Start People Felix Dvorak am Schreibtisch: Des alten Mannes Landeplatz

Felix Dvorak am Schreibtisch: Des alten Mannes Landeplatz

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Ganz oben im dritten Stock seiner Wohnung liegt Felix Dvoraks Arbeitszimmer – ein Reich für sich mit einem Schreibtisch wie ein Flugzeugträger.

Felix Dvorak ist einer der großen, alten österreichischen Entertainer. Für ihn könnte der Satz gelten: My Home is my Castle is my Schreibtisch. such*stuff war bei ihm zu Hause Im dritten Stock einer geräumigen Maisonettewohnung in Grinzing in Wien.

So viele Bücher. Überall Bücher. Wer einen Fuß in die Wohnung Felix Dvoraks setzt, dieses Mensch gewordenen festen Inventarstücks österreichischer Unterhaltungskunst seit Jahrzehnten, der steht inmitten von Büchern. Sie sind das zentrale Element im Dasein des auch in seinem neunten Lebensjahrzehnt noch sehr aktiven Autors, Schauspielers, Kabarettisten, Intendanten und Unterhaltungskünstlers.

Außer meiner Familie sind mir meine Bücher das Liebste.

Außer meiner Familie, sagt Felix Dvorak, sind mir meine Bücher das Liebste, nichts ist so wichtig wie sie. Es sind Tausende, die sich über die drei Stockwerke der Dvorak-Wohnung verteilen, draußen im Wiener Heurigenbezirk Grinzing. Für ihren Besitzer liefern sie jene Inspiration, aus der er sich Ideen für das holt, was er tut. Dvorak schreibt immer noch, und zwar über alles mögliche. Die Ideen entstehen beim Lesen und später beim Nachdenken über das Gelesene. Daher ist es gar nicht so leicht, Dvoraks Arbeitsplatz zu beschreiben.

Denn sein Schreibtisch ist sein Kopf. Ob in der die Wohnung mit den vielen Büchern, am Esstisch im Ferienhaus auf dem Laguneninselchen Albarella südlich von Venedig, von dem aus man auf die Adria schauen kann, ist egal. Denn Dvoraks wichtigster Arbeitsplatz, sein Kopf, befindet sich ohnehin überall, wo er sich gerade aufhält und sich Gedanken über Dinge macht, die man zu einem Text, einer Pointe, einem Buch verarbeiten könnte. Nur das Aufschreiben geht meistens dann doch zu Hause in Grinzing vor sich. Und zwar im Arbeitszimmer ganz oben im letzten Stock der Wohnung, wo er sich eine Art Büro eingerichtet hat, das von einem langgezogenen Tisch dominiert wird – und von Büchern, natürlich.

Viel Platz ist in dem um die 15 Quadratmeter großen Zimmerchen nicht. Das liegt einerseits an den Billy-Regalen von ikea, Ausführung reinweiß, die drei der vier Wände bis unter die Decke flächig mit Büchern bepflastern. Vor allem aber liegt es an dem langen Schreibmöbel, das weit mehr als ein simpler Tisch ist. Von der Fensterwand weg durchschneidet es den Raum wie das Deck eines Flugzeugträgers das Meer, eine Landebahn für Dvoraks Ideen und Gedanken. Über drei Meter ist das massive, hellbraune Möbel lang, über einen Meter ist es tief. Früher waren die Dimensionen noch imposanter, denn Dvorak benutzte den Tisch bereits in seinem vergangenen Zuhause in Niederösterreich, da war insgesamt mehr Platz und der Schreibtisch konnte länger sein. Beim Umzug nach Grinzing wurde er von seinem Designer, dem Architekten Dietmar Matejcek, einem guten Freund Dvoraks, um rund ein Viertel gekürzt.

Felix Dvoraks Arbeitsplatz funktioniert in zwei Zonen. In der einen, ganz rechts und am Fenster, passiert das Schreiben. Dort dominiert die übliche Computer-Ausstattung, in diesem Fall ein Drucker und ein Macintosh. Den stylishen iMac hat Dvorak nicht so richtig im Griff , gibt er zu, und wird es wohl auch nie haben. Er schrieb viele Jahre mit einem gegen Ende hin bereits ein wenig verwitterten PC, bis ihn sein Enkel davon überzeugte, auf ein modernes Gerät umzusteigen. Dvorak kaufte, was ihm gefiel, daher die silberne Flunder im Alu-Look von Apple, die nicht wirklich zur ansonsten eher modebefreiten konservativen Getragenheit des Dvorak ́schen Arbeitszimmers passt. Der Mac steht an seinem Platz jedenfalls in direkter Opposition zu einer Brockhaus-Ausgabe im Regal gegenüber, für Dvorak eine Ironie des Fortschritts:

Da habe ich seinerzeit viel Geld in den Brockhaus investiert, und jetzt gibt es Google.

Auch im Hause Dvorak hat sich der Mac als hauptsächliches Arbeitsgerät inzwischen durchgesetzt.

Da habe ich seinerzeit viel Geld in den Brockhaus investiert, um immer ein umfassendes Nachschlagewerk griffbereit zu haben, sagt er, und jetzt gibt es Google. Inzwischen ruht die Enzyklopädie unbenutzt hinter ihm in Kopfhöhe, denn Dvorak googelt einfach im Mac, was er braucht.

Um den Computer hat er sich sein kleines Universum an Schreibutensilien sorgfältig zurechtgelegt, Stifte, Notizblöcke, Kalender, Kleinkram. Nichts liegt dabei quer oder verstreut, alles kauert sich Kante an Kante aneinander, Länge an Länge, Spitze an Spitze, fein säuberlich und in strenger Ordnung. Sogar die Leeräume zwischen den Dingen, möchte man glauben, könnten ausgemessen und nicht zufällig entstanden sein.

Vielleicht liegt es an Dvoraks fortgeschrittenem Lebensalter, in dem man die Dinge wohl geordneter sieht und sie auch in festen Beziehungen zueinander auf seinen Tischen liegen haben möchte. Felix Dvorak scheint jedenfalls Protagonist einer adretten, properen, segmentierten Lebenseinstellung zu sein. Die pflanzt sich auf den restlichen zwei Metern seines Schreibtisches fort, in dessen linker Hälfte. Dort platziert der bei seinem Publikum nach wie vor höchst beliebte Entertainer alltägliche ideelle Habseligkeiten in Stößen. Magazine, Bücher, Korrespondenzen, Aufzeichnungen, je nachdem. In Gruppen wandern und wechseln sie ihre Lage. Mal liegt dieses an jener Stelle, dann wieder jenes an der anderen. Aber es sind doch feste Stöße, die auf Dvoraks Schreibtisch für ein kontinuierliches Regime der Genauigkeit sorgen.

Wenn Felix Dvorak an seinem Schreibtisch arbeitet, folgt er zwei Schrullen, dem Alter geschuldet womöglich auch sie. Er schreibt, wenn er mit der Hand scheibt, nur in Großbuchstaben und ohne Ausnahme mit einer bestimmten Sorte von Wegwerf-Füllfedern, die er in den Tiefen der Laden des Tisches in Schachteln hortet. Geht einer Feder die Tinte aus, wird die nächste in Betrieb genommen. Gehen die Schachteln zur Neige, wird en gros nachbestellt.

Dvoraks große Schrulle ist das Tragen marokkanischer Arbeitskleidung beim Schreiben, er streift da immer eine sogenannte “Djellaba” über.

Dvoraks zweite Schrulle ist seine Arbeitskleidung – eine original marokkanische Djellaba. Wie eine Tunika fällt das in Grau- und Schwarztönen gestreifte orientalische Kleidungsstück von den Schultern zu den Knöcheln, eine ausladende zurückgeklappte Kapuze bedeckt den Rückens des Trägers. Bei den Dreharbeiten zur Klamauk-Komödie „Himmel, Scheich und Wolkenbruch“, zu der Dvorak das Drehbuch verfasst und in der er eine Hauptrolle gespielt hatte, entdeckte er die Djellaba vor Ort im Maghreb für sich. Er nahm sich die Requisite mit nach Hause, ließ später in Wien ein originalgetreues zweites Exemplar anfertigen und denkt und schreibt seither nur mehr in dieser Adjustierung. Konkurrenzlos bequem, sagt er.

Wie die Arbeitskleidung, hat in der Grinzinger Wohnung alles seine Geschichte. Widmungen an der Wand, darunter Kleinode wie von Hans Moser oder Gerhard Bronner eigenhändig verfasste Zeilen. Oder Bilder, von denen es beinahe so viele gibt wie Bücher, und die jeden freien Fleck an den Wänden bedecken. Dvorak hat sich alle Exponate in einem langen Künstlerleben von Kollegen schenken lassen oder sie bei multiplen Gelegenheiten gekauft. Wichtig sind sie ihm alle, am wichtigsten ein Bild von seiner Frau und ihm selbst, das über dem Schreibtisch hängt, neben dem Fenster, ständig im Blickfeld, wenn Dvorak am Mac zugange ist.

Zwei bevorzugte Arbeitsplätze frequentiert Felix Dvorak in seiner Wohnung als Alternative zum Schreibtisch, beide im verschachtelten Wohnzimmer. Da gibt es einen Fauteuil mit Fußhocker in einer Ecke unter einer Karikatur seines Besitzers, dort sitz er gerne in der Djellaba und liest. Auch auf der ausladenden braunen Couch einige Meter weiter macht Dvorak es sich oft gemütlich, zumeist, wenn er mit dem iPad recherchiert. So wie der Brockhaus und der Mac oben am Streibtisch, treten dann einen Stock tiefer das traditionelle marokkanische Kleidungsstück und das moderne Arbeitsgerät in Diskurs. Womöglich verspotten sie einander sogar ein wenig. Dem Komiker-Naturell Dvoraks würde so ein kleiner Streit wohl entsprechen.

Und er könnte die Bücher, an denen er gerade arbeitet, womöglich mit spöttischen Ideen befeuern: Egal, worum es geht, ich schreibe immer über das, was mir an meiner Umwelt so auffällt, sagt er.

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Klaus Puchleitner arbeitete lange Jahre als Wirtschafts- und Innenpolitikjournalist für die Magazine FORMAT, trend und Industrie. Heute lebt er als freier Autor in Graz und Mondsee und schreibt für Medien wie trend, freizeit-Kurier, profil, bestseller oder Horizont über Wirtschaft, Reise, Politik und alle möglichen weiteren Themen. Puchleitner ist auch als Ghostwriter und Sachbuchautor tätig.