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Essay: Macht uns der Info-Overflow der Social Media gaga?

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Wir kennen das, eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln reicht zur Überprüfung: Menschen, junge wie alte, hängen am Handy und tippen sich durch die News auf Social-Media-Portalen. Machen Sie den Test, fahren Sie mit U-Bahn oder Straßenbahn und zählen Sie: Wie viele Fahrgäste lesen eine Tageszeitung, wie viele starren auf den Bildschrim ihres Handys? Jede Wette, das Handy gewinnt. Je jünger die Leute, desto mehr Handy, desto mehr Social Media.

Die 18-jährige Emilie Korb schreibt in Ihrem Essay in der neuen Ausgabe des Magazins “profil”: “Durch die Sozialen Medien gelangen wir in kürzester Zeit an Neuigkeiten. Schneller als ihr.”

Was die Social Media transportieren, ist nicht Information. Sondern Meinung. Was dazwischen liegt, nennt man Journalismus.

Ihr, das sind wir, die Älteren. Mag sein. Doch die Jungmaturantin unterliegt zwei Missverständnissen. Erstens: Das, was über die Sozialen Medien transportiert wird, ist zum großen Teil nicht Information. Sondern Meinung. Da liegt etwas dazwischen, das man Journalismus nennt. Und zweitens: Beim Transport echter Information an Endnutzer spielt Geschwindigkeit zwar eine Rolle, aber ein Formel-1-Rennen ist es nicht. In den meisten Fällen ist nicht entscheidend, ob man Information Sekunden nach einem Ereignis erhält oder eine Stunde später. Die Qualität macht den Unterschied. Und schnell sind inzwischen auch die traditionellen Qualitätsmedien, weil auch sie natürlich längst das Web nutzen. Informationsvorsprung ist heute, anders als noch vor 20 Jahren, nicht mehr in erster Linie eine Frage des schieren Tempos, sondern der Qualität. Wer News ein paar Minuten früher aus Chats mit Freunden oder vom Hörensagen aus seiner Social-Media-Blase bezieht, ist trotzdem nur Zweiter. Wer sie sich von Qualitätsmedien besorgt, egal ob in der Print- oder Web-Version, recherchiert, geprüft und geschrieben von professionellen Journalisten, gewinnt.

Natürlich ist es bequemer, sich die Welt von Freunden über Instagram und so weiter erklären zu lassen und sich dann für informiert zu halten. Aber das ist in Wahrheit das Gegenteil, nämlich: Desinformation. Unreflektiertes Blasen-Geplappere voreingenommener Menschen ersetzt keine Recherche. Wer hauptsächlich Nachrichten aus den Social Media glaubt, lässt sich direkt ins Drama transportieren. Weil dort Meinungsmache wichtiger als Verantwortung ist, stehen Vorurteilen und Vorverurteilungen Tür und Tor offen. Mit Folgen: Gesellschaften, deren Menschen sich hauptsächlich von Twitter und Co. informieren lassen, ebnen – als ein Übel von vielen – Opportunisten den Weg an die politische Macht, denen Mehrheit vor Wahrheit geht.

Es scheint kurios, dass ausgerechnet die totale Demokratisierung der Massenkommunikation – alle können heute alles an alle kommunizieren – zu einer Gefahr für demokratische Gesellschaften werden soll. Doch ebenso natürlich zeigt sich dabei auch eine der großen Stärken der Demokratie – sie ist erstaunlich resilient. In den USA wurde kürzlich ein illiberaler Präsident abgewählt, wenn auch unter Inkaufnahme erheblicher Kollateralschäden. In Österreich hat die Selbstreinigungskraft der Instanzen des Staates jüngst erst mutmaßlich Fake-News-Fabrikanten zum Rückzug gezwungen. Trotzdem: Wer sich hauptsächlich über Social Media informiert, läuft Gefahr, uninformiert zu bleiben, ohne es zu merken. Wer uninformiert ist, geht erblindend durchs Leben und über kurz oder trump, verzeihen Sie: über kurz oder lang politischen Blendern auf den Leim.

Könnte sich der Staat durchringen, mehr Geld in die Bildung zu investieren, wäre alles gewonnen.

Gegensteuern ist schwer, immer schon war Bequemes verlockender als Komplexes. Einfache Lügen lassen sich leichter glauben als komplizierte Wahrheiten. Es gäbe aber eine Schutzimpfung gegen das Social-Media-Simplifizierungsvirus: Bildung. Je gebildeter eine Gesellschaft, desto eher fordert sie echte Information, desto besser kann sie heiße Luft von gehaltvollen News unterscheiden. Desto weniger vertraut sie Fake News auf kleinen Screens, voller Grammatik- und Rechtschreibfehler, dafür gespickt mit halblustigen Piktogrammen. Könnte der Staat sich durchringen, mehr Geld in Bildung zu investieren, wäre alles gewonnen. Nicht hundert Millionen mehr, nicht eine Milliarde mehr, sondern viel mehr. Dann wäre der Konsum richtiger Nachrichten, egal ob via Print oder Web, den Menschen wieder ein Bedürfnis. Weil sie es besser wissen. Die Integration von News aus den Blasen ins eigene Meinungsbild träfe wieder auf eine Hürde, die derzeit verräumt scheint: Schwarmintelligenz.

Die Zauberformel für eh alles heißt also, wieder einmal, Bildung. Problem: Die Bildungsspritze wirkt nur als Langzeittherapie, flächendeckend und koordiniert anzuwenden. Das ist den politischen Entscheidungsträgern höchstwahrscheinlich eine zu komplexe Herausforderung. Dabei wäre es einfach: Ein Land, das über einen breiten Fundus an Schul-, Uni- und Berufsausbildungs-Absolventen verfügt und damit über Wissen, Können und Talent, muss sich keine Sorgen machen. Gebildete kommunizieren gekonnter, verantwortungsvoller, nachhaltiger. Die Social Media als maßgeblicher Nachrichtenlieferant wären rasch im Hintertreffen. +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.

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