo sind also die Eilverfahren für alle geplanten Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie? Stattdessen beschäftigen wir uns weiter mit Einsprüchen von Alpenvereinen, die ein Wasserkraftwerk im Kaunertal verhindern wollen. Mit dem Argument, dieses sei klimaschädlich. Echt jetzt?

Wo sind die großen Ausbaupläne für die Netzinfrastruktur, damit nicht die nächsten PV-Anlagen bereits keine Einspeisverträge mehr erhalten, weil das Stromnetz oder lokale Transformatoren zu schwach sind?  Wo sind die massiven Anstrengungen des Staates, alle öffentlichen Gebäude in den nächsten Jahren mit Vollwärmeschutz auszustatten? Wo sind die entsprechenden unbürokratischen Förderungen für Private? Aus einem Altbau muss nicht gleich ein Niedrigenergiehaus werden, um förderwürdig zu sein. Wo sind die massiven Umschulungsprogramme des ams, um die benötigten Fachkräfte zur Errichtung von Windrädern und PV-Anlagen oder für die Dämmung von Fassaden zur Verfügung zu stellen? Das alles – bei allem Verständnis für soziale Bedürftigkeit – wäre besser investiertes Geld als Klimaboni für jeden vom Generaldirektor über den Häftling bis zum Verstorbenen.

Und wo sind die Politiker, die das alles energisch vorantreiben statt sich vor allem mit Hilfspaketen zu beschäftigen? Dies ist eine Notsituation und in solchen darf man nicht mehr mit „Methode Vorsichtl, Hinsichtl und Rücksichtl“ agieren. Langsam sollte das auch der heimischen Bundesregierung dämmern. Und wer weiß – vielleicht steht sogar irgendwann in Windrad in Tirol? +++

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René Siegl war Wirtschaftsjournalist und leitete zuletzt knapp 25 Jahre lang die österreichische Betriebsansiedlungsagentur "ABA" (Austrian Business Agency). Heute lebt er als freier Autor und Wirtschaftsberater in Wien.