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Essay: Am, im und um den Grazer Schlossberg

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Der Uhrturm am Schlossberg ist eine Berühmtheit. Aber der Berg, dieser Block mitten in Graz, kann noch viel mehr.

Als der Teufel Graz überflog und den Schlossberg als Felsbrocken fallen ließ, machte er der Stadt ein feines Geschenk. Eine Liebeserklärung an den Grazer Schlossberg.

Du musst jetzt stark sein, Salzburg. Du auch, Linz. Und Wien, du sowieso. Denn was eine richtig gute Stadt sein will, braucht einen gescheiten Berg.

Salzburg könnte mit Festungs-, Mönchs- und Kapuzinerberg eh einiges, aber naja. Der Linzer Pöstlingberg ist mehr Kinderkram. Wien hat gar nichts, der Spittelberg ist eine zugebaute Bodenwelle. Aber Graz! Unschlagbar in Österreich in Sachen Stadtberg. Graz hat den Schlossberg.

Der ist ein Star, der Donauwalzer aller Stadtberge quasi. Er durchtänzelt die Stadt mit einer Leichtigkeit, als wäre er ein Blatt, das von Lüften umschmeichelt wird. Er dreht selbstverliebte Pirouetten um die Menschen, die hier leben oder zu Besuch sind. Er macht sie verliebt in ihn, und mit ihm in die ganze Stadt. Der Schlossberg macht Graz erst richtig bunt – und zu der Stadt, die es ist.

Schon die Geschichte, wie der Schlossberg nach Graz kam, ist ein Bringer. Die Legende weiß, dass es der Teufel persönlich war, der einmal die Gegend überflog und zwei Felsen abwarf. Der größere schlug im Zentrum ein. Mit der Burg, die die Bewohner draufsetzten, wurde er zum Schlossberg. Der Abwurf stellte sich jedenfalls mit der Zeit als Liebesdienst des Teufels heraus.

So ein schöner Berg. Monolithisch wie ein Panzer, trotzdem leichtfüßig wie eine Ballerina, gruppiert er die Stadt mit Nonchalance um sich. Ohne Schlossberg wäre Graz nur ein Ort. Mit ihm ist es besonders. Am schönsten, Grazer wissen das von klein auf, ist es natürlich oben, weil die Aussicht ein Kaleidoskop ist. Man sieht von dort Dreierlei: Man sieht, was war. Was ist. Man sieht sogar, was sein wird.

Von oben am Schlossberg kann man in die Vergangenheit schauen: In der pittoresken mittelalterlichen Dachlandschaft des Zentrums, die von makelloser Schönheit ist, weil sie, als Weltkulturerbe geschützt, von neureichem Terrassen-Tand nicht geschändet wird, kulminiert Geschichte zu konservierten, verschachtelten, kantigen Wellenbergen. Man sieht sie heute so, wie man sie schon vor Jahrhunderten sah.

Vor allem sieht man von oben die Gegenwart: Sonnige, Café-bestückte Piazzas unten in der Altstadt, geschäftiges Treiben luftiger Menschen, alles so, als wäre Graz ein mediterraner Platz. Man sieht: In dieser Gegenwart lässt es sich gut leben.

Man kann sogar in die Zukunft schauen. Luftlinienblick: Drüben am Plabutsch, dem vernachlässigten Grazer Hausberg, könnte bald eine Seilbahn entstehen, die sich auf der einen Seite rauf und auf der anderen runter zum Thalersee spannt, ein Zukunftsprojekt. Man sieht den futuristischen Büroturm hinter dem Bahnhof, um den ein frisches Stadtviertel wachsen soll, die Smart City. Man sieht die Mur, das urbane Flüsschen, das die Stadtväter gerne als Strom begreifen würden. Ihre Idee: Es könnte mit einer Gondelbahn überbaut werden, und zwar der Länge nach. In südlicher Distanz dunstet der Augarten vor sich hin, wo ein Mur-Zugang mit Badestrand entstehen wird. Die Zukunft der Stadt, vom Berg aus betrachtet, sieht spannend aus.

Aber der Berg gibt mehr her, er ist eine Pendelbewegung der Liebe. Was ihm die Grazer an Zuneigung schenken, reicht er umstandslos zurück.

Die flauschigen Wege an den Hängen sind Best of Spazierengehen. Lokalitäten gibt es oben, schön wie nicht von dieser Welt. Schräg kann der Schlossberg auch sein, in seinem Bauch. Sein versponnenes Stollensystem aus dem letzten Weltkrieg ist eine Wundertüte: Ein Glaslift durch einen breiten Schacht zum Uhrturm hinauf, eine Schlängelrutsche um den Lift, angeblich die längste der Welt, eine Kindereisenbahn, ein Event-Saal im Fels, alles das gibt es. Innen drin, da rockt der außen so ruhend wirkende Berg.

Was noch zu sagen bleibt: Der zweite Felsbrocken aus des Teufels Fluggepäck war kleiner und landete weiter nördlich. Man baute ein Kircherl drauf, nannte ihn Kalvarienberg und ließ ihn ein vergessenes Dasein inmitten gesichtsloser Wohnsiedlungen fristen.

Ihn würdet ihr, Salzburg, Linz, und sogar du, Wien, locker in die Tasche stecken. Den Schlossberg nie. Der ist zu gut. Teuflisch gut. +++

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.